Hidetoshi Nishijima und Toko Miura in "Drive My Car"

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Kino
03/22/2022

Oscar-Favorit „Drive My Car“: Sehnsucht in einem Saab 900

An der für vier Oscars nominierten Murakami-Adaption „Drive My Car“ kommt die Filmbranche gegenwärtig nicht vorbei. Eine virtuelle Begegnung mit dem japanischen Regisseur Ryūsuke Hamaguchi.

von Stefan Grissemann

Bei der in wenigen Tagen im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard über die Bühne gehenden 94. Academy-Awards-Gala wird ein Außenseiter auftreten, der möglicherweise weite Teile der Show stehlen wird: Unter den geladenen Größen der anglophonen Kinoindustrie, von Jane Campion bis Steven Spielberg und Nicole Kidman bis Denzel Washington, wird der japanische Filmemacher Ryūsuke Hamaguchi, 43, wie ein scheues Unikum erscheinen – und auch das Werk, für das er eingeladen wurde, entspricht den üblichen Branchenvorgaben keineswegs.

„Drive My Car“ (der schöne, dem Englischen nachempfundene Originaltitel lautet: „Doraibu mai kā“) ist nämlich ein äußerst stiller, hochelegant in Szene gesetzter Dreistünder, der – nach einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Haruki Murakami – drei komplexe Beziehungen auslotet: die innige, aber von Untreue heimgesuchte Ehe zwischen dem Regisseur Kafuku und der Drehbuchautorin Oto; das zwei Jahre später sich entwickelnde Verhältnis des verwitweten Regisseurs zu dem jungen Schauspieler Takatsuki, den er für seinen einstigen Nebenbuhler hält; und die vertrauliche Bindung, die sich auf langen Autofahrten zwischen ihm und seiner jungen Chauffeurin entspinnt, als er für einige Wochen in Hiroshima strandet, wo er eine Theaterinszenierung, eine Variation über Tschechows „Onkel Wanja“ erarbeiten soll.

Für gleich vier Oscars – in den allerwichtigsten Kategorien – wurde „Drive My Car“ nominiert, nicht nur, wie sonst bei nicht-amerikanischen Filmen üblich, als „Best International Feature Film“, sondern auch in der Königsklasse „Bester Film“, in der Abteilung „Beste Regie“ und als „Bestes adaptiertes Drehbuch“ außerdem. Die Vielzahl der Nominierungen verdeutlicht die hervorgehobene Position von „Drive My Car“, eines Films, der heuer etwas Ähnliches zuwege bringen könnte wie der 2020 mit vier Oscars prämierte koreanische Arthouse-Blockbuster „Parasite“. Allerdings ist „Drive My Car“ weniger augenfällig, viel subtiler, zurückhaltender als die spektakuläre Sozial-Schock-Comedy „Parasite“. Man wird sehen.

Zoom-Call nach New York, wo Hamaguchi bereits mit aufmerksamem Blick neben seiner Übersetzerin im Büro des Cinephilie-Labels Criterion sitzt. Seit ein paar Wochen schon hält er sich in den USA auf, um eine anstrengende PR-Tour zu absolvieren, um im Vorfeld des Oscar-Votings geballte mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Internationales Interesse an seiner Arbeit ist Hamaguchi inzwischen gewöhnt: Seit 15 Jahren inszeniert er Spiel- und Dokumentarfilme, mit einem studentischen Remake von Tarkowskis „Solaris“ begann er 2007 seine Regielaufbahn. 2015 stach seine fünfstündige, von John Cassavetes’ „Husbands“ (1970) inspirierte, aber weiblich geprägte Liebesanalyse „Happy Hour“ in Locarno und anschließend auf globaler Festivaltour erstmals einem breiten westlichen Publikum ins Auge. Seither scheint ihm alles zu gelingen: Hamaguchis „Wheel of Fortune and Fantasy“ (2021), prämiert mit dem Großen Preis der Berlinale-Jury, feierte in drei romantischen Kurzgeschichten die schicksalhafte Begegnung und die Wunder der menschlichen Vorstellungskraft.

Unglaubliche 60 Auszeichnungen hat „Drive My Car“ bislang gewonnen, darunter einen Golden Globe sowie Hauptpreise in Cannes, Toronto und Chicago – und Amerikas Filmkritik schlägt seit der Uraufführung des Films im Juli 2021 Kapriolen. In Österreich läuft das Werk seit Dezember in den Kinos, ist da und dort noch nachzuholen. Während der Dreharbeiten an „Drive My Car“ habe er diesen Welterfolg weder geahnt noch angestrebt, sagt Hamaguchi im profil-Gespräch: „Ich hätte diesen Film niemals machen können, wenn ich auf Erfolg geschielt hätte – eine dreistündige Arbeit mit dieser ungewöhnlichen Plot-Entwicklung? Ich hatte aber das Glück, mit Produzenten zu arbeiten, die begriffen, was ich wollte, und mich bei der Umsetzung unterstützten. Beim Drehen sah ich diese wundervollen Dinge vor der Kamera geschehen, mein Job war es nur noch, dies festzuhalten und anschließend vorzuführen.“


Was er von der Oscar-Show halten soll, die vor ihm liegt, ist ihm selbst nicht ganz klar. „Preise sind immer das Ergebnis einer Vielzahl von Zufällen. Ich bin natürlich sehr dankbar, dass diese Nominierungen kamen; mir ist klar, dass dies wirklich selten ist, besonders für einen japanischen Film. Aber grundsätzlich will ich eigentlich nicht mit potenziellen Preisen im Hinterkopf Filme machen“, lieber „geerdet“ leben.

In einem roten Saab 900, einem Mittelklassewagen aus den 1970er-Jahren, kurvt sein zentrales Duo durch die Welt. Die Wahl des Fahrzeugs geht auf Murakamis Kurzgeschichte zurück: Im Text allerdings ist der Saab ein gelbes Cabrio. „Vielleicht hätte ich mich an das Original halten sollen“, meint Hamaguchi, „aber mit Cabrio hätte diese Story nicht funktioniert, schon technisch nicht: Ich hätte Probleme gehabt, die vielen Dialoge an der frischen Luft aufzuzeichnen. Es musste ein Auto mit Dach sein. Und Gelb fällt natürlich auf, aber eben nicht genug in dieser grünen Landschaft. Das leistete Rot besser.“ Wie (und ob) dieses Auto seinen Helden, der es sehr liebt, charakterisiere, weiß er nicht – er kommt über die Frage ins Grübeln: ein schwedisches Auto, produziert von einem ehemaligen Flugzeughersteller – sagt es etwas über Kafuku? Die fehlende Antwort entschuldigt er mit seinem eigenen Desinteresse an Vehikeln dieser Art: Er fahre selbst nicht und wisse kaum etwas über Autos.

Seine Version von „Drive My Car“ unterscheidet sich stark von Murakamis Vorlage: Die Filmhandlung bleibt nicht in Tokio, der Held ist nicht nur Schauspieler, und die Chauffeurin wird ihm vom Festival aus versicherungstechnischen Gründen zugewiesen, nicht weil er seinen Führerschein verloren hätte, wie dies bei Murakami der Fall ist. Und auch um den Hauptstrang der Theaterarbeit hat Hamaguchi die Kurzgeschichte erweitert. „Ich wollte Murakamis Story treu bleiben, aber sie nicht einfach nachbilden, eher dem Geist, der Essenz der Geschichte entsprechen. Die beiden Figuren, Kafuku und Masaki, sind das Zentrum, ihre Beziehung entwickelt sich in diesem Auto. Wie konnte ich daraus einen spannenden Film machen? Ich las die Story immer wieder und wieder, auch „Onkel Wanja“, machte mir Notizen, und irgendwann entstand daraus mein Drehbuch. Tatsächlich machte die Tatsache, dass Kafuku bei mir auch Regisseur ist, diese Geschichte persönlicher; aber diese Änderungen entstanden fast zufällig beim Schreiben. Es stimmt, dass sich in meinem Filme autobiografische Momente finden, aber sie sind eher das Ergebnis meiner Arbeit als ihr Ziel.“

Die introvertierte, dabei sehr charismatische Performance des Schauspielers Hidetoshi Nishijima – er wirkte auch in Filmen von Takeshi Kitano („Dolls“, 2002), Kiyoshi Kurosawa („Loft“ und „Creepy“) sowie Amir Naderi und Wayne Wang mit – trägt die Erzählung in „Drive My Car“. Mit dem Satz Schauspielen sei eine Art „sozial akzeptierter Unzurechnungsfähigkeit“ wurde Hamaguchi vor drei Monaten in einem amerikanischen Kulturmagazin zitiert: Wer Figuren darstelle, nehme „multiple Identitäten“ an, dieser Beruf sei „offensichtlich strapaziös“ und führe bisweilen direkt „in den Zusammenbruch“, habe aber auch die Fähigkeit „zu heilen“. Das Zitat irritiert ihn: „Sie haben gelesen, ich hätte das gesagt?“ Ja, wende ich ein, genau so – aber vielleicht war das ja auch ein Übertragungsfehler, lost in translation in den weiten semantischen Grenzgebieten zwischen Japanisch und Englisch? „Ich kann mir keinen Kontext vorstellen, in dem ich so etwas gesagt hätte“, betont Hamaguchi. „Schauspielen ist etwas sehr ähnliches, aber nicht dasselbe wie Lügen. Schauspiel ist nicht ,wahr’, aber es ist eine Verabredung, daher wird die Lüge nicht geahndet. Man lügt, um etwas zu verheimlichen, um eine Form des Begehrens möglich zu machen. Aber jede Lüge ist langfristig zum Scheitern verurteilt. Schauspieler haben einen safe space, in dem sie sich verstellen und ausdrücken können. Auch der scheinbare Irrsinn wird im Rahmen einer Performance sozial akzeptiert. Und die Kamera hält die Wahrheit fest: Sie ist präzise, erkennt jede Lüge und jeden Wahrheitsschimmer augenblicklich.“


„Drive My Car“ ist also ein Melodram über Täuschung und Wahrheit in der Intimität eines Autos, im Nirgendwo eines unaufhörlich bewegten Raums: Hamaguchis ruhige, unterspielte Inszenierung stellt eine Tiefenbohrung in die verwundeten Seelen seiner Figuren an – ein stilles Meisterstück der Prägnanz, der Schönheit und des Humanismus.