Aus heiterem Himmel kam dieses generationenvereinende Schwermut-Stelldichein freilich nicht. Smiths Formation The Cure hatte am Vorabend an selbigem Ort bereits ein triumphales Headliner-Set gespielt – und schon im Sommer 2025 waren die beiden am Glastonbury Festival zeitweise Seite an Seite auf der Bühne gestanden.
Ungeachtet dessen mutete dieser strahlkräftige Konzertmoment wie eine besonders stimmige Fügung in der immer noch erstaunlich jungen Musikkarriere des einstmaligen Disney-TV-Stars an.
Coolness-Codes
Seit ihrem Übernacht-Durchbruch mit „Drivers License“ 2021 prägt Rodrigo eine latent kantigere Auslegung moderner Popstar-Präsenz: Augenfällig ist ihr Aufgreifen popkulturell ins Abseits geratener Pop- und Rocktraditionen, gepaart mit der Wiederbelebung gegenkultureller Coolness-Codes der 1980er- und 1990er-Jahre.
Dies äußerte sich bereits vor ihrer Allianz mit Robert Smith, beispielsweise in ihrer Begeisterung für Babydoll-Kleider (wie sie weiland Courtney Love trug), ihren Riot-Grrrl-Bezügen oder der Verpflichtung der Breeders als Vorgruppe.
Deutlich wurde das stets auch in ihren Kompositionen, die auf ihren ersten beiden LPs „Sour“ und „Guts“ bei aller Ultracatchiness der Refrains stets ein wenig bissiger, lärmiger, raubauziger daherkamen als der gern recht feinpolierte Pop mancher Altersgenossinnen.
Mit Verve in chord und Wort sicherte sich die Kalifornierin bald die Herzen von Millionen Mit-Teenagern, die wie sie gerade Amour-Achterbahnfahrten durchlebten – wenn auch nicht vor den wachsamen Augen eines Millionenpublikums wie sie selbst.
In „Love Is Embarrassing“ lud Rodrigo ein, ihr zuzusehen, wie sie sich für einen „zweitklassigen Versager kreuzigt“. In „Vampire“ hieß sie einen üblen Ex „blood sucker, fame fucker“. Songs wie „Get Him Back!” oder „Bad Idea Right?” kreisten dagegen verschmitzt um das Ping-Pong-Spiel aus Abschied und Neuannäherung.
Turteltermini
Mit ihrer Beziehung zum Schauspieler Louis Partridge schien Rodrigo die Sturm-und-Drang-Phase indes zuletzt verlassen zu haben. Folgerichtig war ihr drittes Album darauf ausgerichtet, die Vorzüge und Vorfreuden romantischer Nähe zu lobpreisen.
Von diesem Vorhaben künden Stücke wie das mit blumigen Turteltermini gespickte „Honeybee“ oder der Hals über Kopf durch einen Oxytocin-Rausch taumelnde „Stupid Song“: „Ich fühle mich richtig, ich fühle mich falsch, ich fühle mich völlig verrückt.“ Oh, süßester Kontrollverlust!
Doch selbst wenn Rodrigo auf grandios überspitzte Weise zu illustrieren versteht, wie das eigene Urteilsvermögen den Bach hinuntergehen kann: Ein Werk der reinen Wonne wäre kaum ergiebig gewesen.
Das Leben hielt sich freilich ohnehin nicht an diesen Plan. Nach zwei Jahren trennten sich Olivia und Louis Ende 2025 – und aus einer Songsammlung mit Herzchen in den Augen entwickelte sich ein breiter und tiefer gefasstes Konzept-Projekt.
„You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ zeichnet nunmehr den Verlauf einer Liebesbeziehung chronologisch nach: vom ersten Kribbeln über wachsende Entfremdung bis zur finalen Ernüchterung. Ein Schlüsselstück zur Entzifferung der seelischen Landkarte der Künstlerin ist dabei „The Cure“, das die düsterere zweite Hälfte der Platte einläutet.
Rodrigo singt hier von Giftstoffen im Blutkreislauf: Symbole für quälende Gedanken und aufkeimende Eifersucht. Zunächst hegt sie noch die Hoffnung, dass ihr Partner all das auffangen könne. Am Ende wird diese Vorstellung dem Druck der Wirklichkeit nicht standhalten können. Zurück bleibt die bittere Erkenntnis: Liebe ist kein Allheilmittel, das Wunden schließen kann, die bereits anderswo entstanden sind.
Zerschellendes Idyll
Im Gegensatz zu vergangenen Werken wird nicht allein der Ex als Schuldiger für das Zerschellen des Zweisamkeitsidylls ausgemacht. Stattdessen interessieren Rodrigo verstärkt Unschärfen und Ambivalenzen und die damit verbundenen schmerzhaften Lernprozesse, von denen sie jüngst bei Apple Music berichtete: „Als Teenager betrachtet man die Liebe schwarz-weiß. Auf diesem Album und in dieser Phase meines Lebens bewege ich mich nun in der Grauzone.“ Das Postergirl der aufgewühlten Rock’n’Groll-Beziehungsabrechnung ist also in der Grey Area angekommen – in ihrer Grey Era, wenn man so mag.
Ihre Musik scheint dieser Entwicklung auf halbem Weg entgegenzukommen: Subtilere Noten kommen zum Vorschein, ohne dass den Songs die Kanten geschliffen werden. Die DNA von Pop-Punk und Alternative Rock bleibt präsent, doch werden nun auch Register von New Wave und Synthpop gezogen, während Rodrigo die ganze Bandbreite ihrer Empfindungen zwischen Verliebtheit und Hoffnung, Zweifel und Ernüchterung durchmisst.
„Für ein Mädchen, das so verliebt ist, wirkst du ziemlich traurig“ ist vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ein brillanter Albumtitel. Der Satz klingt zunächst wie ein Vorwurf, später eher wie eine Erkenntnis. Mit Anfang 20 schreibt diese Musikerin keine Lieder mehr über die Eindeutigkeiten des Begehrens. Lieber beschäftigt sie sich mit der Unordnung, die dieses hinterlässt. Robert Smith schafft so seit Dekaden große Kunst. Olivia Rodrigo tut es nun auch.