© Wolfgang Paterno

Kultur
12/23/2020

Schriftsteller Michael Köhlmeier: "Um Himmels willen, wenn das so weitergeht!"

Der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier über nächtliche Pandemie-Ängste, Donald Trumps Clownereien und Sebastian Kurz' Charisma. Ein Gespräch während eines Spaziergangs durch Hohenems.

von Wolfgang Paterno

profil: 2020 endet als Jahr der Pandemie. Hat es für Sie wenigstens vielversprechend begonnen?
Köhlmeier: Es hat mit einer Katastrophe angefangen! In unserem Garten fielen der Kirsch- und der Zwetschkenbaum Anfang Februar einer Sturmbö zum Opfer. Die umgestürzten Bäume wurden zerschnitten, ein 60-Meter-Kran hievte sie über das Haus hinweg, zwei Tage lang. Spätestens da wusste ich: Das kann ja was werden.

profil: Sie sind mit der Gabe der Prophetie ausgestattet?
Köhlmeier: Ich dachte mir: Um Himmels willen, wenn das so weitergeht! Diese Bäume waren wahre Naturdenkmäler. Im Sommer wurden sie von Fledermausschwärmen belagert.

profil: Fledermäuse auf einem Markt im chinesischen Wuhan wurden schon früh zu möglichen Covid-19-Überträgern erklärt.
Köhlmeier: Ich habe keine unserer Fledermäuse verspeist! Sobald diese übrigens ausschwärmten, war es um die Mücken geschehen.

profil: Ein Online-Händler bietet T-Shirts mit der Aufschrift "Fuck 2020" an. Werden Sie sich eines zulegen?
Köhlmeier: So langweilig kann mir gar nie sein. Ich denke nicht erst seit Ausbruch der Pandemie darüber nach, was uns allen fehlt. Manchmal scheint mir, uns mangelt es an der Katastrophe. Viele Menschen in der westlichen Hemisphäre empfinden es als narzisstische Kränkung, nicht der Katastrophe würdig zu sein. Die Pandemie ist diese Katastrophe.

profil: Passierte im 20. Jahrhundert nicht genügend Katastrophales?
Köhlmeier: Man lese Thomas Manns Essay "Betrachtungen eines Unpolitischen". Wie er den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr erwarten kann! Endlich, diese Befreiung! Heute fragt man sich verschreckt: Befreiung von was? Damals entwickelte sich vieles zum Besseren. Stefan Zweig notierte, dass man, ohne den Reisepass ein einziges Mal vorzeigen zu müssen, von Schweden bis an das Schwarze Meer fahren könne. Die nur auf den ersten Blick trivial erscheinende Antwort, weshalb viele Intellektuelle den Krieg als Erlösung empfanden, lautet: Den Menschen war langweilig.

profil: Die Katastrophe als Erlösung von der Fadesse?
Köhlmeier: Das Bösartige an der Langeweile ist, dass sie sich einen harmlosen Namen gibt. Existenzielle Langeweile ist jedoch verheerend und verstörend - dieses Gefühl, in den Sternenhimmel zu blicken und teilnahmslos mit den Schultern zu zucken: "Na und!?" Die Langeweile suggeriert uns, dass es nur mehr Scheinsinn gibt. Der Einzelne spielt keine Rolle. In der Katastrophe kommt jedem eine Rolle zu.

profil: Corona lässt niemanden unberührt.
Köhlmeier: Die Wirtschaft bricht nicht wie in den 1920er-Jahren durch Krieg und Spanische Grippe vollkommen ein. Die Pandemie trifft uns auf hohem Niveau - und dennoch unvorbereitet. Wir können nicht mehr sagen, fern in der Türkei schlagen sie sich die Köpfe ein, wie Goethe schrieb.

profil: Ohne Pandemie langweilten wir uns zu Tode?
Köhlmeier: Innerhalb der Katastrophe kommt es auf jeden, auf jede an. Es trifft uns existenziell. Ob ich mir das neue iPhone leisten kann, stellt keine Bedrohung für mein Leben dar. Die Pandemie suggeriert mir dagegen: Du bist wichtig! Die Pandemie ist in all ihrer Scheußlichkeit und Gefährlichkeit auch ein Heilmittel gegen diese unfassbar gigantische Langeweile.

profil: Jetzt klingen Sie wie ein Kulturpessimist.
Köhlmeier: Überhaupt nicht. Wir sind in der einmaligen Situation, auf dieser Erde die besten Jahrzehnte unseres Lebens verbringen zu dürfen. Wir leben ein Leben ohne Abenteuer und Ausnahmezustand . Abenteuer ist immer etwas Schreckliches, weil es die Ausnahme von der Regel ist. Das Ziel unserer Elterngeneration war es, den Kindern ein möglichst friedliches, ein tunlichst geruhsames, ein Leben ohne Abenteuer zu ermöglichen. In Europa hat es seit 1945 keinen Ausnahmezustand mehr gegeben.

profil: Nochmals: Wir begrüßen die Pandemie also geradezu als Ablenkung von der Langeweile?
Köhlmeier: Man wünscht sich, dass die Langeweile aufhört, unter allen Umständen. Die naheliegende Eliminierung der Langeweile passiert durch Unterhaltung. In den westlichen Ländern hat die Unterhaltungsindustrie die Waffenproduktion als Wirtschaftszweig längst überholt. Unterhaltung ist die moderate, zivilisierte Form der Vertreibung von Langeweile. Die nicht moderate, nicht zivilisierte Form ist die Katastrophe. Gegen die Langeweile ist kein Kraut gewachsen.

profil: Was werden wir aus der Krise lernen?
Köhlmeier: Auf jeden Fall keine neue Moral. Wir sehen schon heute, welch gewaltigen Schub die Naturwissenschaft genommen hat. Hochkomplexes Wissen über Viren sickert bis in unseren Hausverstand ein! Ich bin immer stolz auf die Menschheit, wenn ich Mozart höre, ein Buch von Richard Ford lese. Der Hut, den ich vor der Wissenschaft ziehe, ist seit Corona gewaltig gewachsen, ein Zylinder bis in die Wolken hinauf. Wir sollten nach dem prognostizierten Pandemie-Ende im Sommer 2021 ein globales dreiwöchiges Fest zu Ehren der Naturwissenschaften feiern. Es ist mir schleierhaft, weshalb die Menschheit noch bei jedem Weltereignis zu dem Schluss gekommen ist, dass sich in Zukunft vieles bessern müsse. Dem liegt eine zutiefst katholische Vorstellung zugrunde: Aus dem Fegefeuer gehen wir geläutert hervor. Das widerspricht aber jeder Erfahrung: Im Mittelalter trieb man die Juden als Schuldige für die Pest zusammen und brachte sie reihenweise um.

 

profil: Martin Walser bemerkte, in fünf Jahren müssten wir unseren Kindern erklären, was Corona gewesen sei.
Köhlmeier: Die Pandemie hat die Globalisierung mehr befördert als jedes supranationale Wirtschaftsabkommen. Das Fernsehen zeigt Bilder aus Neuseeland, China, den Fidschi-Inseln -überall sind Menschen mit Masken zu sehen. In fünf Jahren wird man sich nicht fragen müssen, ob man Corona mit K oder C geschrieben hat.

profil: Den Chinesen wird der Fluch zugeschrieben: Mögest du in interessanten Zeiten leben! Leben wir in solchen?
Köhlmeier: Wie bescheiden wir geworden sind! Ist es schon aufregend, wenn Rot und Pink in Wien koalieren? Wenn sich die FPÖ selbst pulverisiert? Wenn die Chinesen den Satz tatsächlich als Fluch meinen, sagen sie damit nicht: "Um Gottes willen, schau ja darauf, dass du nicht in der Zeit des erratischen US-Präsidenten lebst!" Interessante Zeiten, vor denen der Spruch warnt, sehen anders aus. Wir wollen nicht auf gigantische Natur-und artifiziell hergestellte Kriegskatastrophen hoffen.

profil: Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Psyche aus?
Köhlmeier: Ich hatte einen Herzinfarkt und Krebs, zähle also zur Hauptrisikogruppe. In der Nacht, bei abgesenktem Serotoninspiegel, liege ich manchmal schlaflos mit schwarzen Gedanken wach: Ich möchte nicht in der Messehalle Dornbirn im Notlazarett liegen! Warum soll ich an Corona sterben?

profil: Verflüchtigt sich die Angst bei Tagesanbruch?
Köhlmeier: Die Angst hat sich inzwischen in Vorsicht gewandelt. Im März sprühte ich die Zeitung noch mit Desinfektionsmittel ein.

Michael Köhlmeier

profil: Alle sprechen über die Pandemie, kaum jemand über den amtierenden US-Präsidenten. Trumps Zorn muss unermesslich sein.
Köhlmeier: Bald wird niemand mehr über ihn reden. Es gab eine Zeit, da konnte man keinen Schritt tun, ohne auf Menschen zu treffen, die wie verrückt versuchten, den Zauberwürfel zu lösen. Irgendwann hat sich kein Mensch mehr dafür interessiert. Trump wird es bald wie einem ausrangierten Spielzeug ergehen.

profil: Woran werden wir uns bei Trump erinnern?
Köhlmeier: Er war ein Gesamtschuldiger mit hohem Unterhaltungswert. Ich wage nicht zu beurteilen, ob die Pandemie in den USA ohne ihn glimpflicher verlaufen wäre. In Relation zur Einwohnerzahl ist Österreich viel schlechter dran als die meisten anderen Länder. Trump hat, was die Pandemie betrifft, nicht viel mehr oder weniger getan als Sebastian Kurz.

profil: Wie beurteilen Sie Kurz' Management der Krise?
Köhlmeier: Mein Leben lang war ich Sozialdemokrat, deshalb kann ich Sozialistenfresser per se nicht leiden. Die Antwort wäre also nicht allein politisch motiviert. Jede politische Einschätzung meinerseits zielte am Ende auf unsachlich-persönliche Gründe ab -wie Kurz für seinen Sozialistenhass wohl auch keine taugliche politische Erklärung fände. Kurz wuchs in Wien auf. In der Stadt demütigten die Sozialdemokraten die Christlichsozialen während Jahrzehnten. So viel Gerechtigkeit möchte ich Kurz widerfahren lassen.

profil: Ihre Kollegin Marlene Streeruwitz äußerte in einem profil-Interview: "Ich trage die Virus-Maßnahmen mit, weil viele davon vernünftig sind. Ich halte mich aber nicht daran, weil Herr Kurz dies verlangt."
Köhlmeier: Die Grundregeln, wie man sich gegen die Pandemie rüstet, hat Kurz nicht erfunden. Angela Merkel, seine politische Gesinnungsgenossin, ist mir in ihrem Handeln gegen die Pandemie lieber. Die deutsche Bundeskanzlerin erledigt ihren Job so unaufgeregt wie uncharismatisch.

 

profil: Sie sprechen Merkel jede Strahlkraft ab?
Köhlmeier: Das Verheerendste, was ein Politiker nach diesem 20. Jahrhundert sein kann, ist charismatisch. Kurz macht und setzt jedoch auf Charisma, weil er genau weiß, dass dies bei seinen Leuten ankommt. Charisma heißt, sich gegen politische Argumente zu immunisieren. Merkel dagegen macht Politik, wie man einen Haushalt führen sollte: Wenn ich den Müll runtertrage, blase ich keine Posaune. Ich mache es, weil es notwendig ist, und führe mich dabei nicht auf, als hätte mich ein höheres Wesen berufen. Der Kanzler stößt nicht ungern in die Posaune.

profil: Bruno Kreisky wurde "Sonnenkönig" genannt.
Köhlmeier: Kreisky wurde zum Charismatiker erhoben. In Wirklichkeit war er es nie. Jörg Haider führte das Charisma in Österreichs Politik ein.

profil: Das müssen Sie erklären!
Köhlmeier: Der US-Literaturwissenschafter Harold Bloom machte zwei charismatische Figuren in der Weltliteratur aus: Hamlet und Jesus aus dem Matthäus-Evangelium. Das Charismatische ist die Kunst, Menschen anzuziehen und abzustoßen, in völlig unberechenbarer Weise. Martha kommt zu Jesus und teilt ihm mit, dass Lazarus im Sterben liege. Jesus antwortet: "Ich komme bald." Martha drängt ihn zum Aufbruch. Worauf Jesus zürnt: "Willst du mir sagen, wann ich zu kommen habe?" Das ist Charisma. Und ist das schön? Das ist Bullshit. Ich brauche keine charismatischen Führer wie Kurz und Haider.

profil: Wie ist es um das Charisma von Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bestellt?
Köhlmeier: Der Gegenentwurf zum Charismatiker ist der Charmeur. Man kann Strache einen gewissen Charme nicht absprechen, auch wenn man ihn für einen Liliom hält. Strache ist ein Strizzi, kein Gangster. Vielleicht wäre er das gern. Aber er besitzt Charme -im Gegensatz zu Kurz und Haider.

profil: Tatsächlich? Gerade Haiders Charme erlagen doch viele.
Köhlmeier: Haider besuchte häufig den Markt in Klagenfurt. Zuvor war er von einem Vertrauten instruiert worden: Pass auf, beim Gemüsestand arbeitet der Herr Kogelnig. Der Sohn hat mit Auszeichnung maturiert, die Ehefrau lag mit Knöchelbruch im Krankenhaus. Haider also schnurstracks zum Gemüsestand vom Herrn Kogelnig: Gratulation Ihrem Sohn! Ihrer Frau alles Gute! Haider hob Menschen empor, während er hinterrücks verleumdete. Wer in den Bannkreis eines Charismatikers gerät, fühlt sich gesegnet. In einer säkularen Welt sollte man aber nicht gesegnet sein wollen.

Michael Köhlmeier

profil: Hat Trump Charisma?
Köhlmeier: Sicherlich. Er ist auch nicht ohne Witz. Wir haben ihn aber immer nur als Vollkoffer betrachtet. Wenn Trump aber der Idiot ist, zu dem wir ihn taxfrei erklärten, stempeln wir mindestens die Hälfte der US-Wähler zu Deppen. Jedes Mal, wenn es hieß, wie dämlich Trump doch sei, gewann er neue Wähler dazu. Wenn du ständig gedemütigt wirst, willst du, dass die ganze Welt hinter dir verbrennt. Stermann und Grissemann fassten das genial zusammen: Das gesamte Programm der FPÖ, so die TV-Satiriker, fände sich im Namen von Strache: St. Rache.

 

profil: Das Jahr nahm auch gegen Ende hin die schlimmstmögliche Wendung: Ende November starb Fußballlegende Maradona.
Köhlmeier: Das betrauere ich sehr, auch wenn ich kein Fußballfan bin. In seinen Gesprächen mit Goethe bemerkt Eckermann in einer Randnotiz: Für viele Menschen ist der Umgang mit Genies eine Kränkung. Als Maradona in Spanien spielte, wusste die gegnerische Mannschaft vor Spielbeginn, dass sie es sich nicht einmal überlegen musste zu gewinnen. Maradona war ein kleiner, leicht dicklicher Mann, auf den später Hass und Häme einprasselten - anstatt dass die Menschheit rundum glücklich war, dass es so jemanden wie ihn überhaupt gab.

profil: Wie optimistisch sind Sie, dass bald wieder der Normalzustand eintreten wird?
Köhlmeier: Meine Mutter arbeitete nach dem Krieg in einem Münchner Mädchenheim. Auf dem Heimweg von der Arbeit balancierte sie auf Mauerresten. Später sagte sie, dies sei die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Wir leben immer in der Opposition von Sein und Option. Was ist? Was könnte sein? Es kommt einem Unglückszustand gleich, wenn unsere Optionen gering sind. Wenn du dir nichts mehr wünschen kannst. Für meine Mutter war das Sein im Vergleich zur Option minimal. Das ist offensichtlich ein sehr glücklicher Zustand. Wir können nur hoffen, dass die Pandemie bald vorbei sein wird.

profil: Haben Sie Pläne nach dem Ende der Pandemie?
Köhlmeier: Ich werde in Hohenems zuerst in den "Adler" gehen und eine Leber essen, dann unweit davon die "Habsburg" besuchen und ein Bier am Tresen trinken. Erst kommt das Essen und Trinken, dann die Kultur.

MICHAEL KÖHLMEIER, 71, ist ein Mann vieler Talente. Der Autor mit beeindruckendem Werk zählt zu den wichtigsten Autoren Österreichs; als Festredner hat er vor zwei Jahren am Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus die "Dinge beim Namen genannt" - und für gehörigen politischen Wirbel gesorgt. Köhlmeiers Auftritte als Gitarren-Barde sind legendär, seine Kochkünste unübertroffen. Nicht zuletzt ist er ein beschwingter Spaziergänger. Coronabedingt ist ein Treffen mit ihm derzeit nur unter freiem Himmel in Hohenems möglich, wo er gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, lebt. An einem Dezembervormittag macht sich Köhlmeier mit Einkaufstrolley auf den Weg zum Großmarkt. "Christmas Time" von Bryan Adams dudelt dort aus den Lautsprechern. Köhlmeier deckt sich mit Chilipaste, Lachs, Milch und Vanillesirup ein.

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