Polizeiwillkür und Rassismus: Jugendliche bringen ihre Geschichten ins Kino
„Mitzumachen war die beste Entscheidung meines Lebens“, so Kiste, ein 17-jähriger serbischer Roma, am vergangenen Samstag im Stadtkino Wien. Gemeinsam mit acht anderen Teenagern steht Kiste gerade auf der Bühne. Hinter dem Teenager ist die große Leinwand, auf der kurz davor Kistes eigener Film gezeigt wurde. Noch bevor der Jugendliche seinen Satz beendet, wird laut im voll besetzten Saal applaudiert.
Gezeigt wurden die Kurzfilme „Die Agentur“ und „Im Schatten von Wien 2“ (Der erste Teil kam bereits 2024 heraus, man kann ihn mittlerweile auf YouTube nachsehen). Auf der Leinwand sieht man keine professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern Jugendliche wie Kiste: junge Menschen mit Migrationsgeschichte, Fluchterfahrung oder aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen.
Streetwork trifft Filmproduktion
Dass Jugendliche wie Kiste überhaupt erst die Möglichkeit bekommen, auf einer Leinwand gesehen zu werden, ist selten. Das integrative Kulturvermittlungsprojekt „Demokratie, was geht?“, das vom Sozialministerium finanziert wird, ermöglicht es. Das gesamte Projekt, zu dem auch die beiden Kurzfilme gehören, wurde vom Sozialministerium mit 820.000 Euro finanziert. Dadurch konnten über ein halbes Jahr hinweg unter anderem sieben wöchentliche Workshops mit rund 20 Leitenden aus Kunst, Kultur und Jugendarbeit umgesetzt werden. Zusätzlich gab es Kleinförderungen von der MA 17 (Magistrat für Integration und Diversität), dem Bezirk Favoriten sowie eine bezahlte Kooperation mit der AK Young.
Ziel des gesamten Projekts ist es, Menschen, die normalerweise keinen Platz in der oft sehr elitären Kulturbubble haben, mit einzubeziehen. „Die Idee ist es, den Jugendlichen einen Rahmen zu geben, an dem sie wachsen können“, erzählt Fabian Reicher, Sozialarbeiter. Eine Mischung aus Streetwork und Filmemachen. Kennengelernt haben Reicher und seine Kollegen die Protagonisten der Filme auf der Straße – etwa in den großen Gemeindebausiedlungen am Wiener Schöpfwerk oder Rennbahnweg.
In den Kurzfilmen greifen die Jugendlichen vor allem Erlebnisse auf, die viele von ihnen selbst gemacht haben. So erzählt die Komödie „Die Agentur“ von einer Gruppe junger Menschen mit Migrationsgeschichte, die rassistischen Personen Streiche spielen. Der Actionfilm „Im Schatten von Wien 2“ wiederum setzt sich mit Polizeigewalt und Racial Profiling auseinander. Persönliche Erfahrungen flossen dabei direkt in die Drehbücher ein.
Unterschiedliche Kulturen treffen aufeinander
„Wir haben unterschiedliche Jugendliche, unterschiedliche Hintergründe, die hier zusammenarbeiten – Syrer, Tschetschenen, Afghanen oder Österreicher. Nationalitäten, die sich sonst oft anfeinden, werden zu einem Team“, sagt Reicher.
Neben der Filmproduktion bespielen die Teenager auch die Social Media Kanäle von „Demokratie, was geht?“, um Zuschauer – etwa für die Premiere am Samstag – zu gewinnen.
Halt durch Projekt
Die Mischung aus Sozialarbeit und dem gemeinsamen Filmprojekt kann Jugendlichen in einer besonders sensiblen Lebensphase Halt geben – und sie davor bewahren, in die Kriminalität abzurutschen. Viele der Protagonisten sind mittlerweile seit Jahren Teil des Projekts; sie sind mit Fabian Reicher und den Kollegen von „Demokratie, was geht?“ quasi aufgewachsen.
2023 begannen die Dreharbeiten zum ersten Teil von „Im Schatten von Wien“. Damals waren die Teenager gerade einmal 13 bis 15 Jahre alt. Wie prägend das für sie ist, bringt Kiste am Samstag auf den Punkt: „Ohne das Filmprojekt wäre ich nicht der, der ich jetzt bin. Sich als Jugendlicher auf einer Leinwand zu sehen, ist alles andere als selbstverständlich.“