Sommertheater: Nicht nur das Wetter spielt verrückt
Es kräht der Hahn, Amseln tirilieren, die Engelsputten sind in Stein erstarrt. Wolfgang Böck sitzt im Garten des Schlosses im burgenländischen Kobersdorf, umgeben von Naturidyll und einem Gärtner, der als New Yorker Hipster durchgehen könnte.
Böck ist 73 Jahre alt, angetan mit Strohhut und Leichtwanderschuhen, von einer Aura freundlicher Brummigkeit umweht. Seit 23 Sommern ist er Intendant der saisonalen Schloss-Spiele Kobersdorf, er inszeniert und spielt, begrüßt vor Vorstellungsbeginn beim Eingang auf der Brücke die Besucherinnen und Besucher mit Handschlag. Ein Prinzipal zum Angreifen, ein Volksschauspieler im besten Sinn.
Er ist mit seinem Publikum gealtert, wobei die Älteren, solange das Langzeitgedächtnis dies hergibt, noch wissen, dass Böck der Kieberer ohne Vornamen in der TV-Reihe „Kaisermühlen Blues“ und der Fernsehserie „Trautmann“ war.
Böck macht gerade Probepause. In Kobersdorf wird dieses Jahr der Boulevardklassiker „Der nackte Wahnsinn“ des britischen Autors Michael Frayn aus dem Jahr 1982 zu sehen sein, ein Bühnen-im-Bühnen-Manöver zahlloser Irrungen und Wirrungen, das zehn Jahre nach der Uraufführung von US-Regisseur Peter Bogdanovich („Noises Off!“) verfilmt wurde.
Gutes Stichwort: nackter Wahnsinn. Dieser Tage erwachen allenthalben die Sommertheater unter freiem Himmel und an edlen Schauplätzen. Nicht nur das Wetter spielt hitzemäßig verrückt. Die saisonalen Bühnen, gern als Geschäft mit der Anbiederung und als Hort des Biedersinn belächelt, ziehen flächendeckend nach.
Wer Klischees sucht, findet sie im Sommertheater schnell bestätigt. Es ist einfach. Es ist zu einfach. Nur wer die vergangenen vier, fünf Jahre auf dem Mars ohne Zeitungslektüre verlebt und daher nicht bemerkt hat, dass sich so gut wie alle maßgeblichen Koordinaten verschoben haben, kann sich noch ernsthaft über die Sommertheater-Chose echauffieren. Gut gelacht. Schon besser gelacht. Gar nicht gelacht. Unter dem weiten Festivalhimmel ist alles möglich.
Theatertohuwabohu
„Im weitesten Sinne sind auch die Salzburger Festspiele Sommertheater, was Salzburg natürlich umgehend zurückweisen würde, weil die Ansprüche ganz andere sind“, sagt Wolfgang Böck im Schlossgarten. „Wohl auch deshalb, weil klassisches Sommertheater in gewissen künstlerischen Kreisen mit unvermeidlichem Hautgout als leichte Kost wahrgenommen wird. Das war bestimmt einmal so, das ist es heute aber nicht mehr. Es hat sich vieles verändert.“
Besagter Hautgout, knurrt Böck, lasse sich vielleicht am besten mit einer Anekdote erklären, in der er selbst einst die Hauptrolle übernahm. „Im Schauspielberuf gibt es – wie überall sonst auch – Standesdünkel. Ich erinnere mich daran, dass mich Regisseur Harald Sicheritz Mitte der 1990er-Jahre gefragt hat, ob ich in der TV-Serie ‚Kaisermühlen Blues‘ die Rolle des Gruppeninspektors Trautmann übernehmen würde. Meine damalige Antwort: ‚Sicher nicht.‘ Einen Film oder ein gutes Fernsehspiel zu drehen, das war schon in Ordnung. Aber in einer Serie mitzuspielen, das war zur damaligen Zeit unter uns Theaterleuten verpönt.“
Alles sehr lange her, alles nicht mehr wahr. „Nach einer Nacht mit viel Wodka übernahm ich schließlich die Rolle.“