Unschuld: Jonathan Franzens neuer Roman scheitert an seinen Ansprüchen

Jonathan Franzen: Die ganze welt in einem Buch

Jonathan Franzen: Die ganze welt in einem Buch

„Unschuld“, der neue Roman des US-Starautors Jonathan Franzen, ist das Ereignis dieses Literaturherbsts. Das Buch will so gut wie alle zentralen Fragen der Gegenwart ausleuchten, scheitert aber an seinen überzogenen Ansprüchen.

Ein „Großschriftsteller“, spottete Robert Musil, müsse „viel reisen, von Ministern empfangen werden, Vorträge halten; den Chefs der öffentlichen Meinung den Eindruck machen, dass er eine nicht zu unterschätzende Gewissensmacht“ darstelle. Ein Autor dieses Typs, so Musil im „Mann ohne Eigenschaften“, sei Geschäftsführer des „Geistes der Nation“. Der Großschriftsteller entspreche daher, folgerte der Dichter 1930, einer „besonderen Form der Verbindung des Geistes mit großen Dingen“.

Seit Erscheinen seiner Familiensaga „Die Korrekturen“ (2001) zählt auch der New Yorker Jonathan Franzen zum exklusiven Kreis der bedeutenden zeitgenössischen Autoren. Franzen ist ein begehrter Gesprächspartner; er kann den unerbittlichen Gesellschaftskritiker Karl Kraus passagenweise zitieren; US-Präsident Obama erhält von jedem Franzen-Roman ein Vorabexemplar. 2010, anlässlich der Publikation von Franzens Roman „Freiheit“, dem meisterhaften Panorama der desillusionierten US-Gesellschaft unter George W. Bush, widmete das US-Magazin „Time“ unter dem Titel „Great American Novelist“ dem Romancier eine Covergeschichte; seit zehn Jahren zierte damals zum ersten Mal wieder das Konterfei eines Literaten das Blatt.

„Chaos aus Schulden und Verpflichtungen“

Franzen, 56, hat die Rolle des Schriftstellerstars und Paradeintellektuellen unserer Zeit angenommen. Analysierte der Autor in „Die Korrekturen“ die Sprengkräfte und den Irrsinn des familiären Zusammenlebens, in „Freiheit“ das soziale Schisma, das sich durch die US-Bevölkerung zieht, geht es in „Unschuld“ um nicht weniger, als die Gegenwart mit den Mitteln der Literatur zu vermessen. „Unschuld“ ist als Gesellschaftsroman und literarische Zeitdiagnose konzipiert, die Deutungshoheit über Epoche, Mentalität und Lebensalltag beansprucht. Die Absicht ist tief in die Prosa eingesenkt: Kaum ein rezentes Thema lässt der Roman aus, es geht, zumeist schlagwortartig, um eigentlich alles.

Das Gravitationszentrum von „Unschuld“ bildet eine junge Frau. Ihren Taufnamen Purity – englisch für „Unschuld, Reinheit“ – hasst die Teilzeitjobberin, deshalb lässt sie sich Pip nennen. Pip hat sich in ihrem Miniaturkosmos aus Obsessionen und Kümmernissen eingerichtet, in ihrem „Chaos aus Schulden und Verpflichtungen“. Zugleich trägt sie viele Geheimnisse mit sich herum: die Mysterien ihrer Herkunft, ihrer Geburt, ihres Namens.

Unvermutet gerät sie in die Fänge von Andreas Wolf, dem Franzen eine so ausgefallene wie lächerliche Biografie zuschreibt: Sohn des obersten Staatsökonomen der DDR und Großneffe von Spionagechef Markus Wolf; zugleich heimlicher Regime-Kritiker, Mörder und opportunistisch veranlagter Ideologe, der sich nach dem Mauerfall großsprecherisch vor die Kameras der Weltöffentlichkeit stellt: „Dies ist ein Land schwärender Geheimnisse und giftiger Lügen. Nur das stärkste Sonnenlicht kann es desinfizieren.“ In Bolivien, auf der Flucht vor US-Haftbefehlen wegen Hacking- und Spionageverdachts, avanciert Wolf zu einer Internetberühmtheit, zu einer Art supercharismatischem Julian Assange, der mit seinem „Sunlight Projekt“ via Internet soziale Ungerechtigkeiten und Regierungsgeheimnisse am laufenden Band aufdeckt. Auf Umwegen gerät auch Pip in den Bann von Wolfs dunkler Verführungsgewalt: Rätselfigur trifft Outlaw-Helden; Pips Innerstem, dem „Nougatkern der Unschuld“, droht angesichts von Wolfs theatralischer Diabolik die Seelenschmelze.


Franzen, der Virtuose literarisch-psychologischer Tiefenschärfe, strapaziert in „Unschuld“ das Prinzip der Koinzidenz – und jenes des derben Humors.

Franzen wagt sich weit in den Bereich der krachledernen Kolportage vor. Spätestens mit Wolfs Auftauchen gerät das Handlungsgefüge des Romans, der auf der Sprachebene immer wieder durch brillant verfasste Prosa glänzt, aus der Fasson. Die einzelnen Erzählfäden laufen dabei auf fast schon bizarre Weise zusammen. Wie aus dem Nichts tauchen unbekannte Väter auf, die als Ex-Häftlinge und Landstreicher lange Zeit als verschollen galten; Töchter und Väter leben, bestimmt von Ritualen zarter amouröser Annäherung, unter einem Dach zusammen – und ahnen nicht, dass sie nahe Verwandte sind.

Die Hilfskraft hinter der Theke der Kaffeehauskette weiß nichts davon, dass ihr rechtens eine Milliarde Dollar zusteht; der Eigner des größten Lebensmittelkonzerns der Welt zeigt unvermutet Herz, und die Weltfremdheit von Pips Mutter wird illustriert, indem betont wird, dass diese nicht fähig sei, einen Nagel in die Wand zu hämmern. Jahrzehntelang führt Pips Mutter auch ein Leben abgeschottet von der Welt. Die Nachforschungen ihres Ex-Mannes bringen kein Ergebnis, doch die Gesichtserkennungssoftware des Ex-DDR-Strategen Andreas löst das Problem in Sekundenschnelle: Auf dem Bildschirm erscheint wie von Wunderhand das grob gerasterte Bild der Kassiererin eines Bioladens außerhalb des kalifornischen 4000-Seelen-Kaffs Felton. Nebenfiguren fallen in „Unschuld“ exekutionsartigen Morden in Tennessee zum Opfer oder ertrinken unter mysteriösen Umständen im Pool. Flugzeuge prallen gegen Berge, ein Motorradunfall zwingt den Schriftsteller Charles in den Rollstuhl.

Franzen, der Virtuose literarisch-psychologischer Tiefenschärfe, strapaziert in „Unschuld“ das Prinzip der Koinzidenz – und jenes des derben Humors. In einer seiner narrativen Verzweigungen erzählt „Unschuld“ von einer Journalistin, die über einen Diebstahl prekärer Art berichtet: In einer texanischen Atomwaffenfabrik kommt ein thermonuklearer Gefechtskopf abhanden; bald wird Facebook, manipuliert durch Superschurke Wolf, von Fotos überflutet, auf denen eine Frau die Spitze des Sprengkörpers leckt. Der Bericht der Journalistin verhindert die Katastrophe: „Der Weltuntergang wurde abgewendet.“ Selbst ein gewiefter Autor wie Franzen kann über die Tücke der Vereinfachung stolpern, in den Sog des Stereotypen geraten. Die hochgetunten Abläufe in „Unschuld“ zeugen davon.


Die große These, die „Unschuld“ mit allen Mitteln entfalten will, bleibt dabei auf der Strecke.

„Unschuld“ wirkt wie ein von Prosa ummanteltes Stichwortverzeichnis der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wie ein Katalog der großen Thesen und Zusammenhänge. Antworten liefert der Roman nicht; er wirft aber auch keine neuen Fragen auf, weil er sich im Konstatieren des Faktischen erschöpft. Die Diskriminierung durch Ausbeuterjobs erwähnt „Unschuld“ ebenso wie die Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre; konstatiert werden die Phänomene Überbevölkerung und Immobilienproblematik, 9/11 und Tierschutz, Palästinakonflikt und NSA, islamistischer Terror und die Enttäuschung über Obama. Franzen kreuzt zahllose Kästchen im Organigramm der Gegenwart an. Kaum ein Gegenstand, der die (mediale) Realität anno 2015 bestimmt, bleibt unerwähnt: Veganismus, Burka, Amazon, Putin, Fracking, Occupy, Gazprom, Snowden, NSA, WikiLeaks, Tea Party.

Die große These, die „Unschuld“ mit allen Mitteln entfalten will, bleibt dabei auf der Strecke: Franzen erweist sich als ein Sympathisant jener Form des Insistierens, die ins Grundlegende zielt. Der über 800 Seiten starke, episch anmutende Roman zerfällt in einen Reigen von Rätselgeschichten, in eine über Jahrzehnte und Kontinente hinweggestreckte Erzählung voller absonderlicher Zufälle, Mordfälle und Ereignisse, hinter denen Grundsätzliches aufschimmern soll. Die Erzählung des Romans wirkt dabei wie das bloße Stützgerüst für eine literarische Inszenierung, die alles dem Ziel unterordnet, „Unschuld“ zu einer profanen Enzyklika der Gegenwart zu adeln. Zumindest jenen Archäologen, die dereinst die frühen Jahre des 21. Jahrhunderts erforschen werden, liefert der Text überdeutliche Spuren von Mentalitätsgeschichte und Kulturanthropologie.

„Unschuld“ konstruiert schließlich wenig überzeugende Analogien zwischen DDR-Unrechtsstaat und Internet-Übermacht, zwischen einer diktatorischen Vergangenheit und, als unscharfe Komplementärgröße, einer weitestgehend ungewissen Zukunft, die von den ominösen, aktuell noch nicht abschätzbaren Gefahren und der kühlen Grausamkeit einer umfassenden Digitalisierung bestimmt scheint. In „Unschuld“ muss die Welt in die Werkstatt – Diagnose und Heilung: ungewiss. Franzen erweist sich dabei selbstredend nicht als kurzsichtiger Kulturpessimist, einen gewissen Konservativismus kann man ihm dennoch nicht absprechen: Wiederholt verdammt der Autor im Roman das Internet als manifestes Teufelswerkzeug. Wohl auch deshalb stimmt er das Lob des Analogen an, das im Säurebad des Digitalen langsam abhanden zu kommen droht. Bevor die digitale Revolution restlos alle Lebensbereiche erfasst haben wird, feiert Franzen in „Unschuld“ noch einmal das Prinzip des Angreifbaren und „Wirklichen“.


Ironie zählt nicht zu den Stärken dieses Romans, der oft ins Pathetisch-Getragene abzudriften droht.

Anlässlich einer Protestaktion wickelt sich deshalb eine Künstlerin nackt in braunes Schlachterpapier, auf die Verpackung „Ihr Fleisch“ gekritzelt. „Menschliche Körper werden seit Tausenden von Jahren gemalt“, doziert die Aktivistin. „Aber einen Körper richtig hinzukriegen, ist die schwierigste Sache der Welt. Ihn so zu sehen, wie er wirklich ist.“ Franzen steigert die Sucht nach Körpererfahrung ins Extrem: Er lässt die Performerin ein Filmprojekt planen, das jeden Quadratzentimeter ihres Körpers dokumentiert, ein uferloses Vorhaben: Ein Mensch, notiert Franzen, könne „90 Jahre leben und dann sterben, ohne sich grundlegend mit dem eigenen Körper vertraut gemacht zu haben, der Summe seiner Existenz: Dass es am Körper – auf jeden Fall an Kopf und Rücken, weil man sie nicht unmittelbar sehen könne, aber auch an Armen, Beinen und Rumpf – so viele Stellen gebe, denen man in all den Jahren weniger Aufmerksamkeit gewidmet haben werde als ein Schlachter seinen Fleischstücken.“

Wie die Heldin eines Abenteuerromans wird auch die Protagonistin gegen Ende von „Unschuld“ mit körperlicher Liebe, Freundschaft und Zuneigung belohnt: Mama nimmt ihr Kind in den Arm, der seit Jahrzehnten verzweifelt gesuchte Papa gibt sich als Bonhomme zu erkennen. Ihr Mobiltelefon schaltet Pip aus: Endlich nicht mehr, wie Franzen schreibt, „verhext und versklavt“, schließlich befreit von den „falschen Verheißungen des Internets und der sozialen Netzwerke“.

Ironie zählt nicht zu den Stärken dieses Romans, der oft ins Pathetisch-Getragene abzudriften droht. An einer Stelle versucht Franzen prospektive Kritik zu neutralisieren. Der Schriftsteller Charles müht sich in „Unschuld“, das „große Buch zu schreiben, den Roman, der ihm seinen Platz im Kanon der modernen amerikanischen Literatur sichern sollte. Früher einmal hatte es genügt, Schall und Wahn oder Fiesta zu schreiben. Heute dagegen war Umfang unerlässlich.“ Eine Literaturkritikerin fällt im Roman ein vernichtendes Urteil über das Buch des präsumtiven Großschriftstellers. Das Werk sei, giftet Michiko Kakutani, die kraft ihrer Zeitgenossenschaft in „Unschuld“ ebenfalls literarisierte Hauptrezensentin der „New York Times“, „aufgebläht und äußerst unangenehm“. Charles’ unerschütterliche Fans lässt der Hinweis auf das Buch kalt: „Scheiß auf die Kritiker. Ich kaufe es mir trotzdem.“