Autorin Sibylle Berg. Wut, Schrecken und Humor

© Katharina Lütscher

Literatur
05/24/2022

Sibylle Bergs neuer Roman "RCE": Früher mal Pornos

In nicht allzu ferner Zukunft: Sibylle Bergs Roman "RCE" ist eine aberwitzig-düstere Gegenwartserkundung.

von Karin Cerny

Menschliche Arbeitskraft ist überschätzt: Eine Kritik wie diese wird in Zukunft von einem Schreibprogramm verfasst werden. Zumindest in Sibylle Bergs jüngstem Roman "RCE" ist der Journalismus am Ende. Unabhängige, kritische Plattformen werden von Konzernen aufgekauft - und damit neutralisiert. Badewannen gibt es auch nicht mehr, seitdem man herausgefunden hat, dass Menschen, die sich in der Wanne entspannen, schwerer zu manipulieren sind. Kultur vermisst niemand, kaum jemand erinnert sich noch, was früher in Theatern, Galerien und Kellerlokalen stattgefunden hat. Krankenhäuser wurden privatisiert, oder besser: an börsennotierte Spitalsketten verschenkt. Wer kein Geld hat, sich behandeln zu lassen, muss sich selbst operieren - was mit BOT-Anleitungen möglich ist.

Manch einer nimmt aber in seiner Verzweiflung einfach die Bohrmaschine, um einen eitrigen Zahn zu entfernen - was dann tödlich endet, aber letztlich kein Aufsehen erregt. Angst und Depression halten die Gesellschaft im Zaum. Diagnose: Erschöpfung, wohin man blickt. Bergs düstere Zukunftsvision dreht Tendenzen der Gegenwart um eine Schraube weiter, um mitten in der Dystopie zu landen - ein Prinzip, das sie bereits in ihrem letzten Roman "GRM. Brainfuck" entwickelt hat. Bergs Literatur ist leichter lesbar als die ihrer Kollegin Elfriede Jelinek, aber ebenso überbordend mäandert der Text dahin, taucht kurz in diverse Leben ein, springt zu zentralen Diskursen (Gender, Rassismus, Kolonialismus, Kapitalismus). Erneut steht eine Gruppe von Hackern im Zentrum, die diesmal ein Medienzentrum aufbaut, um die Welt zu retten. Und wieder gehen Wut, Schrecken und Humor irritierende Allianzen ein. Berg hat das Sci-Fi-Genre auf ein neues Level gehoben, im schlimmsten Pessimismus tauchen böse Pointen auf, mit denen man nicht rechnet. Die Kurzbeschreibungen der handelnden Personen sind Minidramen: "Politische Orientierung?" Antwort: "Männer." Familienstand? "Tinder." Sexuelle Vorlieben? "Titanmaschinen." Bei den meisten aber ist ohnehin längst tote Hose. Sexualität? "Früher mal Pornos."

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. KiWi. 704 S., EUR 26,80