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Der Kompromiss ist für den Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier die zweitbeste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Ein Gespräch über Herbert Kickls Schiss vor dem Kanzleramt, Löwen ohne Gewissen und den Mittelweg als einzige Möglichkeit, einander nicht zu massakrieren.

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Michael Köhlmeier, 76, zählt nicht erst seit der Veröffentlichung seines – die Geschichte eines Jahrhunderts umspannenden – Opus magnum „Abendland“ (2007) zu den bekanntesten Schriftstellern des Landes. Köhlmeier agiert in seinem literarischen Werk seit je als Mehrspartenkönner, dessen Repertoire von Romanen und Kurzgeschichten über Hörspiele, Radiofeatures und Liedtexte in Mundart („Oh, oh Vorarlberg“) reichen. Der Vorarlberger Romancier mischt sich auch politisch ein; im Mai 2018 hallte ein Rede Köhlmeiers durch das ganze Land: In der Wiener Hofburg hatte der Autor anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus den damals regierenden Bundeskanzler Sebastian Kurz scharf für dessen restriktive Asylpolitik kritisiert. Ein Gespräch über den Kompromiss in der mit Büchern vollgestopften Wiener Wohnung Köhlmeiers, der mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, in Vorarlberg und Wien lebt und arbeitet.

Herr Köhlmeier, in Vorarlberg gibt es die Redensart vom „stura Hund“. Sind Sie auch ein solcher?

Michael Köhlmeier

Nein, bin ich nicht. Ich halte davon auch wenig. Aber ich weiß: Sobald jemand den Ruf hat, ganz und gar konsequent zu sein, meint man stur – dann wird ihm Bewunderung entgegengebracht. Warum nur? Wer sich früh ein Weltbild zusammenzimmert, dem er sein ganzes Leben lang treu bleibt, gilt als geradlinig. In Wahrheit will aber niemand mit solch einer Person näher zu tun haben.

Konsequente Menschen ringen Ihnen keinerlei Hochachtung ab?

Köhlmeier

Nein. Wer sein ganzes Leben lang genau eine Linie vertritt, muss sich fragen lassen, ob er nicht der Dummheit anheimgefallen ist. Bertolt Brecht hat darüber eine seiner Geschichten vom Herrn Keuner geschrieben: Ein Mann, den Herr Keuner lange nicht gesehen hat, begrüßt ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert!“ – „,Oh!“, sagte Herr K. und erbleichte.

Sie würden ebenfalls erblassen, spräche Ihnen jemand jegliche Veränderung ab?

Köhlmeier

Auf jeden Fall. Die Welt ist groß, ihre Einflüsse sind unendlich: Wenn es mir da gelingt, mich überhaupt nicht beeinflussen zu lassen, bin ich entweder ein sturer Hund oder minderbemittelt.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.