In der Medizin kann Künstliche Intelligenz mit ungeahnter Präzision assistieren.
KI hat Konsequenzen: Glanz und Elend einer dominanten Technologie
Kein Mensch weiß, wie es weitergehen wird: Ob die so rasant lernenden Maschinen uns im Tigersprung in eine bessere Welt befördern werden – oder ob sie uns tatsächlich das Wasser abgraben und nicht nur zahllose Jobs kosten, sondern uns möglicherweise auch lebensgefährlich werden können, wie manche Experten im vergangenen Jahr breitenwirksam-dämonisch an die Wand gemalt haben. Das war und ist einerseits spannend mitzuerleben, andererseits aber eben auch ein bisschen unheimlich, denn künstliche Intelligenz durchdringt längst unser aller Leben. Und auch jene, die an der Entwicklung und Finanzierung all der Chatbots und all der Sound-&-Vision-Generatoren arbeiten, die uns umgeben, zittern vor den kommenden Ereignissen. Das Schreckgespenst einer möglicherweise demnächst platzenden KI-Blase steht im Raum.
In der Berichterstattung über Glanz und Elend der neuen Technologien dominierte 2025 eindeutig die Unheilsprophezeiung: Die Tristesse der Meldungslage reichte von fahrlässig mangelnder Transparenz und schwer verletzten Urheberrechten bis hin zur drohenden Abschaffung der Menschheit durch autonom agierende Maschinen, die sich von einem vergleichsweise geistesschwachen Homo sapiens nicht mehr beherrschen lassen wollen. Einiges davon ist bereits von der schnöden Wirklichkeit gedeckt: Die Arbeitsplatzvernichtung etwa durch geklonte Stimmen und automatische Übersetzungen findet in großem Stil schon statt. Und das Schreiben an sich ist in Bedrängnis geraten, damit verbunden aber auch der individuelle Erkenntnisgewinn. Denn jetzt, da die KI-Apparate auf Knopfdruck alle Hausaufgaben, Seminararbeiten und journalistischen Pflichten erledigen können, fallen naturgemäß nicht nur Denkleistung und Geistestraining flach, sondern auch all die entlegenen Ideen, die erst über intensives Reflektieren (und menschliches Assoziieren) zu haben sind.
Prompt gepromptet!
Sicher ist nur, dass mit dem Instrument KI alles gemacht werden wird, was gemacht werden kann. Was wir prompten können, wird prompt, also ehestmöglich gepromptet werden, egal, ob es sinnvoll erscheint oder für den Gesamtzusammenhang „menschliche Gesellschaft“ doch eher schädlich.
Geschätzte 800 Millionen Menschen verwenden bereits jede Woche ChatGPT – den großen Gleichmacher, der das Gute will und stets nur das Naheliegende schafft, das für die meisten Geltende, den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wenn er nicht gerade seinen allfälligen Halluzinationen nachhängt wie ein grundlos verwirrter, von all seinen Aufgaben überforderter Teenager.
Und doch greift eine fundamentale Misstrauenskrise um sich: Der Zug zum Deepfake, der den KI-Systemen eigen ist, lässt die Zivilgesellschaft erschaudern; den Bildern und Stimmen ist nicht mehr zu glauben – und die fatale Entwertung des einstigen „Sehens mit eigenen Augen“ hat unser Weltverständnis beschädigt. Wo virtuos gefälschte Instagram-Clips aus Kriegsgebieten für politische Empörung und Radikalisierung sorgen können, wo täuschend echte Hilferufe von Freunden oder Verwandten uns zur Übermittlung von Kontodaten und Notfallzahlungen bewegen können, ist jede pragmatische Situationseinschätzung ausgehebelt.
Indes knirschen die Gebetsmühlen der Software-Unternehmen erheblich, und die Lippen bekennen, woran der Kopf schon nicht mehr glaubt: Unter den rhetorischen Beschwichtigungsfiguren ragen Phrasen wie „verantwortungsvoller Umgang mit der Technologie“, die „Gewährleistung der User-Sicherheit“ und der „Schutz der Urheberrechte“ heraus (sehr gern, aber wie?); zwei lobende Erwähnungen für besondere Dreistigkeit gehen an die „Innovationsförderung zum Wohle der Gesellschaft“ und den „Respekt vor der Bedeutung von Kreativität“. Es herrscht süßer Weihnachtsfrieden im Bla-Bla-Land des Tech-Optimismus.