Eine Reihe von Kindern steht und sitzt auf einer Lichtung
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Kinderchaos: „Lord of the Flies“ wagt ein düsteres Experiment

Boys will be boys? Mit einer Serienadaption des Jugendbuch- Klassikers „Lord of the Flies“ führt der Brite Jack Thorne, Schöpfer des Meisterwerks „Adolescence“, seine Erkundung barbarischer Männlichkeit fort.

Drucken

Schriftgröße

Jack Thorne umtriebig zu nennen, wäre weidlich untertrieben: Diese Schreibmaschine auf Turbotaktung ersinnt schier ohne Unterlass Stoffe mit beispielhafter Trefferquote – dieser Tage skizziert er etwa die Szenarien für gleich alle vier Beatles-Biopics. Vor einer Weile stieß der Brite indes an seine mentalen Grenzen, als er parallel an zwei Drehbüchern zu tüfteln hatte, in denen Jungen zu Gewalttätern werden. Bereits das erste Resultat entschädigte im letzten Jahr für diesen Kraftakt: Die auch formal mutige Miniserie „Adolescence“ geriet auf Netflix zum echten Straßenfeger, lieferte obendrein gehaltvollen Zunder für Debatten über die dunklen Seiten heranwachsender Männlichkeit – in Thornes Heimat sogar mit realpolitischen Nachwirkungen.

Das zweite, aktuellere Projekt verhandelt die fragliche Thematik nun auf einem Terrain, das der westliche Schulbuchkanon seit Dekaden pflegt, das filmisch jedoch erstaunlich selten betreten wurde: Der Vierteiler „Lord of the Flies“ (zu sehen auf Sky) ist eine Interpretation von William Goldings Nachkriegsklassiker. Die wohlbekannte Prämisse – rund zwei Dutzend Halbwüchsige und Dreikäsehochs stranden auf einem paradiesisch unbewohnten Eiland, kippen beim Versuch, Ordnung zu etablieren, aber rasch und bereitwillig in Gewalt und Angstherrschaft – dient Thorne auch als Prisma für die allegorische Durchleuchtung eines Heute, in dem einschlägig entgrenzte men-children Chaos zu stiften trachten. Weil ihnen Zerstörung eben doch verlockender erscheint als Verantwortung oder das mühsame Aushandeln gemeinsamer Regeln.

„Für eine Gemeinschaft braucht es gewisse Basics“, unterstreicht der Serienschöpfer im profil-Gespräch. „Wer nur sein eigenes Ding durchziehen will, produziert Unordnung – und aus Unordnung wird schnell Krieg. Wir befinden uns da gegenwärtig auf seltsamem Kurs.“ Anders als Nobelpreisträger Golding, der die menschliche Natur grundsätzlich pessimistisch sah, psychologisiert Thorne – via Rückblenden – die Grausamkeit vornehmlich als Ergebnis kindlicher Prägung: „Es geht hier nicht darum, wer wir in unserem Wesen sind. Sondern darum, was aus uns wurde, weil wir auf bestimmte Weise erzogen worden sind.“

Thornes Regie-Partner Marc Munden begleitet den Rücksturz ins Barbarische mit einer aggressiven Bildsprache, die stets kurz vor dem Absturz zu stehen scheint: lauter Farbeinsatz, verzerrte Fischaugen-Fieberträume, jähe Einbrüche derber Brutalität. Zwischen diesen aufdringlichen Zuspitzungen verweilt die Kamera jedoch immer wieder in weit wirkmächtigeren Nahaufnahmen schweigender Kindergesichter, die uns in die Augen blicken. Wir sehen: Entsetzen, Leere, Dissoziation. Paradise? Lost.