Schriftsteller Bärfuss: „Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht“
Nach 15 Jahren des Schweigens treffen sie einander wieder. Der Sohn fliegt von New York nach Boca Chica in der Karibik, wo seine Mutter in einem unscheinbaren dreistöckigen Gebäude lebt, drei Zimmer und eine Küche. Bald monologisiert Ursula in einem Ton, als spräche sie zu einem Fremden, während im Sohn Wut und Verzweiflung hochkochen.
Die Einheimischen seien dumm und faul, die Frauen nur Titten und Arsch, schimpft Ursula über ihr Refugium. Affen seien die Menschen hier, man müsse nur in deren Gesichter schauen.
„Ein Gespräch, ein offenes Wort war undenkbar“, schreibt Lukas Bärfuss in „Königin der Nacht“, seinem neuen, autobiografisch angeschnittenen Buch über seine Mutter: „Er musste sich damit abfinden. Seine Mutter wollte keine Beziehung zu ihm.“ Ehe der Sohn seine Mutter wiedersehen wird, werden weitere Jahre vergehen.
„Königin der Nacht“ setzt ein, als der Sohn Ursulas Wohnung entrümpelt, die an einem Herzinfarkt gestorben war. „Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod. Eine Geschichte, die nie zu Ende ist und mit dem Sterben erst beginnt.“
„Königin der Nacht“ ist zwingend ein Porträt vieler Leerstellen geworden: Ursula arbeitete als Barfrau im Dunstkreis der Prostitution. Als sie älter wurde, jobbte sie als Reinigungskraft in einem Autohaus, in einer Munitionsfabrik füllte sie Pulver ab. Der metallicblaue Mitsubishi Colt in der Tiefgarage war ihre große Liebe, Kinder nannte sie „Karnickel“, ihr eigener Sohn war ein „Betriebsunfall“.
Eine Mutter, die nie tröstete, nie ein blutig geschlagenes Knie verarztete, die sich körperlich vor ihrem eigenen Kind ekelte. Keine gemeinsamen Schwimmbad- und Spielplatzbesuche, keine zärtlichen Gesten, kein Augenblick ungeteilter Aufmerksamkeit: „Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht.“