US-Musikerin Tori Amos: "Wie befreie ich mich von Ketten, die mich hemmen?"

© Desmond Murray

Interview
11/03/2021

Tori Amos: „Ich hatte oft das Gefühl zu ertrinken“

Normalerweise reist die US-Songwriterin Tori Amos rastlos durch die Welt. Während der Pandemie musste sie erst wieder zu sich finden.

von Philip Dulle

Donnerstag, 7. Oktober, früher Nachmittag. Tori Amos, 58, eine der bedeutendsten Popautorinnen und -performerinnen der letzten Jahrzehnte, fragt den aufgeregten Journalisten am anderen Ende der Telefonleitung, was denn da in Österreich gerade los sei. Es ist der Tag, nachdem bekannt geworden war, dass die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen Sebastian Kurz und seinen engsten Mitarbeiterkreis ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Korruption eingeleitet hat. Die US-Amerikanerin, die im britischen Cornwall und in Florida lebt, möchte das alles nach dem Gespräch nachlesen, meint sie, und ist von den innenpolitischen Entwicklungen in Wien hörbar überrascht. Sie wolle ja, sagt sie, stets auf dem Laufenden bleiben. Zunächst geht es aber um „Ocean to Ocean“, ihr 16. Studioalbum.

profil: Frau Amos, auf Ihrem neuen Longplayer „Ocean to Ocean“ widmen Sie sich persönlichen und globalen Krisen. Wie sind Sie selbst durch die Pandemie gekommen?
Tori Amos: Emotional befand ich mich an einem dunklen Ort. Die Erstürmung des US-Capitols am 6. Jänner und der dritte Lockdown in Großbritannien gaben mir den Rest. Ich musste erstmals in meinem Leben eine Tournee absagen, hatte ewig keine Konzerte mehr gespielt. Ich fing an, wieder Lieder zu schreiben und suchte nach einem Ausweg aus diesem tiefen Loch.
 
profil: War das Schreiben neuer Songs eine Erleichterung?
Amos: Eine Zeit lang ging gar nichts. Einige Stücke, die bereits vor der Pandemie entstanden waren, hatten mit dieser neuen Welt, der Realität nichts mehr zu tun. Mir selbst fehlte der Bezug dazu. Ich musste neu beginnen.
profil: Wie entstehen Ihre Songs üblicherweise?
Amos: Ich reise – und während ich reise, durchbreche ich meine Routinen und bringe mich in Situationen, die den Geist für Neues öffnen. Normalerweise zieht es mich zu Vulkanen, Feuer diente mir stets als Inspiration- und Energiequelle. Im Lockdown ging ich viel in den Wald oder saß am Wasser und merkte, dass ich eine neue Form der Energie brauchte. Dann schrieb ich die Songs „Metal Water Wood“ und „Speaking with Trees“ und realisierte, dass ich auch eine neue Sprache brauchte, um aus dieser Paralyse auszubrechen.
profil: Sie widmen sich auf „Ocean to Ocean“ auch der Klimaerwärmung. Glauben Sie, dass die Kunst da einen Beitrag leisten kann – oder sogar muss?
Amos: Musik war immer die treibende Kraft. Nehmen Sie die Revolutionen der 1960er-Jahre. Ich bin der festen Überzeugung, dass Musik wahre Magie ist. Natürlich gibt es auch Künstler, die Hass und Desinformation verbreiten, aber das sollte nicht die Aufgabe von Kunst sein. Als Kind musste ich zu Hause nur eine Beatles-Platte auflegen und konnte damit durchs Universum reisen. Solche Kraft steckt in der Musik.

"Natürlich war es eine Erleichterung, als Trump gehen musste, auf der anderen Seite haben mich die Vorgänge vom 6. Jänner, als das Capitol gestürmt wurde, nachhaltig schockiert. Dass es Menschen gibt, die unsere Demokratie in Schutt und Asche legen möchten, kann ich nicht verstehen. Ich kann und will diesen Menschen auch nicht vergeben."

profil: Trotz des schweren Themas klingt Ihr Album erbaulich und ermutigend. War das der Plan?
Amos: Das ist das Paradoxe an meinen Liedern. Wie schafft man es, über Krisen zu schreiben und doch das empowerment, die Ermächtigung zu feiern? In Wahrheit geht es darum, den Kopf nicht in den Sand zu stecken oder, um bei meinem neuen Lieblingselement, dem Wasser zu bleiben: Wir dürfen nicht ertrinken, müssen unsere Krisen durchschwimmen. Das ist die Kunst. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich in den letzten Monaten oft das Gefühl zu ertrinken.
profil: Als junge Frau wurden Sie Opfer einer Vergewaltigung. In Ihrem Lied „29 Years“ greifen Sie das Thema nun wieder auf. Wollen Sie Menschen dazu ermutigen, Ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, zur Polizei zu gehen, Hilfe zu suchen?
Amos: Über sexuellen Missbrauch schreibe ich seit meinem Debütalbum, „Little Earthquakes“. Inzwischen geht es mir um noch mehr. Ich frage mich in diesem Song, wie wir als Menschen es schaffen, Muster zu durchbrechen, die uns nicht gut tun. Wie ändere ich Beziehungen, die mir schaden, familiär, beruflich? Wie befreie ich mich von Ketten, die mich hemmen?
profil: Sie leben in Großbritannien und den USA. In den vergangenen Jahren haben Sie sich immer wieder gegen US-Präsident Donald Trump ausgesprochen. Fühlten Sie Erleichterung, als Trump abgewählt wurde?
Amos: Das Trump-Regime war ein Griff nach der absoluten Macht, der Versuch, das demokratische System auszuhebeln. Wir sprechen hier immer nur über einen Mann, aber was ist mit all den Politikern, die sein System gestützt haben? Teilweise sind sie immer noch in ihren Ämtern. Natürlich war es eine Erleichterung, als Trump gehen musste, auf der anderen Seite haben mich die Vorgänge vom 6. Jänner, als das Capitol gestürmt wurde, nachhaltig schockiert. Dass es Menschen gibt, die unsere Demokratie in Schutt und Asche legen möchten, kann ich nicht verstehen. Ich kann und will diesen Menschen auch nicht vergeben. Wissen Sie, ich hatte Onkel, die im Zweiten Weltkrieg für die Demokratie in den Krieg gezogen sind. Als Künstlerin ist es meine Aufgabe zu dokumentieren, was seither passiert ist.

Interview: Philip Dulle

Tori Amos: Ocean to Ocean (Decca/Universal Music)

Tori Amos gastiert am 18. Februar 2022 im Festspielhaus St. Pölten.

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