Die Schauspielerin Sandra Hüller mit blonder Perücke, rauchend, in einem geparkten Auto sitzend, im Hintergrund ein Wald
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In einem neuen Film befreit die Schauspielerin Sandra HülIer Ingeborg Bachmann aus dem Korsett des Tragischen. Ein Gespräch mit Regisseurin Regina Schilling und Sandra Hüller über ihr komplexes Filmporträt der Autorin.

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„Jemand, der einmal ich war“, so hat Ingeborg Bachmann einst die ein wenig fremde Gestalt genannt, die sie im Rückblick auf sich selbst erkannt hat – und so heißt auch ein neuer Film, der sich der Kärntner Dichterin, pünktlich zum 100. Geburtstag, gleichsam kaleidoskopisch nähert. Die Berliner Regisseurin Regina Schilling verbindet darin zahllose Archivfunde – Fotos, Filmsplitter und Tondokumente der Schriftstellerin – mit assoziativen Spielszenen, in denen die Charakterdarstellerin Sandra Hüller Bachmann weniger verkörpert als vielmehr über die Jahrzehnte hinweg mit ihr kommuniziert, ihren Mythos, ihr öffentliches Bild neu überdenkt.

Hüller versetzt sich in die Autorin, überlässt sich den alltäglichen Leerläufen der späten Bachmann-Jahre in Rom und spricht ihre Texte aus dem Off, ohne ihre Figur zu imitieren oder zu historisieren: ein Spiel mit Unähnlichkeiten und Zeitbrüchen.

Regisseurin Regina Schilling und die Schauspielerin Sandra Hüller stehen nebeneinander vor einer Hauswand
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Ihr Film ist auch eine Art Statement gegen den Versuch, eine legendäre Dichterin einfach „nachzuspielen". Wie ist das entstanden?

Regina Schilling

Klassisches Reenactment wollte ich auf jeden Fall vermeiden, ein Biopic ebenso. Mir war immer klar, was ich nicht wollte. Was ich wollte, hat sich erst mit der Zeit ergeben. Ein entscheidender Moment war, als Sandra meinte, es sei besser, Ingeborg Bachmann nicht im On zu sprechen. Es war bereits einiges an Voice-Over geplant, aber ab und zu sollte da beispielsweise ein Brief liegen, den sie vorliest. Aber da kam mir Sandras Klugheit und Erfahrung zu Hilfe. Sie sagte, sie möchte Bachmann lieber in Archivaufnahmen hören und die von ihr vorab eingelesenen Texte beim Drehen zugespielt bekommen. So ist diese sehr besondere Form entstanden.

Frau Hüller, Sie versuchen gar nicht, in Ihrer Interpretation der Bachmann-Texte der Diktion der Autorin nahe zu kommen. War es entscheidend, diese Texte ganz persönlich zu interpretieren – und eben nicht so, wie es Ingeborg Bachmann selbst geklungen hat?

Sandra Hüller

Für mich war das wichtig, ja. Weil es sonst eine seltsam eitle Anstrengung geworden wäre, die bloß mich in den Fokus gerückt hätte. Es ging aber nicht darum, mir als Spielerin dabei zuzusehen und zuzuhören, wie ich das mache. Sondern es ging wirklich darum, nochmal genau zu registrieren, was sie da eigentlich gesagt hat. Und das ist eben sehr eindrücklich. Das wollten wir in den Mittelpunkt stellen.

Schilling

Es wäre verfehlt gewesen, wenn Sandra diese Texte in österreichischem Idiom gesprochen hätte. Und es ist ja auch manchmal anstrengend, Bachmanns sehr eigenwilliger Stimme zu folgen. Ich finde, Sandra macht diese Texte genauso groß, wie sie mir erscheinen, wenn ich sie alleine lese. Da entsteht keine Konkurrenz, im Gegenteil: Sie macht sie als Texte gewissermaßen allgemeingültig, lässt sie als Literatur erstrahlen.

Mir scheint, dass so, wie Ingeborg Bachmann gesprochen und geschrieben hat, heute nicht mehr gesprochen und geschrieben werden kann.

Hüller

Ich weiß gar nicht, muss man das? Es gibt ja heute auch keinen Thomas Mann mehr.

Schilling

Ich kann bis heute nicht entschlüsseln, woher das Singuläre dieser Texte rührt. Für mich klingt da natürlich auch der Sprachraum dieses k.u.k. Österreich mit. Ich habe gerade wieder angefangen, Joseph Roth zu lesen. Da finde ich bisweilen auch Bachmanns Sound wieder. Sie schrieb einerseits radikal modern, wollte eine neue, ureigene Sprache finden. Aber sie hat auch diesen alten schriftstellerischen Kulturraum da mit hineingebracht.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.