Brigitte Bardot während der Dreharbeiten an dem Gerichtssaaldrama "Die Wahrheit" (1960)
Eine Art Lokomotive: Zum Tod der Schauspielerin und Aktivistin Brigitte Bardot
Ihre Kinokarriere war von vergleichsweise kurzer Dauer. Lediglich 21 ihrer 91 Lebensjahre verbrachte Brigitte Bardot im Unterhaltungsbetrieb, spielte gepfefferte Hauptrollen, hauchte Chansons in die Mikrofone, tanzte in Musicals und fütterte den Boulevard mit den Turbulenzen ihres vie privée, wie 1962 einer ihrer Filme hieß. 1973 schon zog sie sich, nach fast 50 Kinorollen, unwiderruflich aus der Unterhaltungsindustrie zurück, mit nur 39 Jahren. Aber die beiden Jahrzehnte davor, in denen Brigitte Bardot als It-Girl von Titelblättern schmollte, über rote Teppiche lief und im Fernsehen erhitzt debattiert wurde, hat sie popkulturell geprägt wie wenige andere.
Und sie hatte, noch ehe die sexuelle Revolution in den Mainstream einsickerte, ein neues Frauenbild geschaffen, schon als 21-Jährige: Als sie 1956, nach einem Dutzend Filmauftritten, im Regiedebüt ihres Noch-Ehemanns Roger Vadim, in „Et Dieu … créa la femme“ („… und immer lockt das Weib“) vom Starlet zum Superstar avancierte, spielte sie im Grunde schon eine junge Frau aus der Zukunft, eine erotisch angriffige, selbstbewusst unaufgeräumte Figur aus den 1960er-Jahren – weit weg von der Bravheit der Backfische und den wohlgeordneten weiblichen Filmstars ihrer Zeit. Sogar Simone de Beauvoir schrieb 1959 über sie, nannte sie eine „Lokomotive der Frauenhistorie“.
In der Wahl ihrer Rollen bewies Bardot eine Zeit lang hohe künstlerische Ambitionen, sicherte sich erstklassige Regisseure: In Henri-Georges Clouzots „Die Wahrheit“ (1960) stand sie als tragische Liebende unter Mordanklage vor einem Männergericht, und auch in Jean-Luc Godards Meisterwerk „Le mépris“ („Die Verachtung“, 1963) wurde sie zum Spielball eitler männlicher Interessen. In Louis Malles Revolutions- und Striptease-Comedy „Viva Maria!“ (1965) feuerte Bardot an Jeanne Moreaus Seite aus allen Kanonen und Showgirl-Repertoires. Das Spiel mit dem Sexismus, den sie zugleich bediente und vorführte, beherrschte sie perfekt: „Le mépris“ beginnt mit einer demonstrativen, künstlich gefilterten Nacktszene, in der Bardot die unbedingte Liebe ihres Partners (Michel Piccoli) zu all ihren Körperteilen überprüft. Und auch die „New York Times“ verwies gleich im ersten Satz ihres Bardot-Nachrufs auf das ikonische Äußere der Schauspielerin, auf Schmollmund und zerzaustes Haar.
Mit Serge Gainsbourg sowie den Jazz-Größen Claude Bolling und Alain Goraguer spielte sie zwischen 1963 und 1968 vier Alben ein, auf denen sich Songs wie „Harley Davidson“ und „Bonnie and Clyde“ fanden. Ihre Version des Erotikpop-Klassikers „Je t’aime ... moi non plus“, den Gainsbourg 1967 für sie geschrieben und mit ihr zusammen eingespielt hatte, blieb auf Bardots Verlangen bis 1986 unveröffentlicht; so wurde stattdessen Jane Birkins Interpretation des Songs 1968 zum Welthit.
Ein halbes Jahrhundert verbrachte Brigitte Bardot, post cinema, als Tierrechtsaktivistin, machte daneben mit islamfeindlichen Aussagen unschöne Schlagzeilen. Mit hellwachen, wie einst strahlenden Augen gab sie im Mai 2025 noch ein großes Fernsehinterview, in dem sie erklärte, das Leben nach wie vor zu genießen, keine Angst vor dem Tod zu haben. Mit Handys, Computern, Feminismus und #MeToo könne sie nichts anfangen, sie vermisse nur all die verstorbenen Freunde, von Alain Delon bis Jean-Paul Belmondo. Am vergangenen Sonntag starb Brigitte Bardot an der Côte d’Azur, in „La Madrague“, ihrem Anwesen in Saint-Tropez, das sie schon 1958 erworben hatte, als sie gerade erst damit begann, Filmgeschichte zu schreiben.