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„Wenn uns schon Propaganda vorgeworfen wird, dann machen wir es aber richtig“

Das Wiener Band popsch über queere Sichtbarkeit, politische Rückschritte, Streitkultur – und ihr neues Album „Gay Propaganda“.

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Das queere Quartett popsch gründete sich 2007 in Wien. Haltung war von Beginn an Programm, Ziel der Band war auch, Sichtbarkeit zu schaffen. 2011 veröffentlichten sie ihr erstes Album „Top of the Pop:sch“. 15 Jahre sind seitdem vergangen, die Band hat den Doppelpunkt aus Gründen der Suchmaschinen-Optimierung fallen gelassen. Dem Electro-Clash der 2000er blieben die vier Mitglieder treu – profil hat die beiden Sänger:innen Alex Theiler und Andrea Mautner zum Interview getroffen. Neben ihnen besteht die Band aus Martina Winkler und Florian, beide spielen Synths.

Der queere Elekropop sollte aus dem Untergrund geholt werden – gelungen ist das nur so halb, immerhin heißt das neue Album „Gay Propaganda“. Woke ist nicht back, so der Tenor des neuen Albums – aber die queere Community wird keiner politischen Strömung weichen, es gelte, zu kämpfen und zu feiern. 

Ihr habt euch in der Vergangenheit als „Projekt mit Ideologie“ beschrieben. Seid ihr eine Band oder ein politisches Projekt?

Alex

Ideologie würde ich heute vielleicht nicht mehr sagen. Aber wir haben schon einen Auftrag. Wir sind in die Musik gegangen, weil es zu wenig queere Musik gab – vor allem im Radio, wo nur über heteronormative Beziehungen gesungen wird. Wir wollten keinen belanglosen Pop machen, sondern Texte, die zu unserem Leben passen. Und wir wollten sichtbar machen, dass es Diskriminierung gibt – und dass wir dagegen laut auftreten.

Andrea

Für mich war das Lesbischsein gar nicht das erste Thema. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater bei der ÖBB, wir hatten wenig Geld. Ich habe mich für unsere Wohnung geschämt. Dass ich lesbisch bin, hat keiner gesehen – aber dass wir arm waren, schon. Mein Zugang war deshalb stärker diese Frage von Herkunft, von Klassenunterschieden, von dem, was man sich zutraut. Das ist auch politisch. Wir sind uns da nicht immer einig.

Euer letztes Album „Top of the Popsch“ ist 2011 erschienen. Was habt ihr in den vergangenen 15 Jahren gemacht?

Alex

Das neue Album ist eigentlich das, was wir die letzten 15 Jahre gemacht haben. Von den zwölf Songs sind viele schon lange da, wir haben sie live gespielt. Wir haben nur nie ein Album daraus gemacht.

Andrea

Das Schwierige ist ja nicht das Schreiben. Ein Lied zu schreiben und sich eine gute Geschichte dafür zu überlegen, das ist das Interessante. Aber dann kommt der ganze Rest: Versionen suchen, hundertmal anhören, ein Label finden – das ist der unangenehme Teil. Deswegen hat sich das so gezogen.

Alex

Irgendwann haben wir gesagt: Wenn wir es jetzt nicht machen, dann machen wir es nie. Wir werden alle nicht jünger. Und wir wollten es einfach abschließen. Viele Leute warten schon lange darauf.

Andrea

Ja, so wie wenn man 15 Jahre schwanger ist – irgendwann muss es raus. Und wir wollten auch etwas, das man in der Hand hat. Nicht nur im Internet.

Wer hat sich in dieser Zeit stärker verändert – ihr oder die Welt?

Andrea

Die Welt. Total. Dinge, die früher kein Thema waren, sind plötzlich wieder da. Diskussionen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie noch erlebe.

Alex

Es gibt eine Rückwärtsbewegung. Rechte, die wir erreicht haben, werden wieder infrage gestellt. Gleichzeitig hat sich auch die Szene verändert. Viele Orte gibt es nicht mehr, vieles hat sich ins Internet verlagert.

Andrea

Und auch innerhalb der Community hat sich viel verschoben. Leute bekommen Kinder, leben bürgerlicher, verschwinden aus der Szene. Da stellt sich schon die Frage: Wo sind die anderen?

Alex

Und vielleicht haben wir uns deshalb auch gedacht: Das neue Album muss „Gay Propaganda“ heißen. Wir müssen ein bisschen Propaganda machen. Wenn es uns schon vorgeworfen wird, dann machen wir es aber richtig. Wenn Sichtbarkeit sowieso als ideologisch gelesen wird, dann stehen wir dazu. Wir wollen gehört werden, sichtbar sein.

Ihr verwendet bewusst Begriffe wie „lesbisch“, während viele heute eher „queer“ sagen.

Andrea

„Queer“ ist ein schönes Wort, für Vielfalt, für Offenheit. Aber es verdeckt auch etwas. „Lesbisch“ wird oft vermieden, weil es negativ besetzt ist. Genau deshalb ist es wichtig, es zu sagen. Wenn man es nicht mehr sagt, gibt es uns irgendwann nicht mehr.

Alex

Wir kommen aus einer Zeit, in der lesbische und schwule Szenen stärker zusammen waren. Heute ist vieles diffuser geworden. Wenn alle gemeint sind, sind manche plötzlich nicht mehr sichtbar.

Kann queere Popmusik unpolitisch sein?

Alex

Sichtbarkeit ist automatisch politisch. In dem Moment, in dem man zeigt, wie man lebt, wird es politisch.

Andrea

Aber das heißt nicht, dass alle gleich denken. Queersein ist nichts, was man sich aussucht. Politische Meinungen entstehen anders.

Ihr wurdet auch angefeindet.

Alex

Ja. Und nicht nur von rechts. Wir wurden auch von Menschen mit Steinen beworfen, die sich selbst nicht unbedingt als rechts verstehen.

Andrea

Die Anfeindungen haben zugenommen. Es gibt mehr Aggression, mehr Unsicherheit. Man merkt das auch bei Veranstaltungen.

Pride-Paraden werden immer kommerzieller. Stärkt das die Szene – oder entpolitisiert es sie?

Andrea

Das ist schwierig. Natürlich gibt es Queerwashing. Aber ohne diese Größe gäbe es die Parade vielleicht gar nicht.

Alex

Genau. Die Kritik ist berechtigt – aber gleichzeitig erreichen wir damit auch Menschen, die wir sonst nie erreichen würden. Die Parade ist wichtiger denn je.

Gleichzeitig erleben wir einen konservativen Backlash – in Ungarn wird offen gegen nicht-heteronormative Lebensweisen Politik gemacht, auch in Österreich verschiebt sich der Diskurs wieder stärker in Richtung klassischer Familienbilder. Wie erlebt ihr das?

Alex

Diese Stimmen hat es immer gegeben. Aber in bestimmten Phasen werden sie politisch stärker nach vorne geholt. Dann wird das plötzlich sehr laut gespielt, weil man damit Wählergruppen erreichen will. Das ist nichts, was neu entstanden ist – aber es wird gerade bewusster eingesetzt.

Andrea

Sprache ist extrem wichtig. Da werden Begriffe übernommen, die ganz klar aus rechten Diskursen kommen. Das passiert nicht zufällig. Diese Leute wissen ganz genau, was sie tun.

Wie zeigt sich das?

Andrea

Zum Beispiel seit Sebastian Kurz. Die ÖVP war früher teilweise liberaler. Und dann kommt er und bringt plötzlich wieder dieses klassische Familienbild stark nach vorne und verschiebt die Partei nach rechts. Die Sprache hat sich verändert – und damit auch der Diskurs.

Gleichzeitig gibt es diese Widersprüche – etwa Politiker, die öffentlich gegen queeres Leben auftreten und privat ganz anders leben.

Andrea

Ja, das ist Heuchelei. Aber das Entscheidende ist: Diese politischen Positionen haben reale Auswirkungen. Es geht nicht darum, was jemand privat macht, sondern was öffentlich vertreten wird.

Alex

Und man darf dabei nicht vergessen: Es gibt auch Gegenbewegungen. In Ungarn zum Beispiel gibt es sehr starke Initiativen dagegen. Wenn man nur sagt „Ungarn ist verloren“, stärkt man genau die falschen Kräfte. Man muss sich eher fragen: Wen kann man unterstützen?

Andrea

Gleichzeitig spürt man auch innerhalb der Community eine Verschiebung. Es wird sehr viel gestritten, sehr viel korrigiert. Mir fehlt da manchmal der Zusammenhalt.

Alex

Es gibt viele Leute, die sich darauf konzentrieren, anderen zu sagen, was sie falsch machen. Das führt dazu, dass viele gar nichts mehr machen wollen, aus Angst, Fehler zu machen. Das ist ein Problem.

In einem Monat steht der ESC an – ein Event, das von der queeren beziehungsweise lesbisch-schwulen Community geprägt ist. Conchita/Tom Neuwirth hat schon vor Monaten gesagt, dass er diesmal nicht involviert sein will. Wird popsch am ESC anzutreffen sein?

Alex

Früher war der ESC für mich extrem wichtig - als einer der wenigen Momente, in denen man im Fernsehen offen queere Menschen gesehen hat. Das hat mich geprägt. Da habe ich mir gedacht: Da muss ich hin.Heute ist es extrem kommerzialisiert. Große Producer-Teams, strategische Songs. Und gleichzeitig total politisch – auch wenn immer behauptet wird, es sei unpolitisch. 
Wir wurden einmal gefragt, ob wir teilnehmen wollen. Und haben abgesagt. Wir wollten uns das nicht antun. Vor allem dieses Bewertungssystem.

Andrea

Und wir schreiben keine Songs auf Bestellung.

Werdet ihr heuer hingehen?

Andrea

Ich glaube nicht. Ich schaue es mir im Fernsehen an.

Popsch Album Cover
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Das Album „Gay Propaganda“ erscheint am 27.3. bei Fullmax Recordings.

Franziska Schwarz

Franziska Schwarz

ist seit Dezember 2024 im Digitalteam. Davor arbeitete sie als Redakteurin bei PULS 24, und als freie Gestalterin bei Ö1. Sie schreibt über Politik, Wirtschaft und Umwelt.