Die internationale Nachfrage an dem Film hat sich seither stark erhöht: Der Arthouse-Streaming-Dienst Mubi hat sich gerade die Kinorechte für Nord- und Südamerika, Großbritannien, Irland, Australien, Neuseeland, Italien und die Türkei gesichert. Am 16. April wird „Rose“ Österreichs Kinos erreichen.
Anthrazit- und Silbergrau
Im Grazer Hotel Weitzer sitzen Markus Schleinzer, 54, und sein aus Berlin angereister „Rose“-Co-Star Caro Braun, 26: Sie spielt die zunächst eingeschüchterte, aber bald eigene Freiheitsgedanken hegende Ehefrau des seltsamen Fremden – mit einem Eigenwillen, den an der Seite der Weltklasseschauspielerin Hüller nicht viele Newcomerinnen zuwege brächten. „Rose“ hat in Graz gerade das Diagonale-Filmfestival eröffnet – eine im karstigen Südharz gedrehte, archaische Kinovision in Schwarz, Weiß, Anthrazit- und Silbergrau, die tief in die Filmgeschichte zurückverweist, an die transzendenten Erlösungsfantasien des Dänen Carl Theodor Dreyer, die atmenden Landschaften des Ungarn Béla Tarr und den Minimalismus des Franzosen Robert Bresson. All diese Referenzen seien natürlich präsent, da schlage eben sein „Nerdtum“ durch, gesteht Markus Schleinzer, mit dem er sein Ensemble jedoch nicht weiter belastet habe. Er liebe aber die Idee, Hüller im letzten Teil des Films zu einer Jeanne d’Arc zu modellieren, sie in das Ebenbild ihrer Vorgängerin Renée Falconetti zu verwandeln, die 1928 in Dreyers „Die Passion der Jeanne d’Arc“ als Schmerzensfrau bleibenden Eindruck gemacht hat. Im Rahmen seiner Recherche habe er, sagt Schleinzer, zudem nicht nur zahllose historische Bücher zum Thema gelesen, sondern auch alle verfügbaren historischen Crossdressing-Filme gesichtet.
Es ist angesichts der komplizierten Vorarbeiten überraschend, wie ökonomisch „Rose“ gestaltet ist: Die Eckpunkte des Plots werden nur sanft berührt, bleiben Andeutung. Fast literarisch wirkt „Rose“ mit der weiblichen Erzählstimme aus dem Off, den historisch anmutenden Inserts und einer Protagonistin, die am Ende noch ihr Leben zu Papier bringt. Roses Geschichte, könnte man meinen, sei in einem Archiv gefunden worden. Es gebe tatsächlich Verschriftlichungen solcher Enttarnungen von Frauen, die als Männer durch die Welt gegangen sind, so Markus Schleinzer, etwa das Schicksal der Catharina Linck (1687–1721), der letzten Frau in der deutschen Gerichtsgeschichte, die – lesbisch lebend – wegen „Sodomie“ zum Tod verurteilt und von der Autorin Angela Steidele in einer Biografie 2004 verewigt wurde.
Er wollte Roses Geschichte „unbedingt wie eine Literaturverfilmung erscheinen lassen“, sagt der Regisseur, deswegen komme der Film ein wenig daher wie Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Es existiere sehr viel Literatur zu männlichen Trickstern, zu Münchhausen, Felix Krull, Grimmelshausen. Aber zu sich verstellenden Frauen gebe die Weltliteratur wenig her. „Unser Versuch bestand darin, zu behaupten, es gäbe einen Kanon, in dem sich Frauenfiguren wie Rose finden. Das war der doppelte Trick im Schreiben des Drehbuchs.“
Viele Ideen, die sich darin fanden, wurden gedreht, in der Schnittphase aber als zu ausführlich erkannt und eliminiert: Im Drehbuch gab es etwa, berichtet Schleinzer, einen ersten Teil, in dem Rose noch als Soldat auftritt; Szenen, die zeigen, wie sie kämpft, manipuliert und befürchtet, dass es in dem Dorf, das sie ansteuert, noch Menschen gibt, die sich an den Knaben, der sie einmal gewesen sein will, erinnern müssten. „Das Martyrium dieser jungen Frau war um eine Kurve länger. Und es ist eine Sache, von Leid zu lesen, aber eine andere, das Leid zu bebildern. Es sollte in unserem Film keinerlei Verhandlung über den nackten Körper geben. Es war von vornherein auch geklärt, wie Sexualität gefilmt wird, aus welcher Distanz – und dass es nicht darum gehen wird, Detailaufnahmen von Körperteilen zu zeigen. Weil ich diesen Voyeurismus nicht bedienen möchte.“
Emanzipation und Queerness
Als Caro Braun, die zwischen 2019 und 2023 am Salzburger Mozarteum studierte, sich fürs Casting bewarb, konnte sie nicht ahnen, was auf sie zukommen sollte. Sie erhielt für ihr Vorsprechen nur zwei Szenen, nicht das ganze Drehbuch. Die „Beschränkung und Kläglichkeit“ ihrer Rolle habe sich darin aber angedeutet. „Dann gab es in mir die Lust, dieser Figur ein Stück Freiheit zu schenken.“ Sie habe es genossen, aus den Theaterräumen nach draußen zu kommen, einen Monat lang an der frischen Luft zu drehen. „Ich halte mich ja sonst meist auf Bühnen, in schwarzen Boxen ohne Fenster auf. Und dann – das ist eine von Markus’ großen Stärken – habe ich mich so stark gemeint gefühlt mit allem, was ich mitbrachte, mit dem Schmerz, der Freude, der Emanzipation dieser Figur. Und auch mit der Queerness, die da mitschwingt.“
Es gehört zu den überraschendsten Wendungen in „Rose“, wenn die beiden Frauen im Zentrum zu einer – wenn auch sozial erzwungenen – Übereinkunft kommen, die eine Aufhebung der patriarchalen Machtverhältnisse bewirkt und zu einer Solidarität führt, die beiden kurzfristig neue Freiheit gewährt. In den verhärteten Hierarchien blitzt ungeahnt eine Utopie auf, die mit dem Fallen der Geheimnisse zusammenhängt.
„Wenn man allein im Wald spazieren geht, kann man sich frei fühlen“, sagt Markus Schleinzer. „Aber wirklich frei sein kann man nur in Gemeinschaft, mit anderen. Es zeigt sich erst in der Kommunikation, ob und wie sehr du frei bist, wovon du dich frei machen musst. Deshalb ist der Moment der gemeinschaftlichen Utopie dieser beiden Frauen ein zentraler Anker in unserem Film.“ Es gebe den großen Wunsch danach, positive Geschichten zu erzählen, ergänzt Caro Braun, „Ausblicke zu finden in eine weniger schmerzliche Zukunft. Das Aufschreiben ihrer eigenen Geschichte ist darum so wichtig in Roses Erzählung, denn ,Realität‘ bauen wir uns am Ende alle selbst. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es doch noch so licht wird in diesem Film, immer wieder auch hoffnungsvoll in dieser Düsternis.“
Das Geschichtenerzählen sei eben „unser zentrales Thema“, meint Schleinzer. In der Mitte des Films wird uns bloß berichtet: „In jener Nacht sprach Rose bis zum Morgengrauen.“ Was sie inhaltlich genau erzählt, wird uns vorenthalten. „Weil es darum gar nicht geht, sondern um das Erzählen selbst. Wer hat das Narrativ, wer bestimmt dich, wo stehst du? Das sind mir entscheidendere Themen als die individuellen Storys selbst.“
Nur ein Stückchen Fleisch
„Rose“ ist nicht nur in Gender- und Identitätsfragen sehr aktuell, der Film thematisiert auch die Angst und Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft von allem irgendwie Abweichenden. Das sei eben die Absurdität, sagt der Regisseur. „Denn die Gesellschaft zieht Nutzen daraus, dass es da eine Person gibt, die aktiv wird und einen heruntergekommenen Hof wieder zu einem Wirtschaftsfaktor macht, woran die Leute verdienen, sich nähren. Rose rettet sogar ein Menschenleben – aber am Ende ist das fehlende Stückchen Fleisch zwischen den Beinen doch das stärkere Argument.“ Das Problem sei „die systemische Lust an der Macht. Die Hose ist auch nur ein Symbol, wie das Kopftuch. Es gibt unterschiedliche Instrumentarien, mit denen man Macht ausüben kann. Und die Macht dient immer dazu, sich zu distanzieren und zu erhöhen.“
Er habe ein Kinderbuch gehabt, erinnert sich Schleinzer, das „Alle Kinder nach Kinderstadt“ hieß. Es erzählte davon, dass sich alle Generationen untereinander zerstritten hatten. „Und so müssen alle Großmütter in einen Bezirk, alle Großväter in einen anderen, alle Väter, Mütter und Kinder in wieder andere. Es werden Mauern gebaut, damit nur jene, die vermeintlich gleich sind, zusammenleben können. Bis nachts das erste Enkelkind an die Mauer geht und dahinter seine Großmutter weinen hört. Dieses Horrorbuch hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe damals als Kind schon nicht verstanden, warum das, was uns voneinander unterscheidet, uns auch voneinander trennen sollte. Und da bin ich aber nicht naiv. Natürlich gibt es Dinge, die sind, so wie wir sozialisiert sind, vermeintlich unvereinbar. Aber ich glaube, dass wir als Gesamtgesellschaft belastbarer sind, als wir einander heute zumuten.“
Wenn sie Rose im Film schreien höre: „Habe ich eure Schwänze gesehen? Frage ich euch danach? Aber gut, können wir gerne machen.“ Dann stelle sich, sagt Caro Braun, die Frage: „Wer muss seine Menschlichkeit auch heute noch im täglichen Leben die ganze Zeit ausstellen? Ich denke an Leute mit Migrationsgeschichte aus meinem Freundeskreis, die besonders nett sind, besonders höflich, besonders zuvorkommend, um nicht ihre Menschlichkeit abgesprochen zu kriegen.“
Mit Alexander Brom, der den Drehbüchern von „Angelo“ und „Rose“ Entscheidendes hinzugefügt hat, arbeitet Schleinzer derzeit übrigens an einem Musical zum Leben des Pop-Countertenors Klaus Nomi. Und nachdem er bislang alle seine Regiearbeiten mit den Vornamen seiner Hauptfiguren betitelt hat, wird sein nächster Film also schlicht „Klaus“ heißen? „Ja“, sagt Markus Schleinzer lächelnd, aber das passe ja auch, denn es werde nicht so sehr um den Popstar Nomi als um den Menschen Klaus gehen. Er setze sich so sehr mit den zentralen Gestalten seiner Filme, mit deren Wünschen und Träumen auseinander, dass er sie am Ende nur mit Vornamen benennen könne. „Die sind mir als Michael, als Angelo, Rose oder Klaus eben näher als irgendetwas, das dann ,Die Nacht der sieben Stunden‘ heißt oder ,Der Tag, an dem der Regen fiel‘.“