Oscars 2020
Oscars 2020

© APA/AFP

Kultur
02/10/2020

Oscarverleihung 2020: Parasitäre Infektion

Die Oscars 2020 verdeutlichten Selbstkritik und Sehnsucht der amerikanischen Filmbranche.

von Stefan Grissemann

Als Regisseur Bong Joon-ho zum vierten Mal auf die Bühne kam, schien er es selbst nicht mehr ganz glauben zu können. Irgendwann hatte er begonnen, nur noch darauf zu verweisen, wie viel an hochprozentiger Druckbetankung er anschließend brauchen werde, um diesen für ihn so triumphalen Abend verarbeiten zu können. Mit den vier Oscars, die er aus sechs Nominierungen machte, war er unbestreitbar der super-hero der 92. Academy-Awards-Verleihung. Bongs siebenter Spielfilm, die Klassenkampf-Horrorsatire „Parasite“, räumte in vier zentralen Kategorien ab – bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch und bester fremdsprachiger Film. Das Votum war deutlich: Ein von weither Zugereister, ein koreanischer Kino-Auteur, der nicht über originelle Ideen, filmischen Esprit und politische Schärfe verfügt, sondern auch über eine (Geistes-)Gegenwärtigkeit, von der Hollywood dieser Tage nur träumen kann, wurde über Nacht zum neuen Role-Model der amerikanischen Laufbildindustrie.

Die zahlreichen Verlierer der Oscar-Nacht nahmen es (notgedrungen) sportlich. Aus den 16 Nominierungen für die Netflix-Produktionen „The Irishman“ und „Marriage Story“ ging genau eine Trophäe hervor (für Laura Dern als beste Nebendarstellerin in letzterem Film), die wohlverdiente Reputation von Altmeister Martin Scorsese fiel der Streaming-Skepsis der Academy komplett zum Opfer. Aber auch die Favoriten „Joker“ und „1917“ wurden in erstaunlich hohem Maße ignoriert – Todd Phillips’ Antiheldenfilm erhielt immerhin noch, wie erwartet, Oscars für Hauptdarsteller (Joaquin Phoenix) und Soundtrack (Hildur Guðnadóttir), aber die neun weiteren Nominierungen verstrichen ungenutzt; und das enorm gehypte, zehnfach nominierte Weltkriegs-Event-Movies „1917“ wurde – sehr zu Recht – vor allem für seine technischen Leistungen (Kamera, visuelle Effekte und Ton) gewürdigt.

Lediglich zwei von zehn möglichen Oscars, darunter der absehbar beste Nebendarsteller (Brad Pitt), entfielen auf Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“. Und Greta Gerwigs „Little Women“ (sechs Nominierungen) mit einem Oscar für die Kostüme abzuspeisen, grenzte schon an eine Beleidigung – übrigens auch des Diversitätsgedankens, der in dieser Nacht kaum präsent war. 19 von 20 nominierten Schauspielkräften waren weiß, und absurderweise holte man sogar für das Entertainmentprogramm einen weißen Rapper (Eminem) auf die Bühne, als fiele es leider schwer, im HipHop-Bereich schwarze Facharbeiter zu finden. Hollywood wird weiter nachdenken müssen. Angestrengt.

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