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Kultur
05/29/2022

Kotz-Comedy mit Sozialschiffbruch: Goldene Palme an "Triangle of Sadness"

Die 75. Cannes-Edition wird nicht als Ruhmesblatt in der Geschichte dieses Festivals zu finden sein.

von Stefan Grissemann

Das „Traurigkeitsdreieck“, das im Titel jenes Films steht, der am Samstagabend überraschend das Festival in Cannes gewonnen hat, bezeichnet die im Fall deutlicher Verstimmung dreieckig gerunzelte Stelle zwischen den Augenbrauen. Man muss das nicht wissen, denn es hat mit dem Film selbst so gut wie nichts zu tun, der von einer Luxuskreuzfahrt berichtet, die im Desaster endet; die wenigen Überlebenden lernen anschließend auf einer Insel, wie leicht unter veränderten Vorzeichen die etablierten Machtverhältnisse ins Wanken kommen.

Der Schwede Ruben Östlund ist in Cannes kein Unbekannter: Schon sein letzter Film, die feine Kunstbetriebssatire „The Square“, wurde 2017 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, und seit 2008 war jedes seiner Werke im Programm des Festivals an der Croisette zur Uraufführung gekommen. Östlund hat sich mit sarkastischen, raffiniert gebauten Meisterstücken wie „Play“ (2011) und „Turist“ (2014) als einer der originellsten, auch smartesten Filmemacher Europas einen Namen gemacht, psychologische Zuspitzung und ästhetische Präzision stets in delikater Balance gehalten. „Triangle of Sadness“ besitzt wohl noch die Originalität, die Östlund zugeschrieben wird, aber der komödiantische Feinsinn, den man bislang mit ihm verbunden hat, ist ihm merklich abhanden gekommen. Der Film, dem die von dem Schauspieler Vincent Lindon geleitete Jury nun unerklärlicherweise ihren Hauptpreis verliehen hat, serviert sowohl seine Pointen als auch seine Sozialkritik mit der Planierraupe.

Ein junges Model-Paar, das sich anfangs (in der noch besten Sequenz dieser Inszenierung) in einem feinen Restaurant angesichts der Frage, wer von beiden die Rechnung zu zahlen – oder diese zumindest wahrzunehmen – habe, in die Haare kriegt, findet sich an Bord eines teuren Cruisers wieder, der erstaunlich dicht mit verhaltensauffälliger Oberschicht, herablassendem Geldadel und Opfern ihres eigenen Narzissmus besetzt ist. Ein Menü mit verdorbenen Meeresfrüchten sorgt, während zeitgleich ein Taifun herauszieht, für ein schnell entgleisendes Chaos aus öffentlich Erbrochenem und die Toiletten zum Überfluss bringender Diarrhöe (die von Sunnyi Melles gespielte Diva trifft es besonders übel), das nur der dauerbetrunkene Kapitän (Woody Harrelson) und ein spitzfindiger Oligarch (Zlatko Buric) heiter finden. Piraten versenken anschließend das Schiff – das Drehbuch könnte ein schlechter Östlund-Parodist geschrieben haben –, und diejenigen, die anderntags noch lebend an den Strand gespült werden, beginnen ihren Überlebenskampf, in dem eine der Reinigungskräfte der Jacht, als einzige, die fischen und Feuer machen kann, naturgemäß zum neuen Boss der Gruppe wird.

Man merkt schon: Die gesellschaftliche Analyse, die dieser Film vornimmt, bleibt recht äußerlich, und auch an kinematografischer Exzellenz mangelt es hier ernstlich. Man weiß nicht, was die Jury der 75. Kinofestspiele in Cannes geritten haben mag, als sie sich für diesen Film, Östlunds jedenfalls mit Abstand schwächsten, entschieden hat; zumal sie zwei wesentlich souveränere Arbeiten, Claire Denis’ sehr freie Denis-Johnson-Adaption „Stars at Noon“, einen nicaraguanischen Liebes- und Politfiebertraum, und Lukas Dhonts feingliedriges Jugendmelodram „Close“ nur (oder: immerhin) ex aequo mit ihrem Grand Prix bedacht haben. Auch den Jurypreis vergab man an gleich zwei Filme: an Jerzy Skolimowskis wenig stimmige Esel-Odyssee „EO“ sowie an das eher konventionelle Existenzdrama „Acht Berge“ (Regie: Felix van Groeningen und Charlotte Vandeermersch). Als besten Regisseur zeichnete man den Koreaner Park Chan-wook aus, mit einem speziellen Preis zum 75. Jubiläum noch das antirassistische Sozialdrama „Tori et Lokita“ der Belgier Luc und Jean-Pierre Dardenne („La promesse“; „Rosetta“), die darin jedoch – ganz ähnlich wie Östlund – ihre alte Subtilität schmerzlich vermissen lassen. Die deutlich ungewöhnlicheren Filme, die David Cronenberg, Kelly Reichardt, Arnaud Desplechin und James Gray heuer vorgelegt hatten, gingen leer aus.

Die 75. Cannes-Edition wird dereinst nicht als Ruhmesblatt in der Geschichte dieses Festivals zu finden sein.