Könnten Sie sich wenigstens mit dem störrischen Esel anfreunden?
Köhlmeier
Das mag freundlicher klingen, kommt aber auf das Gleiche hinaus. Eine bisschen Sturheit, naja. Meine Sturheit zeigt sich, dass ich nach Streitereien mit meinem Gegenüber nicht rede. Eine Zeitlang zumindest.
Woran denken Sie als erstes, wenn Sie den Begriff „Kompromiss“ hören?
Köhlmeier
Interessanterweise an Gotthold Ephraim Lessing, und zwar nicht deshalb, weil dieser deutsche Dichter über den Kompromiss geschrieben hätte, sondern weil er in einer seiner Schriften anmerkte, dass eine literarische Figur, sobald sie redet, für sich selbst recht haben müsse. Als Romancier habe ich am Schreibtisch mit einer Unzahl an Figuren zu tun: Schließe ich mich ihrer Sache nicht an, produziere ich schlechte Literatur und schreibe einen Pappkameraden, frei zum Abschuss – weil ich es vielleicht nicht besser kann, weil ich womöglich Propaganda für irgendeine Ansicht betreibe. Als Leser lege ich Romane, die mich zu einer gewissen Weltanschauung bekehren wollen, sofort weg.
Pappkameraden sind nicht mehr Ihre Kameraden?
Köhlmeier
Sie sind Ja-Sager und Nein-Schreier. Eine Person auf zwei, beziehungsweise vier Buchstaben zu reduzieren! Also bitte! Als Autor, der seine Arbeit ernst nimmt, muss ich allen meinen Figuren gegenüber fair sein – auch wenn ich ihre Meinungen weder verstehe noch teile. Sonst brauche ich nicht weiterzuschreiben.
Wie ist es um Ihre Kompromissbereitschaft im wirklichen Leben bestellt?
Köhlmeier
Wenn ich denke, alle anderen teilen meine Ansichten, und sollten sie dies nicht tun, dass sie dann lügen – wäre ich ein gehöriger Narr. Diese Narretei kann ich mir nicht leisten. Als Autor muss ich kompromissbereit an die Welt herangehen, über die ich schreibe. Die Schriftstellerei ist mir eine Schule des Lebens.
„Du bist du! Und wer das nicht weiß, ist dumm! Bumm!“, quakt der Laubfrosch in Mira Lobes Kinderbuchklassiker „Das kleine Ich bin ich“. Eine Kurzanleitung zur Kompromissbereitschaft?
Köhlmeier
Ich muss sehen, dass Sie anders sind als ich. Ich darf Ihnen auch nicht zum Vorwurf machen, dass Sie nicht so sind wie ich. Das ist bereits eine Geistesleistung und großes empathisches Vermögen, obwohl es im Grunde selbstverständlich ist: Natürlich ist mein jeweiliges Gegenüber anders als ich!
Es gibt faule und gute Kompromisse. Was ist ein guter Kompromiss?
Köhlmeier
Ein guter Kompromiss markiert deutlich den Unterschied zwischen Freundlichkeit und Höflichkeit. Höflichkeit ist Freundlichkeit auf Distanz. Freundlichkeit sollte man Freundinnen und Freunden gegenüber walten lassen, dem Rest der Welt gebührt Höflichkeit. Die ersten Anzeichen von Kompromissbereitschaft zeigen sich, sobald sich eine gewisse Distanz einstellt: Pass auf, halten wir zwischen uns Abstand! Es wäre eine grobe Verwechslung zu glauben, Kompromisse machen uns zu halben Freunden. Der Kompromiss betont mehr die Verschiedenheit als die Gemeinsamkeit.
Der deutsche Soziologe Georg Simmel schrieb, der Kompromiss sei eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Stimmen Sie ihm zu?
Köhlmeier
Auf jeden Fall! Wobei ich die Erfindung des Konjunktivs noch vor jene des Kompromisses stellen würde. Konjunktiv und Kompromiss bilden ein schönes Paar. Beide Begriffe sind auch gar nicht so weit voneinander entfernt. Der Konjunktiv sagt mir: Du musst in der Lage sein, so zu tun, als ob. Als ob du dein Gegenüber wärst. Dann kannst du ihn besser verstehen. Vorausgesetzt, du willst ihn verstehen.
Was geschähe, wenn es keinen Konjunktiv gäbe?
Köhlmeier
Ohne Konjunktiv könnte ich mir nicht einmal ansatzweise überlegen, was in Ihnen vorgeht. Ich bin aber dazu verpflichtet, mir darüber Gedanken zu machen, was sich in Ihnen abspielt, um überhaupt einen möglichen Kompromiss mit Ihnen schließen zu können, sollten wir aneinandergeraten. Was wir hoffentlich nicht tun werden.
Und was stellt der Konjunktiv mit Ihnen selbst an?
Köhlmeier
Konjunktiv wie Kompromiss sind darauf bedacht, mein eigenes Ich zu bewahren: Ich tu so, als ob – ich bin aber nicht Sie. Es wäre ein fataler Übergriff, Empathie mit einem Zustand zu verwechseln, der behauptete, ich wäre die oder der Andere.
Ist jeder Mensch gleichermaßen kompromissbereit?
Köhlmeier
Um kompromissfähig zu sein, muss ich mir zumindest vorstellen können, Sie könnten etwas anderes wollen als ich. Ein maligner Narzisst scheitert an dieser Übung, weil er sich in niemanden hineinversetzen kann. Er kann den Konjunktiv und den Kompromiss nur spielen, nicht leben. Im Prinzip ist er allein auf der Welt.
Vladmir Nabokov notierte in einer Vorlesung: „Geboren wurde die Literatur an jenem Tag, an dem ein Junge mit dem Schrei ,Ein Wolf, ein Wolf’ gelaufen kam und er keinen Wolf auf den Fersen hatte.“ Unter welchen Umständen kam der Kompromiss in die Welt?
Köhlmeier
Mythologisch gesehen in jenem Augenblick, in dem Adam und Eva von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen. In dem Augenblick entstand so etwas wie Moral, die Einsicht, was gut und böse ist. Der Löwe, der das Zebra bei lebendigem Leib frisst, kreuzte nie den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, sonst hätte er ein schlechtes Gewissen. Wir dagegen sind in alle Ewigkeit verdammt, nicht nur zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sondern darüber hinaus dieses Begriffspaar auch ständig mit neuen Bedeutungen zu unterlegen: Definieren Sie Gut und Böse unter Umständen anders als ich? Kann ich Ihre Definition, auch wenn sie von meiner abweicht, akzeptieren oder nicht? Wie weit kommt mein Gegenüber in mein eigenes Gehege? Es gibt die Möglichkeit, ohne Lösung auseinander zu gehen. Wenn wir das aufgrund der Umstände aber nicht können, müssen wir einen Kompromiss anstreben – oder uns letztlich gegenseitig umbringen.
Bereits im Paradies klopfte der Kompromiss erstmals laut vernehmbar an die Tür.
Köhlmeier
Er hat an der Tür sogar gerüttelt und uns unsere Ichs beschert. Die zehn Gebote, die viel später in der Bibel vorkommen, geben die Richtlinie vor. Darin heißt es aber nicht: Der Mensch soll nicht töten. Es heißt auch nicht: Ihr sollt nicht töten. Sondern: Du sollst nicht töten. Die Individualisierung des Menschen tritt in jenem Moment in die Welt, als er vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aß. Kompromiss und Konjunktiv lagerten sich sehr früh in der Menschheitsgeschichte nah an.
In einem Essay über den Kompromiss hat die Schriftstellerin Eva Menasse kürzlich den Satz geschrieben: „Heute ist es schwer, Erwachsenen zu erklären, was ein Kompromiss ist – und wozu man ihn braucht.“
Köhlmeier
Und gestern? Oder in den vergangenen 7000 Jahren? Das war immer schwierig. Jedes Ich strebt zur Allmacht, im Fall von Wladimir Putin sogar zum Krieg.
Wie würden Sie mir erklären, was ein Kompromiss ist?
Köhlmeier
Ich trinke meinen Kaffee gern mit Milch, Sie trinken Ihren lieber schwarz. Ich werde Ihnen Ihren Kaffee deshalb natürlich nicht verbieten, dennoch finde ich es seltsam, Kaffee ohne Milch zu genießen. An diesem Punkt beginnt der Kompromiss, das Hineinfühlen in Sie. Vielleicht denken auch Sie bei Ihrem nächsten Besuch an mich und bringen mir dankenswerterweise Milch mit. Kompromisslos würden Sie sich keineswegs mit der Milchpackung abschleppen, da Sie Ihren Kaffee ja schwarz trinken. War das jemals anders?
Alexander Van der Bellen bekräftigte am vergangenen Nationalfeiertag: „Der gute Kompromiss ist österreichisches Kulturgut!“ Weshalb betonte der Bundespräsident dennoch das Selbstverständliche?
Köhlmeier
Er wollte damit womöglich ausdrücken, dass wir alle ein bisschen von unseren Ichs abschneiden sollten. Wir befinden uns im Zeitalter des guten Willens.
Das müssen Sie erklären.
Köhlmeier
Es gibt Geisteshaltungen, die konjunkturell in den Vordergrund treten. Weshalb findet global ein Rechtsruck statt? Könnte es sein, dass die aktuellen politischen Debatten darüber zu kurz greifen? In den vergangenen zehn Jahren war die bestimmende moralische Richtlinie das Verbot: Fahr nicht Auto! Iss kein Fleisch! Meide die Textilindustrie von Bangladesch! Du solltest das und jenes nicht tun! Du sollst weniger Kaffee trinken und nichts Süßes essen, mehr Sport treiben und weniger rauchen. Die sanfte Ausdrucksform der Moral, die dahintersteckt, machte uns ohne Unterlass ein schlechtes Gewissen. Der Rechtsruck ist unter anderem eine Reaktion genau darauf: Man schlägt mit Wucht und Lust über die Stränge, agiert eisern kompromisslos.
Unsere Befindlichkeiten beförderten den Rechtsruck?
Köhlmeier
Viele Wähler der FPÖ verurteilen den Antisemitismus und sind zugleich offen ausländerfeindlich. Im Grunde interessieren sie sich aber überhaupt nicht für Politik. Sie wissen nur mit Gewissheit, dass ihnen permanent eingetrichtert wurde und wird, was sie alles nicht tun sollen.
„Kickl kennt keine Kompromisse“, war kürzlich ein Leserbrief in den „Salzburger Nachrichten“ überschrieben. Eines der Erfolgsgeheimnisse des FPÖ-Chefs?
Köhlmeier
Der zu Recht verpönte NS-Jurist Carl Schmitt entwarf die Theorie des Dezisionismus, wonach es nicht darauf ankomme, was ein Politiker entscheidet, sondern allein darauf, dass er entscheidet, dass er letztlich vor allem den Eindruck vermittelt, Entscheidungen getroffen zu haben. US-Präsident Donald Trump vermittelt jeden Tag diesen Eindruck: Ich entscheide. Er revidiert zwar auch jeden Tag die am Vortag getroffenen Verordnungen, und wenn Putin ihm schöne Augen macht, wirft er sämtliche Vereinbarungen zur Ukraine über den Haufen. Er ist der Unentschiedene schlechthin – vermittelt aber den Eindruck absoluter Kompromisslosigkeit, wofür er absurderweise bewundert wird. Kickl kann insofern leicht den Eindruck erwecken, er sei ein ebensolcher Entscheider, weil er keinerlei Entscheidungen zu treffen hat.
Im Februar dieses Jahres legte Kickl den Regierungsbildungsauftrag unter anderem mit der Begründung zurück, „irgendwelche zusammengeschusterten Kompromisse“ mit der ÖVP nicht mittragen zu können.
Köhlmeier
Wenn Kickl damals von der ÖVP indirekt verlangte, aus der EU auszutreten, wollte er damit erreichen, dass die Volkspartei mit ihm keinen Kompromiss schließt, weil Kickl genau wusste, dass die Christlichsozialen diesen Schritt niemals billigen würden. Kickl hätte seinerzeit mit Leichtigkeit Bundeskanzler werden können. Warum hat er es nicht gewollt? Nicht deshalb, weil er ein konsequenter Mann ist, der keine Kompromisse schließt, wie er das jetzt hindreht, sondern deswegen, weil er Schiss davor gehabt hat. Er müsste schon ein unfassbar dummer Mensch sein, was er aber nicht ist, wenn er glaubt, er könnte ohne jeden Kompromiss Politik machen. Wenn das jemand glaubt, ist er nicht bewundernswert, sondern strohdumm.
Hätten wir uns vor, sagen wir 20 Jahren, über einen Bundespräsidenten gewundert, der an unsere Kompromissbereitschaft appelliert hätte?
Köhlmeier
Je länger eine Friedenszeit dauert, desto mehr individualisiert sich eine Gesellschaft. Solange die Erinnerungen an Kriegszeiten noch lebendig sind, ist die Vorstellung, dass wir auch kollektive Wesen sind, gegenwärtiger. In Zeiten des Friedens und Wohlstands sind Zusammenrücken und Schulterschluss nicht unbedingt notwendig – beides, wohlgemerkt, militärische Begriffe. Zu diesen Zeiten blüht das Individuelle, was zugleich heißt: möglichst wenige Kompromisse, weil jeder Kompromiss Einschnitte der Individualität bedeutet. Sobald der Krieg aber an die Tür klopft wie in der Ukraine und Putin verlautbart, dass, sollte Europa den Krieg wollen, Russland dazu bereit sei, erhebt sich wieder der kollektive Gedanke, dessen erster und wichtigster Ausdruck der Kompromiss ist. Vor 20 Jahren hätte ein österreichischer Bundespräsident wahrscheinlich eingefordert, ohne faule Kompromisse auszukommen.
Führt politische Kompromisslosigkeit zwangsläufig in die Katastrophe?
Köhlmeier
Der kompromissloseste Politiker der neueren Geschichte war Maximilien de Robespierre, auch der „Tugendhafte“ genannt. Er war der Meinung, dass jede Spur von Tugendlosigkeit aus dem Menschen mit Hilfe des „Rasiermessers der Nation“ getilgt werden müsse, wie der Revolutionär Camille Desmoulins die Guillotine nannte. Vielleicht kam Robespierre ja der Gedanke, als er selbst auf der Guillotine stand, dass, wollte man die Untugend ausmerzen, man die Menschheit ausrotten müsste. Der Massenmörder Pol Pot war ein ebenso kompromissloser Politiker, der sein Land in den Untergang führte.
Will man das?
Köhlmeier
Das will man nicht. Absolute Kompromisslosigkeit kippt am Ende notwendigerweise in die Brutalität. Moralische Kompromisslosigkeit fordert, es dürfe nicht nur eine Spur des Bösen getilgt werden, sondern der Mensch als Ganzes müsse zerstört werden, wenn auch nur ein Gran des Bösen in ihm sei. Jeder von uns weiß jedoch, dass wir Gutes und Böses in uns tragen. Man kann nicht nur einen Teil meines Kopfes wegschneiden. Man muss ihn ganz abhacken. Genau das hat Robespierre mit seinen Gegnern gemacht. Warum kompromisslose Menschen bewundert werden, bleibt mir ein Rätsel. Wahrscheinlich deswegen, weil man in ihnen die Verkörperung dessen sieht, was man aus lauter schlechtem Gewissen selber nicht ist.
Herr Köhlmeier, es heißt, der Klügere gibt nach. Ist der Kompromiss ein Zeichen der Schwäche?
Köhlmeier
Ein Kompromiss ist stets ein Zeichen der Stärke. Laut diesem Sprichwort wird die Welt von den Unnachgiebigen und Dümmeren regiert, was man keinesfalls will. Der Kompromiss richtet sich nie nach der Gesamtheit des Anderen, sondern nur nach jenen Teilbereichen, aus denen Probleme entstehen könnten, wo ich gewissermaßen in Ihren und Sie in meinen Teilbereich hineinreichen. Es gibt nur drei Möglichkeiten: Wir gehen uns aus dem Weg, wir massakrieren einander – oder finden einen Kompromiss.