US-Autor Ben Lerner
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Wie wir an unseren digitalen Mobilapparaturen verzweifeln

Ben Lerner zählt zu den bedeutendsten Autoren der US-Gegenwartsliteratur. Sein neuer Roman erzählt von den Tücken und Täuschungen der Wahrnehmung im Display-Zeitalter.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Ein Handy rutscht ins Wasser, was eine Kaskade an größeren und kleineren Katastrophen auslöst. Dem namenlosen Ich-Erzähler in dem Roman „Transkription“, der auf den toten Bildschirm seines iPhones starrt, entgleitet förmlich das Leben: „Ich war nicht bloß zerstreut, ich war offline, ein Ausnahmezustand.“ Wischen, scrollen, fotografieren, telefonieren, E-Mails checken – all das war einmal: „Erneut griff die Hand nach der Leiche meines Telefons.“

Auch davon handelt die Geschichte, die der amerikanische Autor Ben Lerner in „Transkription“ erzählt, seinem inzwischen dritten Roman. Dort bricht ein Erzähler mittleren Alters in eine Universitätsstadt an der amerikanischen Ostküste auf, um ein letztes Interview mit einem legendären 90-jährigen Filmemacher namens Thomas zu führen.

Ehe das Gespräch stattfindet, setzt das Aufzeichnungsgerät allerdings zum Tauchgang an. Unnötig, zu erwähnen: Das geplante Interview mündet in ein absurdes Dialogstück beeindruckender Dimensionen – von dem es aufgrund mangelnder Aufnahme-App keine Transkription geben wird, keinerlei exakte schriftliche Aufzeichnungen gesprochener Sprache. Was so auch nicht ganz stimmt, weil eben Lerners Roman den ausufernden Wortwechsel zwischen Thomas, der Geistesgröße für alles Mögliche und Unmögliche, und seinem Gesprächspartner in Zeiten der Coronapandemie in aller Ausführlichkeit und Ausgelassenheit referiert.

„Transkription“ berichtet einerseits von unserer Infantilität im Umgang mit den längst lebensnotwendigen Mobilapparaturen. Von den Tücken und Täuschungen der Wahrnehmung im Display-Zeitalter, vom Knirschen jener Scharniere, die Analoges und Digitales, Natur und Kultur, Alltag und Technik mehr schlecht als recht miteinander verbinden.

Andererseits ist Thomas unverkennbar dem unlängst verstorbenen deutschen Autor, Poeten und Filmemacher Alexander Kluge (1932–2026) nachempfunden, mit dem gemeinsam Lerner 2018 den Band „Schnee über Venedig“ herausgebrachte, in dem Kluge auf Lerners Gedichte in knappen Essays reagierte. Ein Lyrik-Texte-Container, in dem die Kunst der großen These angesichts kleiner Dinge zelebriert wurde. Der intellektuelle Unruhegeist Kluge prägte und inspirierte die kulturelle Landschaft seit den 1950er-Jahren. Ein Stück deutschsprachiger Kulturgeschichte wird in „Transkription“ als Roman erzählt.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.