© KLAUS.PICHLER

Kultur
08/17/2016

Letzte Runde

Die Wiener Branntweiner sterben aus.

von Karin Cerny

Nirgends sind die Stammgäste treuer: "Wenn ich in der Früh aufsperre, stehen die Leute schon bei der Tür, na logisch!", sagt Hermine Horacek, Betreiberin der Weinstube Stumpergasse. Man nennt Lokale wie ihres Branntweiner, Hüttn oder Tschocherln. Sie sind gnadenlos verraucht, es gibt nichts Warmes zu essen, dafür wird jede Menge Alkohol konsumiert. Vor allem ältere Menschen verbringen den ganzen Tag hier, sie wirken schon selbst wie Inventar. Und falls sie einmal nicht auftauchen, dann ruft die Wirtin an, um nachzufragen, ob eh alles in Ordnung ist.

Der heimische Fotograf Klaus Pichler und der Journalist Clemens Marschall haben vier Jahre lang diese Lokale besucht, Kontakt zu den Menschen aufgenommen, die sich erstaunlich locker in ihrer Gegenwart verhalten haben - einige beweisen sogar theatralisches Talent. Gleichzeitigt beschönigt der Fotoband "Golden days before they end" aber auch nichts. Man sieht Betrunkene, die am Tisch eingeschlafen sind, Wirtinnen, die renitente Besucher mit dem Besen vertreiben.

"Es sind viele Bekanntschaften entstanden", erzählt Pichler. "Wir waren überrascht, wie gut Betreiberinnen und Gäste über die Zeitungsartikel, die zu unserem Buch erschienen waren, informiert sind." Mehr als 100 Lokale haben die beiden dokumentiert, rund ein Drittel hat mittlerweile geschlossen. "Diese Generation an Beislgängern stirbt langsam aus. Dabei gibt es hier regelrechte Ersatzfamilien, die Orte funktionieren als Nachbarschaftszentren", erklärt Pichler, der übrigens nirgends Alkohol konsumiert hat, weshalb er den Spitznamen "der Fotograf, der nichts trinkt" bekommen hat.

Klaus Pichler, Clemens Marschall: Golden days before they end. Edition Frey. 250 S., EUR 52,-

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