Die Bassbaritonistin Sam Taskinen kommt aus Lappeenranta (Finnland).

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Kultur
07/11/2022

Opernsängerin Taskinen: „Es gibt keine sicheren Räume für uns“

Die finnische Opernsängerin Sam Taskinen ist Trans-Aktivistin. Sie kämpft um die Sichtbarkeit und Rechte einer Minderheit.

von Stefan Grissemann

Sam Taskinen, 34, geboren in Finnland, arbeitete ab 2017 an der Komischen Oper in Berlin, ab 2019 zwei Spielzeiten lang am Dreispartentheater in St. Gallen; derzeit ist sie am Staatstheater Kassel engagiert. Ihre Stimmlage ist Bassbariton.

profil: Wann haben Sie entschieden, Ihre weibliche Identität öffentlich preiszugeben?

Sam Taskinen: Während der Pandemie, vor etwa anderthalb Jahren. Es fiel mir lange schwer, meine Identität zu akzeptieren; ich definierte mich über Jahre als nicht-binär, wurde dennoch als Mann gelesen, weil das Gender-Spektrum in seiner Vielfalt von den meisten Menschen immer noch nicht anerkannt wird. Das Ensemble, in dem ich damals arbeitete, hatte ein Online-Konzert zu geben, dafür wurden wir alle mit festlicher Kleidung ausgestattet; ich erkannte die Person nicht, die ich im Spiegel sah. Ich ging nach Hause und zerschnitt meinen schwarzen Anzug: Derart heftig reagierte ich auf die Zumutung, Männerkleidung tragen zu müssen. An diesem Punkt beschloss ich zu akzeptieren, dass ich eine Frau bin. Ich rief meine beste Freundin an und meinen Chef, erklärte ihnen, dass ich ab sofort nicht mehr als Mann auf die Bühne gehen konnte. Natürlich konnte ich weiterhin auf der Bühne männliche Rollen darstellen, aber ich selbst wollte mich nicht mehr verstellen. Glücklicherweise zeigte mein Arbeitgeber Verständnis. Seit ich drei Jahre alt war, wusste ich, dass meine Identität weiblich ist, aber ich hatte dieses Wissen Jahrzehnte lang verschwiegen, um nicht gegen gesellschaftliche Regeln zu verstoßen.

Ich muss daher vielen Menschen immer wieder erklären, dass ich nie ein Mann war, dass ich mir nie gewünscht habe, mich in eine Frau zu „verwandeln“

Sam Taskinen

profil: Reagieren die Menschen in Ihrem Umfeld, in der Opernwelt, insgesamt respektvoll auf Ihre Entscheidung?

Sam Taskinen: In mancherlei Hinsicht ja. Ich stelle aber fest, dass viele Leute meine Transition „interessant“ finden, allerdings nicht interessant genug, um sich eingehender damit zu befassen. Ich bin daher leider mit viel Tokenismus konfrontiert: Man kategorisiert mich, stellt eine sehr eindimensionale Version meiner Person her. Ich muss daher vielen Menschen immer wieder erklären, dass ich nie ein Mann war, dass ich mir nie gewünscht habe, mich in eine Frau zu „verwandeln“. Sondern dass ich stets eine Frau war, die ihre Trans-Identität eben erst angenommen hat.

profil: Auf diesen Gedanken, obwohl er ja nicht schwer zu verstehen ist, scheinen die meisten Menschen gar nicht zu kommen.

Sam Taskinen: Ja. Und ich weiß, dass mein Bassbariton viele Leute verwirrt, aber für mich klang meine Stimme immer feminin. Es ist eine weibliche Stimme, denn es ist meine. In der Oper gibt es die Jahrhunderte alte Tradition der „Hosenrollen“, und dennoch unterscheidet man dort immer noch strikt zwischen Männer- und Frauenstimmen. Als gäbe es da klare Trennlinien.

profil: Auf diesen Gedanken, obwohl er ja nicht schwer zu verstehen ist, scheinen die meisten Menschen gar nicht zu kommen.

Sam Taskinen: Ja. Und ich weiß, dass mein Bassbariton viele Leute verwirrt, aber für mich klang meine Stimme immer feminin. Es ist eine weibliche Stimme, denn es ist meine. In der Oper gibt es die Jahrhunderte alte Tradition der „Hosenrollen“, und dennoch unterscheidet man dort immer noch strikt zwischen Männer- und Frauenstimmen. Als gäbe es da klare Trennlinien.

profil: Es muss anstrengend sein, neben künstlerischen Themen stets noch Ihre Identität besprechen zu müssen.

Sam Taskinen: Ja, es ist eben auch Arbeit, die Menschen darüber aufzuklären, was es bedeutet, als Trans-Künstlerin zu leben – und was es braucht, um mit einer Minderheit sensitiv umzugehen. Wenn ich für eine Rolle vorsinge, erhalte ich in der Regel sehr gemischte Reaktionen. Auf der Bühne, wenn ich spiele, kriege ich extrem positive Reaktionen, aber auch extrem vernichtende Kommentare – und alles, was dazwischen liegt. 

profil: Die sehr private Frage nach Geschlecht und sexueller Identität nehmen Sie in Kauf, weil Sie wissen, dass sie eben auch politisch ist?

Sam Taskinen: Darüber spreche ich viel mit meiner Partnerin, der Sopranistin Emma McNairy, die auch eine queere Aktivistin ist. Ich freue mich, wenn ich mehr Sichtbarkeit für Trans-Personen herstellen kann, und Emma hat mir durch ihre Recherchen viel bewusster gemacht, dass man Transmenschen, die nun auch in konservative Gebiete vordringen, nicht mehr so leicht als „krank“ oder „abseitig“ abstempeln kann wie früher. Aber nur dank der harten, gesellschaftlich oft verfemten Arbeit der Generationen vor uns haben wir es geschafft, diese konservativen Räume zu betreten.

profil: Sind Transpersonen in der Opernwelt in irgendeiner Weise organisiert? Gibt es Solidarität? 

Sam Taskinen: Ich bin mit einigen von ihnen befreundet, unter anderem mit der amerikanischen Baritonistin Lucia Lucas, deren gewaltige Karriere uns allen den Weg geebnet hat.

profil: Sie war eine der Ersten?

Sam Taskinen: Eine der Ersten, die derart groß wurde. Aber denken Sie an all die Künstler und Künstlerinnen vor uns, die sich aus Angst um ihren Job nicht in die Transition gewagt haben. Oder an jene, die wegen ihrer Trans-Identität an den Musikschulen gar nicht erst genommen wurden.

Denken Sie an all die Künstler und Künstlerinnen vor uns, die sich aus Angst um ihren Job nicht in die Transition gewagt haben

Sam Taskinen

profil: Demnächst wird in Deutschland ein neues Gesetz in Kraft treten, das volljährige Menschen in die Lage versetzen wird, sein eigenes Geschlecht ohne medizinische oder rechtliche Einschränkungen zu wählen.

Sam Taskinen: Gut so. Denn Menschen entscheiden sich nicht dafür, trans zu sein, weil sie denken, dass es Spaß mache oder cool sei. Niemand würde zum „Spaß“ in die Transition gehen. Ich stamme aus einem Land, in dem die rechtliche Situation für Trans-Personen leider deutlich schlechter als in Deutschland aussieht. Mein rechtlicher Status ist immer noch ungeklärt.

profil: Sie meinen den Eintrag in Ihrem Pass?

Sam Taskinen: Ja. Dieser Prozess ist lähmend. Aber selbst in liberalen Ländern wie Deutschland genießen Trans-Personen nicht dieselben Rechte, nicht denselben Schutz wie Cis-Menschen. Und es gibt keine sicheren Räume für uns. Wie sollte man unter diesen Umständen „einfach so“ in die Transition gehen? Jetzt, da wir ein wenig sichtbar sind, gibt es viel mehr Gewaltverbrechen gegen Transmenschen, und in Zeitungen erscheinen weltweit beschädigende Artikel. Die Tatsache, dass man uns nicht mehr ignorieren kann, erscheint vielen Menschen bedrohlich.

Der Kampf um die Rechte von Transfrauen schränkt die feministische Bewegung nicht ein

Sam Taskinen

profil: Weil sie ihre fest etablierte Weltanschauung angreift, ihre fundamentale Überzeugung, dass Männer und Frauen leicht zu unterscheiden seien.

Sam Taskinen: Das alles hat natürlich auch mit dem Patriarchat zu tun, das sich schon bedroht fühlt, wenn der Geschlechterbegriff nur minimal verwischt wird. Deshalb sind Trans-Aktivismus und Feminismus so eng miteinander verbunden, auch wenn gerne versucht wird, die Bewegungen gegeneinander auszuspielen.

profil: Aber zeigt sich der traditionelle Feminismus, wie er in den 1960er- und 1970er-Jahre entworfen wurde, Trans-Rechten gegenüber nicht oft ignorant?

Sam Taskinen: Der intersektionale Feminismus bindet andere Minderheiten natürlich stärker mit ein – und so muss es sein, denn in der feministischen Ideologie steckt das Grundprinzip der Inklusion. Klar, es wird immer Menschen geben, die sich privilegiert fühlen wollen und minoritäre Bewegungen deshalb ausschließen. Aber auch Frauenrechte sind ja längst nicht durchgesetzt. Und der Kampf um die Rechte von Transfrauen schränkt die feministische Bewegung nicht ein.

profil: Trans-Menschen entscheiden sich oft für eine Hormonbehandlung. Besteht da nicht die Gefahr, dass die Stimme, insbesondere wenn man künstlerisch damit arbeitet, beeinflusst oder verändert wird?

Sam Taskinen: Das hängt auch vom Alter ab, in dem man die Transition beginnt. Wenn ein Kehlkopf voll entwickelt ist, werden weder dieser noch die Stimmbänder darin durch die Einnahme von Hormonen wieder schrumpfen. Transfrauen können per Sprachtherapie ihre Stimme anders benutzen lernen, auch eine Singstimme kann man so zum Sopran entwickeln. Ich wollte das nie, für mich passen meine Stimme und meine Identität gut zusammen. Aber es ist höchst individuell, was genau jemand braucht, um sich in seinem Körper und seiner Identität wohl zu fühlen. Transmänner, die sich einer Testosterontherapie aussetzen, werden feststellen, dass ihre Stimme tiefer wird. Aber auch stimmliche Veränderungen sind nicht von allen erwünscht.

Für mich passen meine Stimme und meine Identität gut zusammen

Sam Taskinen

profil: Gibt es in Ihrem Umfeld viele Menschen, die nicht die Kraft haben, sich als trans zu outen?

Sam Taskinen: Einige, ja. Aber wir alle kennen vermutlich viel mehr Menschen, als wir glauben, die ihre wahre Identität verheimlichen.

profil: Kann es sein, dass ausgerechnet die altehrwürdige Oper in Gender-Fragen besonders divers ist?

Sam Taskinen: Ja, die Oper war stets eine sehr queere Kunstform und ein Spiegel der Gesellschaft. Auch ich, als Bassbaritonistin, spiele manchmal „Hosenrollen“. Und in vielen barocken Opern gibt es Frauenrollen, die für Bass oder Bassbariton geschrieben wurden. Man redet viel von den Countertenören, die dazu beigetragen haben, den Weg zu einer vielfältigeren, queeren Oper zu ebnen; aber Mezzosopranistinnen tun das ebenfalls schon seit Jahrhunderten!

profil: Werden Sie online bedroht?

Sam Taskinen: Sie ahnen nicht, wie viel Hass Menschen wie ich praktisch täglich abkriegen. Es geht zudem um sexuelle Belästigung, die uns online bedroht. Ich erlebe auch auf der Straße viel Hass und Drangsalierung. Man will uns Angst machen, zum Schweigen bringen. Manche Menschen fühlen sich von der Tatsache, dass Trans-Personen existieren, eben nicht bereichert. Und dann gibt es Leute, die einen fetischisieren, was ebenso gefährlich ist. Denn in beiden Fällen wird man entmenschlicht, zu einem Objekt gemacht, mit dem man nach Belieben verfahren kann.

Manche Menschen fühlen sich von der Tatsache, dass Trans-Personen existieren, eben nicht bereichert

Sam Taskinen

profil: Wie schützen Sie sich vor solchen Zumutungen – physisch und psychisch?

Sam Taskinen: Ich muss mehr aufpassen als andere, wenn ich mich in der Dunkelheit draußen bewege. Und mir helfen natürlich meine Partnerin, mein Freundeskreis und meine Therapie, die eine traumatisierende Wirklichkeit zu bewältigen hilft.

profil: Haben Sie mit all dem gerechnet, als Sie Ihre weibliche Identität öffentlich machten?

Sam Taskinen: Ja. Schon als Teenager war ich mir meiner transness bewusst, auch weil es in meiner Nähe eine Person gab, die in der Kirche predigte und sich als transgender outete. Man zerriss sich in Medien und auf der Straße über sie das Maul, machte sie zum Gespött des Ortes. Seit damals weiß ich, welche sozialen Konsequenzen es hat, wenn man sein zugewiesenes Geschlecht zurückweist. Und ich habe viel zum Thema gelesen, kenne die Statistiken der Übergriffe. Aber ganz begreifen kann man das alles erst, wenn man diesen Weg selbst geht.