Philosophin Charim: "Diese Regierung ist gekommen, um zu bleiben"

Isolde Charim

Isolde Charim

Die Philosophin Isolde Charim über die Unterschiede zwischen Schwarz-Blau in den Jahren 2000 und 2018.

INTERVIEW: WOLFGANG PATERNO

profil: Darf man Sie als Veteranin des schwarz-blauen Widerstands bezeichnen?
Charim: Von meinem Alter her sicher, sonst nur mit Augenzwinkern!

profil: Wie gehen Sie heute mit den Ereignissen von 2000 um?
Charim: Es war eine Zeit geballter Intensität. Zugleich scheint dieses Jahr unendlich weit entfernt zu sein, weil sich Welt, Gesellschaft, Kommunikation und Politik so grundlegend verändert haben. Sämtliche Parameter haben sich verschoben.

profil: Ist Schwarz-Blau in Österreich bereits ein alter Hut?
Charim: Die große Empörung, diese Woge, die 2000 herrschte, ist ausgeblieben. Dennoch gibt es unterschwellig ein enormes Unbehagen, das noch nicht weiß, wie es sich artikulieren kann und soll. Dabei befinden wir uns in einer viel schlimmeren Situation als 2000: Der Europa-Gedanke ist gefährdet, das Flüchtlingsdrama hat gewaltige Dimension erreicht, die Opposition zerbröselt. Es gibt viel weniger Gegengewicht.

profil: Der Aufschrei "Widerstand" ist aber nicht mehr zu vernehmen.
Charim: Vielleicht war "Widerstand" bereits 2000 eine Hilfsvokabel. Es war damals nicht nur die Empörung über Schüssels politische Taschenspielertricks, sondern über den Tabubruch einer solchen Koalition. Heute haben wir hingegen ein nachdrückliches Votum der Bevölkerung und zugleich keine Formen, keine Kanäle für die Wut und den Schrecken. Das erzeugt eine Starre. Momentan.


In fünf Jahren wird Schwarz-Blau das Land so umgebaut haben, dass man sich noch wundern wird, was alles möglich gewesen sein wird.

profil: Österreich ist im rechten Mainstream angekommen?
Charim: Gewiss. Dennoch ist Österreich in Westeuropa das erste Land, in dem die Rechten eine derartige Machtposition innerhalb der Regierung innehaben. Es wird enger werden.

profil: Ist das Ende der 2000 angestrebten Wende erreicht?
Charim: Nein. Die Wende hat damals nicht stattgefunden, weil sie mittendrin abgeblasen werden musste. Der Buwog-Prozess findet nicht zufällig gerade jetzt statt. Ich fürchte, die Wende wird erst jetzt kommen. Die Freiheitlichen sind personell, organisatorisch und ideologisch gefestigter denn je. Die Burschenschafter sind Hardcore-Ideologen, anders als Haiders korrupte Buberl-Partie.

profil: Welchen Nerv treffen Kurz und Strache?
Charim: Ihr Geschäft ist ein doppeltes: Sie befördern die Verunsicherung durch die Ankunft vieler Flüchtlinge. Und sie trimmen die Gesellschaft eiskalt auf Erfolg. Dabei geht jedes Verständnis für das Scheitern verloren. Wir haben keine Sprache mehr für das gescheiterte Leben. Die Brutalität des Erfolgszwangs dominiert.

profil: Wie steil ist die Rechtskurve, die Kurz und Strache fahren?
Charim: Das ist noch nicht absehbar. Strache hat angekündigt, dass die Regierung eine Politik der kleinen Schritte verfolge. In fünf Jahren wird Schwarz-Blau das Land so umgebaut haben, dass man sich noch wundern wird, was alles möglich gewesen sein wird. Die Drohung ist real, auch wenn sie schleichend vor sich geht.

profil: Wird die Regierung die volle Legislaturperiode absolvieren?
Charim: Sie ist gekommen, um zu bleiben.