Toxische Blutsbrüderschaft: Jamie Bell (links) und Richard Gadd in „Half Man“
Symbiose des Schmerzes: Die Serie „Half Man“ ergründet Gewalt und Männlichkeit
Mit bewundernswerter Aufrichtigkeit schlug der schottische Autor und Schauspieler Richard Gadd 2024 in der Welt der Serienunterhaltung auf. In seinem Emmy-prämierten, autofiktionalen Exorzismus „Baby Reindeer” berichtete er von den Erfahrungen eines Komikers, der von einer Soziopathin gestalkt wird, als Spätfolge früherer sexueller Übergriffe durch einen Mentor aber lange nicht imstande ist, um Hilfe zu bitten.
Gadds neues De-facto-Zweipersonenstück speist sich zwar nicht mehr aus selbst Erlebtem, erforscht aber weiterhin beherzt das gemeinsame Einzugsgebiet von Gewalt, Missbrauch und destruktiver Maskulinität. Über drei Dekaden hinweg setzt „Half Man“ (HBO Max) das komplexe Mosaik einer fatalen, quasi-fraternalen Schicksalsgemeinschaft zusammen, einer explosiven zwischenmännlichen Allianz. Ein sanftmütiger Schüchti, der seine Homosexualität unterdrückt, und ein charismatischer Rüpel ohne Impulskontrolle treten ins Leben des jeweils anderen – und werden einander fortan nicht mehr los. Was sie füreinander sind, bleibt widersprüchlich: Zuflucht? Zumutung? Rettungsanker? Brandbeschleuniger? Ebenso verlässlich jedenfalls, wie sich der eine immer wieder in Scham und Selbstverachtung zurückzieht, entlädt der andere seine Ohnmacht in eruptiver Brutalität.
Bei aller archetypischen Anlage der Figuren arbeitet sich Gadd psychologisch gewandt an dem ab, was der Volksmund als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet, und scheut dabei auch heikle Aspekte nicht: Bis zu welchem Grad darf etwa Trauma als Argument für anhaltend destruktives Verhalten herangezogen werden? Die allgegenwärtige Gewalt – psychischer, insbesondere aber physischer Natur – in „Half Man“ gelangt wiederholt drastisch zur Darstellung und wird Teilen des Publikums gewiss zu viel des Schlechten sein. Doch weit über den kalkulierten Schockeffekt hinaus bleibt sie hier stets Teil einer Bestandsaufnahme des Schadens, den Männer sich und anderen aus ihren hermetisch abgeriegelten Innenwelten heraus zufügen.
Entsprechend emotional devastierend gestaltet sich die Schlussgerade dieser Höllenfahrt: Gadd veranschaulicht schonungslos, wohin entgleiste Männlichkeit führen kann – ohne Auswege in Aussicht zu stellen. Vermutlich, weil er selbst keine kennt.