Die Schauspielerin Amanda Seyfried mit ausgebreiteten Armen, umringt von ihrem Ensemble in einem großen Innenraum
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Ein Musical für die Shaker-Sekte: Der junge Filmkomponist Daniel Blumberg

Begegnung mit einem Oscar-Preisträger: Der Brite Daniel Blumberg hat den Soundtrack zu Mona Fastvolds bizarrer Religions-Revue „The Testament of Ann Lee“ komponiert. Die Amerikanerin Amanda Seyfried spielt die Titelrolle.

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In einem gigantischen, fast völlig leeren, aber lichtdurchfluteten Raum im Berliner Soho House sitzt der britische Musiker Daniel Blumberg allein an einem Tisch. Er hat zugestimmt, profil im Rahmen der Berlinale für ein Interview zu treffen. Eine Kinoarbeit, dessen Soundtrack er komponiert hat, läuft ab sofort auch in Österreichs Kinos: „The Testament of Ann Lee“ – inszeniert von der Norwegerin Mona Fastvold, mit der Blumberg 2020 bereits bei „The World to Come“ kollaboriert hat – ist ein historisches Musical, das die im 18. Jahrhundert aus der Quäker-Gemeinschaft hervorgegangene Freikirche der Shaker behandelt.

Blumberg, 35, wirkt introvertiert, sehr ernst, ein leises Misstrauen scheint in seinen Augen zu liegen, das er verbirgt, indem er so wenig wie möglich aufblickt. Erst im Lauf des Gesprächs entspannt er sich ein wenig.

Der Musiker und Komponist Daniel Blumberg, 35, hält mit ernstem Blick einen Oscar
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Über die Art von Musik, die er macht, ist tatsächlich nicht leicht zu reden; es ist eine brüchige, teils sehr abstrakte Klangwelt, die oft zwischen den Zeiten zu schweben scheint; Blumberg schreibt Film-Soundtracks, die von historischen Kompositionspraktiken geprägt sind, dennoch radikal modernistisch anmuten. Blumbergs avancierte Musik zu Brady Corbets „The Brutalist“ wurde 2025 mit dem Oscar für den besten Soundtrack ausgezeichnet.

Reisender Komponist

Sein portables Studio führt Daniel Blumberg mit sich, er reist mit High-End-Equipment, denn er arbeitet gern improvisatorisch, mit Menschen, die in gemeinsamen Sessions Unwiederholbares herstellen können. „Als ich mit Anfang 20 auf improvisierte Musik stieß, hatte ich ein paar Jahre lang kein Interesse mehr am Songwriting. Aber irgendwann wollte ich dorthin zurück, mit jenen Musikern, mit denen ich improvisierte. Das war eine Herausforderung, weil man bereits Fixiertes mitbringt; aber ich wollte die Qualität des Augenblicks bewahren.“ Dies habe er, sagt Blumberg, als er anfing, Filmmusik zu komponieren, „in den sehr festgelegten Prozess einbringen wollen, damit das Publikum, wenn sich die Musik entfaltet, einen bestimmten Moment erleben kann.“ Vier Soloalben hat er, neben dem Kino , zwischen 2018 und 2023 eingespielt.

Blumbergs Bandbreite ist enorm: Die oft atonale, dem Industrialismus angenäherte Musik zu „The Brutalist“ weicht in „The Testament of Ann Lee“ dem fast obsessiv inszenierten Wohlklang der Shaker-Glückseligkeit. Für „Below the Clouds“, den jüngsten Film des italienischen Dokumentaristen Gianfranco Rosi, hat Blumberg unlängst einen viel leiseren, dunkleren Soundtrack geschrieben.

Für „The Testament of Ann Lee“ erforschte Blumberg alte Choräle und sakrale Hymnen, arbeitete mit Kirchenchören, um klingende Geschichte und musikalische Gegenwart in eins setzen zu können. „Mona hat mich dazu gedrängt, so frei wie möglich zu arbeiten. Ich habe mich stark an die überlieferten Shaker-Hymnen gehalten, mit Körpergeräuschen, Stimmen und Glockentönen begonnen, dann erst kamen die Instrumente dazu.“

Kein Biopic, kein Musical

Rückblende in den September 2025, Filmfestspiele in Venedig: Mona Fastvold, 45, sagt im profil-Interview, sie kenne kaum jemanden, mit dem sie diese Art von Vertrautheit hätte. „Ich wollte mit Daniel eine neue Sprache für dieses Genre entdecken.“ Die US-Schauspielerin Amanda Seyfried, 40, die den Part der traumatisierten Sektengründerin Ann Lee verkörpert, fügt hinzu: „Der Film handelt von einem Urbedürfnis: Wir alle möchten in einer Gemeinschaft geschätzt werden, uns selbst wertschätzen. Demokratie funktioniert, weil wir alle eine Stimme haben.“

Fastvold beschreibt ihre Titelheldin als feministische Pionierin: „Sie kämpfte um Autonomie und Gleichberechtigung. Zu jener Zeit galten Frauen als Eigentum ihrer Ehemänner, manche schätzten ihr Pferd mehr als ihre Frau.“ Ann Lee setzte eine zölibatäre, kollektive Vision dagegen. Sie habe „die Idee, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der Männer und Frauen, Menschen aller ethnischen Hintergründe respektiert werden, in Sicherheit leben und arbeiten können“, feiern wollen.

Die Schauspielerin Amanda Seyfried umarmt die Regisseurin Mona Fastvold, hinter ihnen blinken unscharf Lichter auf.
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In einer Zeit, in der „weltweit furchterregende männliche Führer“ am Werk seien, „müssen wir uns daran erinnern, dass eine Frau wie Ann Lee , die keine Ausbildung hatte, Analphabetin war, eine der größten utopischen Gesellschaften in der amerikanischen Geschichte schuf“. Am Ende zählte die Shaker-Gemeinde über 6000 Menschen, mit völliger Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Ethnien, empathisch gegenüber Kindern und Tieren. „Wir müssen uns daran erinnern“, sagt Fastvold noch, „dass es die Möglichkeit gibt, Räume zu schaffen, in denen wir uns gegenseitig schützen.“ 

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.