Staatsopernchor: Vorwürfe von Diskriminierung und Belästigung

Der Staatsopernchor im Jahr 2001

Der Staatsopernchor im Jahr 2001

Wie wird an der Wiener Staatsoper mit Vorwürfen von Diskriminierung, Willkür und unerwünschten Avancen umgegangen? In einem Strafprozess tauchte ein brisantes Tondokument auf.

Nach eineinhalb Stunden findet Thomas Platzer, der kaufmännische Direktor der Wiener Staatsoper, nun habe er sich ein Bild gemacht, alle Vorwürfe vernommen. Eine Sängerin fällt ihm ins Wort – das sei „erst ein Bruchteil“. Doch der Mann scheint genug gehört zu haben: „Wenn es so schlimm ist, ist es besser, Sie hören auf. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Die Passage stammt aus dem Mitschnitt eines denkwürdigen Gesprächs, das vor mehr als vier Jahren in der Wiener Staatsoper stattfand. Am 23. Oktober 2014 hatte Platzer neun Mitglieder des sogenannten Zusatzchores empfangen, einer Art Aushilfschor, der bei großen Verdi- oder Wagner-Opern mit dem fixen Hauschor gemeinsam auf der Bühne steht.

Schon seit geraumer Zeit rumorte es in diesem Zusatzchor. Im Herbst 2014 hatte die Unzufriedenheit mit dem Chordirektor Thomas Lang offenbar ein so kritisches Ausmaß erreicht, dass einige der Choristen nicht mehr schweigen wollten. Von arbeitsrechtlichen Verstößen über unerwünschte, private Telefonanrufe bis zu Willkür und Diskriminierung reichten die Vorwürfe, die in den vergangenen Monaten und Jahren auch Gerichte und die Gleichbehandlungskommission beschäftigten. Einige der Chorsängerinnen und -sänger zogen vor das Arbeitsgericht; die meisten verglichen sich inzwischen, zwei fochten bis zum Urteil weiter – und verloren kürzlich. Bei der Gleichbehandlungskommission finden demnächst die ersten Anhörungen statt.

Strafverfahren läuft

Gegen eine der Chorsängerinnen läuft sogar ein Strafverfahren. Der Frau wird vorgeworfen, einen Mitschnitt des erwähnten Gesprächs am 23. Oktober 2014 an den Chordirektor und eine Sängerin des Hauschors weitergegeben zu haben. Die Staatsoper klagte – mit dem Effekt, dass Abschriften jenes Tondokuments, das auf keinen Fall öffentlich werden sollte, im Gerichtsakt landeten. Noch ist die Frage, ob die Sängerin sich strafbar machte, nicht geklärt. Das Gericht verurteilte die Sängerin in erster Instanz, eine Berufung läuft.

Noch interessanter als die Wege des USB-Sticks, der die Aufnahme enthält, ist der Inhalt des fast vierstündigen Gesprächs. Das Transkript belegt nicht, ob die erhobenen Vorwürfe richtig oder falsch sind, sondern zeigt vor allem, wie die Spitzen der Staatsoper mit Vorwürfen in den eigenen Reihen umgehen. Abwiegeln, verharmlosen, Gegenangriffe, lautet die Devise offenbar.

Nach den Enthüllungen der Stadtzeitung „Falter“ rund um das Drill-Regime einer Tanzlehrerin an der Ballettakademie hatten die Entscheidungsträger im traditionsreichen Haus am Ring alle Hände voll damit zu tun, ihren Willen zu Aufklärung und Offenheit zu demonstrieren. Staatsoperndirektor Dominique Meyer bekannte in einem „ZIB 2“-Interview, vielleicht nicht rasch genug die nötigen Konsequenzen gezogen zu haben.

Mittlerweile haben sich die Wogen einigermaßen gelegt. Die Staatsoper ist mit den Feierlichkeiten zu ihrem 150. Geburtstag beschäftigt. Im Kino läuft soeben „Backstage Wiener Staatsoper“ an, eine filmische Dokumentation des für Besucher unsichtbaren Treibens im größten Repertoirehaus der Welt. Weitere Affären könnten die Jubelstimmung empfindlich stören.

„Kein Spielraum für sexuelle Belästigung“

In der Kantine, in den Gängen, Garderoben und Proberäumen hängen neuerdings Plakate der Österreichischen Bundestheater mit der Aufschrift „Kein Spielraum für sexuelle Belästigung“, darunter die Nummer einer Hotline. „Gesetzliche Sanktionen sind wichtig, aber sie greifen meistens erst, wenn es eigentlich bereits zu spät ist – nämlich dann, wenn die Betroffenen ihren Arbeitsplatz bereits verloren oder freiwillig aufgegeben haben“, steht da zu lesen. Ist das ernst gemeint?

Zehn Personen gruppieren sich am Nachmittag des 23. Oktober 2014 um den Besprechungstisch. In der Mitte ist ein Mikrofon aufgebaut. Anwesend sind der kaufmännische Direktor, Thomas Platzer, und neun Mitglieder des Zusatzchors. Platzer hätte gerne Chordirektor Lang und eine im Arbeitsrecht versierte Juristin mit am Tisch. Doch die Runde fürchtet, dann nicht mehr offen reden zu können.

Auch die Chorsänger schneiden mit. Die Sopranistin Ronél Oberholzer legt ihr Aufnahmegerät auf den Tisch. Sie wird später, im Jänner 2019, wegen des „Vergehens des Missbrauchs von Tonaufnahme- oder Abhörgeräten nach § 120 Abs 2 StGB“ zu 300 Euro verurteilt (das Urteil ist nicht rechtskräftig). Ihre Anwältin, Bettina Casper-Bures vom Büro Soyer, Kier, Stuefer, hat es angefochten, „weil der Zweifelsgrundsatz sehr klar zum Nachteil der Beschuldigten ausgelegt wurde“.

Platzer leitet mit der Warnung ein, aufzupassen, was man erzähle, und stellt den Tatbestand der Rufschädigung in den Raum. Die Sängerinnen und Sänger beginnen, sich den Frust von der Seele zu reden: Sie seien „unfreiwillig selbstständig“; es fehle an Wertschätzung; seit 20 Jahren werde der Lohn nicht erhöht; „wenn man die Goschn aufreißt“, fliege man hinaus; Chordirektor Thomas Lang huldige einem „Jugendkult“, spiele seine Macht aus, teile ein und siebe aus: „Man ist Willkür unterworfen.“ Bei ihm habe sich nie jemand beschwert, kontert Direktor Platzer.

Unerwünschte Avancen

Nach einer halben Stunde kommen unerwünschte Avancen des Chordirektors zur Sprache. Eine Kollegin sei von Lang privat angerufen worden, erzählt eine Sängerin. Nachdem sie abgelehnt habe, sich außerhalb der Oper mit ihm zu treffen, sei sie plötzlich „künstlerisch untragbar“ gewesen. Platzer hakt nicht nach, sondern bemerkt, nun sacke man auf ein „sehr tiefes Niveau“ ab. „Ich kann Ihnen das bezeugen“, sagt die Sängerin. Platzer wiegelt ab: „Ja, ja, ja.“ Und wenn sie so weitermache, werde sie als Zeugin vor Gericht auftreten müssen. Eine Kollegin mischt sich ein: „Herr Platzer, Herr Platzer, sie ist nicht die Einzige.“ – „Ja, das glaube ich Ihnen auch“, sagt er und dreht den Spieß um: „Wenn eine Straftat vorliegt, dann geht man zur Polizei. Geht man hinein und sagt: ,Grüß Gott, da bin ich, mir ist eine Straftat bekannt geworden, ich möchte jetzt eine Anzeige machen.‘ Dann setzt man sich mit dem Beamten hin, der nimmt diese Anzeige auf, […] macht ein paar Befragungen, übergibt es der Staatsanwaltschaft […] Warum macht man es nicht, sondern setzt sich da her und …?“

profil kontaktierte die Sängerin. Sie heißt Helene Lukassen und steht zu ihrer Aussage: „Der Chordirektor hat wiederholt Frauen privat kontaktiert. Das habe ich am 23. Oktober 2014 Herrn Platzer mitgeteilt. Ich habe auch geschildert, wie beklemmend es ist, wenn ein Vorgesetzter am Telefon privaten Kontakt verlangt.“ Lukassen sagt, sie habe kurz darauf am Rande einer Veranstaltung zum Umbau des Zusatzchores, der mittlerweile in Extrachor umbenannt wurde, Platzer gefragt, wie er mit dem Vorwurf umzugehen gedenke. Daraufhin habe Platzer sie noch auf dem Gang mit dem Chordirektor und der Juristin des Hauses zusammengebracht: „Das können Sie gleich hier besprechen.“ Bei diesem Gespräch habe der Chordirektor „zugegeben, dass er meine Kollegin angerufen hat“, so Lukassen. Laut Chordirekor Lang sei es nicht ungewöhnlich, dass er mit Sängerinnen und Sängern telefoniert.

ANWÄLTIN CASPER-BURES, SÄNGERIN OBERHOLZER: „Ich wollte daran erinnern, dass noch nichts weitergegangen ist.”

ANWÄLTIN CASPER-BURES, SÄNGERIN OBERHOLZER: „Ich wollte daran erinnern, dass noch nichts weitergegangen ist.”

Für Machtmissbrauch und die Angst der Opfer gibt es wenig Verständnis. Betroffene, die keine Beweise liefern und nicht bereit sind, sich einem Prozess auszuliefern, bei dem sie selten etwas zu gewinnen haben, müssen fürchten, als verdächtig hingestellt oder sogar ihrerseits geklagt zu werden. Die Androhung fehlt auch nicht in der sperrigen Stellungnahme der Staatsoper: Man sei dem „Vorwurf, der von einer dritten, also nicht betroffenen Person, vorgebracht wurde, nachgegangen. Der Person, die den Vorwurf geäußert hat und behauptete, eine Tonaufnahme des Telefonats zu haben, wurde seitens des Kaufmännischen Geschäftsführers bewusst eine weibliche Mitarbeiterin genannt, der sie eine Kopie dieses Mitschnitts übergeben möge, um eine vollständige Aufklärung zu ermöglichen; bei Bedarf unter Einbeziehung der Behörden. Der angeblich vorhandene Mitschnitt wurde jedoch nie übergeben. Eine Bereitstellung zur Klärung der Anschuldigungen wäre aus unserer Sicht weiterhin wünschenswert.“

Chordirektor Thomas Lang sagt: „Ich verwehre mich heute ebenso wie schon 2014 ausdrücklich und auf das Schärfste gegen die gegenüber mir vorgebrachten Anschuldigungen. Aufgrund des substanzlosen und extrem rufschädigenden Charakters dieser Anschuldigungen werde ich die Einleitung rechtlicher Schritte prüfen lassen.“

"Wir sind alle erwachsen“

Freilich hätte die Operndirektion seit dem Herbst 2014 Zeit gehabt, den Vorwürfen – ohne öffentliches Aufsehen – auf den Grund zu gehen. Dem profil vorliegenden Transkript zufolge war das Interesse enden wollend. Eine Sängerin erwähnt Berichte von Betroffenen, Platzer spricht von anonymen Anschuldigungen: „Wenn ich anonyme Briefe bekomme, schmeiß ich sie weg. Ich glaube nur betroffenen Personen.“ Ängste lässt er nicht gelten: „Nein, das kann ich nicht verstehen. Wir sind alle erwachsen.“ Vergeblich versucht die Runde zu erklären, dass Macht ungleich verteilt ist. Man sei als Sänger „auf sich gestellt“, habe keine Gewerkschaft, keine Interessensvertretung hinter sich, stehe „auf verlorenem Posten“, sagt einer. Als eine Sängerin meint, „wir werden erpresst“, antwortet Platzer: „Sie können auch gut erpressen.“ Gegen Ende meint jemand, es sei alles „noch viel schlimmer“, man wolle „keinen Streit“, sondern dass die Beschwerden „irgendwie bearbeitet“ werden, „dass dieser Zustand einfach aufhört“.

Danach passiert wenig, zumindest aus der Sicht von Ronél Oberholzer. profil traf die Sängerin mit ihrer Anwältin Bettina Casper-Bures. Sängerinnen gäbe es „wie Sand am Meer, man wird schlechter und schlechter bezahlt. Deshalb will man selbst den kleinsten Job behalten, will man die Oper nicht gegen sich haben und den Mund nicht aufmachen“, sagt Oberholzer. Im Februar 2017 hinterlegte sie beim Portier zwei Kuverts mit jeweils einem USB-Stick. Darauf befand sich ein neunminütiger Auszug aus dem Tonmittschnitt. Die Empfänger: Chordirektor Thomas Lang und ein langjähriges Mitglied des Hauschors. Oberholzer sagt, sie habe „daran erinnern wollen, dass nichts weitergegangen ist. Noch dazu war für mich völlig klar, dass das Gespräch an Betroffene weitergegeben werden darf.“ Anwältin Casper-Bures: „Seither wird darum gestritten, ob der Chordirektor und eine Sängerin des Hauschores zu diesem Kreis zählen.“

"Offensichtliches Mobbing des Chordirektors“

Die Staatsoper zeigt Oberholzer an. Im April 2017 beginnt die Staatsanwaltschaft Wien zu ermitteln. Das Verfahren wird bald eingestellt, was die Staatsoper jedoch nicht auf sich sitzen lässt. Sie beantragt eine Fortführung der Ermittlungen. Warum? „Kein Unternehmen, so auch nicht die Wiener Staatsoper, kann ein Verhalten dulden, dass trotz zwischen allen Teilnehmenden vereinbarter Vertraulichkeit eine Verbreitung von Aufnahmen interner Besprechungen an Dritte erfolgt“, heißt es in einer Stellungnahme an profil. Platzer gibt bei der Polizei zu Protokoll, er selbst habe die Aufnahme nicht weitergegeben, weil es sich um „offensichtliches Mobbing des Chordirektors“ gehandelt habe.

2012 gründet die Staatsoper eine Chorakademie für junge Sängerinnen und den Gustav-Mahler-Chor, 2014 wird der Zusatzchor des Hauses in Extrachor umbenannt. Mitglieder des angeblich „überalterten“ Zusatzchors fühlten sich ausgebootet. Doch der Beweis, dass Frauen ab 40 nicht mehr eingeteilt werden, ist schwer zu führen. Chordirektor Lang betont bei jeder
Gelegenheit, dass er lediglich „künstlerisch“ entscheide. Betriebsrat Mario Steller sei keine Hilfe, erzählen Mitglieder aus dem ehemaligen Zusatzchor. Steller hatte – gemeinsam mit Staatsopernchef Dominique Meyer, dem kaufmännischen Direktor Platzer und Chorchef Lang – 2012 die Chorakademie aus der Taufe gehoben. Und er unterrichtet dort auch selbst. Einen Interessenskonflikt will die Staatsoper in diesem Umstand nicht erkennen: „Professor Steller ist ausgebildeter Gesangspädagoge mit langjähriger erfolgreicher Lehrtätigkeit an einer Hochschule. Er fühlt sich als Interessensvertreter der Mitglieder des Extrachores natürlich für diese zuständig.“ Auch der Chordirektor genießt in der Direktion der Staatsoper volles Vertrauen. In der Stellungnahme an profil heißt es: „Jegliche Behauptungen, dass Kriterien wie Alter oder Geschlecht eine Rolle gespielt haben, sind falsch.“

Im Februar 2018 blitzte die Sängerin Ronél Oberholzer vor dem Arbeitsgericht mit ihrer Klage auf Festellung eines Dienstverhältnisses ab. Von einem System der „Arbeit auf Abruf“ könne keine Rede sein, steht im Urteil. „Für die zweite Instanz fehlt mir das Geld“, sagt sie. In der Staatsoper darf die freie Dienstnehmerin seit 2014 nicht mehr singen.

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