Volkstheater Wien: Die neue Intendantin Anna Badora über ihre Pläne

Volkstheater Wien: Die neue Intendantin Anna Badora über ihre Pläne

Die designierte Volkstheater-Intendantin Anna Badora über Solidarität unter dem Kommunismus, Regie-Tyrannen wie Peter Zadek, Sexismus in westlichen Theatern und ihre Pläne für das Wiener Traditionshaus.

Der quirligen Regisseurin und Intendantin sieht man ihr Alter auf den ersten Blick nicht an. Anna Badora, 63, im polnischen Wallfahrtsort Tschenstochau geboren, sprüht vor Energie. Am Grazer Schauspielhaus, das sie nach anfänglichen Besucherproblemen in ein ästhetisch innovatives Theater umwandelte, erledigt sie gerade letzte Vorbereitungen. Ab Herbst 2015 wird Badora das Wiener Volkstheater übernehmen. Ein Gespräch im Wiener Café Bellaria, in nächster Umgebung zur künftigen Wirkungsstätte der Intendantin gelegen.

profil: Frau Badora, können Sie Bilanzen lesen?
Anna Badora: Natürlich. Ob ich das nun liebe oder nicht, es ist unverzichtbar, zumindest einen groben Überblick über die aktuelle finanzielle Situation zu behalten. Wenn es für mich zu kompliziert wird, lasse ich mir halt bestimmte Punkte von Fachleuten erklären.

profil: Der amtierende Intendant Michael Schottenberg hat gerade einen drastischen Spendenaufruf für das Volkstheater gestartet: Die Fenster seien undicht, es regne durch das Dach auf die Bühne. Übernehmen Sie eine Ruine?
Badora: Das Haus ist keine Ruine, es gehört aber dringend renoviert, um die Bausubstanz nicht zu gefährden. Ich finde es gut, dass Michael Schottenberg sich dafür starkmacht. Wir hoffen auf finanzielle Zusagen von Stadt, Bund und privaten Sponsoren.

profil: Das Volkstheater genießt als Gewerkschaftsbühne seit jeher den zweifelhaften Ruf, ein schwerfälliger Apparat zu sein. Können Sie daran überhaupt etwas ändern?
Badora: Als einzelnes Theater in einer großen Stadt wie Wien kann man an gewachsenen, von Traditionen geschützten Produktions- und Betriebsabläufen kaum etwas verändern. Berge zu versetzen, ist nur möglich mit den Betriebsräten und Gewerkschaften gemeinsam, und mit einer Politik, die die Zeichen der Zeit erkennt und das Fortbestehen der Kulturinstitutionen aktiv betreiben möchte. Falls dies nicht passiert, wird es zwar kein lautes Zusammenkrachen von Kulturinstitutionen geben, dafür aber eine schleichende, stille Aushöhlung der Funktionsfähigkeit und Qualität der Häuser.

profil: In Deutschland werden Theater aus finanziellen Gründen bereits geschlossen. Wien scheint da immer noch privilegierter zu sein.
Badora: In Deutschland gibt es einfach mehr Theater, deshalb sind auch zahlenmäßig mehr bedroht. Womit ich mich allerdings als Theaterleiterin bisher noch nie auseinandersetzen musste, ist die fehlende Valorisierung. Da eine Bühne ihre Einnahmen nicht beliebig steigern kann, bleibt den Häusern nur am größten Kostenfaktor, den Personalkosten,
zu drehen. Das bedeutet, jedes Jahr künstlerisches Personal zu reduzieren, denn das ist am wenigsten gesetzlich geschützt.

profil: Hat der Burgtheater-Skandal Ihrer Branche insgesamt geschadet?
Badora: Neben all den negativen Begleitumständen hat dieser Vorgang doch auch gezeigt, welch großen Stellenwert Theater hierzulande hat. Eigentlich ein positives Zeichen. In Deutschland hätte die Geschichte nie so eine massive mediale Aufmerksamkeit bekommen. Positiv an diesem unwürdigen Skandal war auch, dass über die fehlende Valorisierung endlich öffentlich diskutiert wurde.

profil: Ist es tatsächlich nur eine Frage des Geldes, dass die Burg stets Platzhirsch ist? Fehlt es dem Volkstheater oder der Josefstadt nicht einfach an positivem Konkurrenzdenken?
Badora: Sich gegenseitig herauszufordern, ist notwendig. Obwohl ich mir natürlich wünsche, es gäbe budgetäre Waffengleichheit. Aber zuallererst muss man für das eigene Haus definieren, was man will. Schiele ich immer nur auf andere, werden die Programme leicht austauschbar.

profil: Sie wollen anderen Theatern kein Publikum abgraben?
Badora: In diesen Kategorien denke ich nicht. Mich hat in Österreich immer gestört, dass jeder besorgt bis ängstlich auf seinen eigenen Besitz schaut. In Düsseldorf, wo ich vor Graz Intendantin war, gab es tatsächlich mehr vernetztes Denken. Auf der Kulturebene ist Schrebergartenmentalität schädlich. Man muss großzügiger agieren. Wenn sich Zuschauer für ein Theater begeistern, dann haben alle anderen Bühnen auch etwas davon. Es steigert doch die Attraktivität von ganz Wien.

profil: Das Volkstheater scheint es besonders schwer zu haben: Niemand weiß, was das „Volk“ eigentlich ist. Sonderlich niederschwellig präsentiert sich das Haus auch nicht, allein die Kartenpreise sind etwas moderater als an anderen Theatern. Wie schaut da Ihr Wunschpublikum aus?
Badora: Natürlich wünsche ich mir mehr junge Leute im Volkstheater, auch mehr Bürger mit migrantischem Hintergrund, eben einen Querschnitt durch die real existierenden Bevölkerungsschichten. Aber es geht nicht darum, diese Leute einmalig ins Theater zu locken, nur um den Fetisch „Auslastung“ zu verbessern. Das Volkstheater hat eine soziale Verpflichtung, auch den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ das Theater näherzubringen: als Begegnungsort über soziale Barrieren hinweg, als Problemlösungsalternative.

profil: Werden Sie die Nebenspielstätte Hundsturm behalten?
Badora: Bisher habe ich kein funktionierendes Stadttheater gesehen, das ohne Nebenspielstätte auskommt. Viele Regisseure sind in Graz vor dem Wechsel an die Hauptbühne auf der Studiobühne groß geworden. Viele Zuschauer sind so ins Theater eingestiegen. Man ist auf dieses Zweistufensystem angewiesen. Es muss Orte geben, wo junge Künstler schnell offene Formate ausprobieren können, wo Stadtprojekte Platz finden. Wir werden deshalb sehr um den Hundsturm kämpfen.

profil: Ein weiteres Handicap ist die gut ausgelastete, aber angestaubte Schiene „Volkstheater in den Bezirken“.
Badora: Mein erster Besuch in der Volkshochschule in der Per-Albin-Hansson-Siedlung im 10. Bezirk war seltsam. Mit jeder Straßenbahnstation stadtauswärts wurde es multikultureller: Frauen mit Kopftuch, Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben und Akzenten. Dann kamen wir endlich im Theater an – und von dieser migrantischen Außenwelt fand sich nichts im Zuschauerraum. Es kann doch nicht sein, dass diese kulturellen Außenposten, die ja buchstäblich für eine Öffnung stehen, nur für ein einheitliches Publikum da sind. Nichts gegen dieses Publikum, wir lieben es und wollen es behalten, aber wir würden gerne neues gewinnen.

profil: In Graz sanken die Zuschauerzahlen in Ihrer ersten Saison um sechs Prozent. Kann Ihnen das auch in Wien passieren?
Badora: Man braucht Zeit, um Veränderungen durchzusetzen. Doch man sollte nie die Lernfähigkeit des Publikums unterschätzen. Als in Graz die Auslastung sank, setzte ich als kurzfristige Gegenmaßnahme eine gängige Komödie auf den Spielplan. Das war das größte Desaster meiner Grazer Intendanz! Meine größten Publikumserfolge waren gewagte, mutige Inszenierungen, die wir zuerst für die Studiobühne geplant hatten, weil wir sie als experimentell und wenig massentauglich eingeschätzt hatten.

profil: Wie sind Sie zum Theater gekommen?
Badora: Völlig zufällig. Ein Freund benötigte dringend Reifen für sein Moped. Deshalb sagte ich bei einem Rezitationswettbewerb zu, bei dem man Geld gewinnen konnte. Mit meinen 14 Jahren gewann ich tatsächlich den ersten Preis. Dabei wollte ich nie Schauspielerin werden. Dennoch war ich vollends begeistert, welche Emotionen der Vortrag eines simplen Gedichts auslösen kann. Eine Frau begann bei meinem Auftritt zu weinen. Das hat mich damals angefixt.

profil: Sie wuchsen in dem polnischen Wallfahrtsort Tschenstochau auf. Wie sehr wurden Sie durch Religion geprägt?
Badora: Religion spielte in meiner Familie keine große Rolle. Aber unsere Religionslehrer, die vom Regime von der Schule vertrieben wurden, wurden in den Augen der jungen Schüler zu Helden. Die Kirche war damals eine progressive Kraft, sie hat kritische Fragen gestellt und vom Westen erzählt. Von der kommunistischen Ideologie haben wir vor allem das Motto übernommen: Du bist so viel wert, wie du den anderen geben kannst. Wir Kinder haben das völlig verinnerlicht. Selbst als ich schon in Berlin am Theater mein erstes Geld verdiente, überwies ich meiner Familie in Polen fast mein gesamtes Gehalt. Und freute mich darüber.

profil: Wie kamen Sie schließlich nach Wien?
Badora: Auch eher zufällig. Eine gute Freundin lud mich zu einem Straßentheaterworkshop nach Amsterdam ein. Dort hörte ich zum ersten Mal Deutsch. Ich hatte richtig Angst und dachte: Gleich zieht der junge Mann eine Knarre. Ich kannte Deutsch ja nur aus Kriegsfilmen. Das hat mich neugierig gemacht, ich wollte mehr über den Westen wissen. Durch eine Freundin meiner Tante kam ich 1976 nach Wien.

profil: War das damalige Wien nicht eine graue Stadt?
Badora: Für mich war es ein Abenteuer. Ich war die erste Frau, die am Reinhardt Seminar Regie studierte. Bei uns in Polen gab es berühmte Theaterintendantinnen und Regisseurinnen. Ich verstand nicht, warum Frauen im Regiefach im Westen so ungewöhnlich waren.

profil: Waren Sie in der Stadt mit dem Nachleben des Nationalsozialismus konfrontiert?
Badora: Ich jobbte als Kellnerin in einem Bistro im 1. Bezirk – und war jedes Mal verblüfft, wenn die Männer aus den umliegenden Ministerien zum Lunch kamen und begeistert erzählten: „Ach, Sie sind Polin, wie nett! Ich war damals 1943 in Warschau, es gab so viele schöne Frauen dort.“ Dass ich als junge Polin über meine Familie ganz andere Erinnerungen mitbekommen haben könnte, schienen diese Männer völlig ausgeblendet zu haben. Dieser merkwürdig unaufgearbeitete Blickwinkel der Unschuld oder Unwissenheit erstaunte mich damals sehr.

profil: Erlebten Sie während Ihres Studiums Sexismus?
Badora: Mein Professor war ratlos: „Sie sind doch eine Frau. Regie als Frau, wie soll das denn gehen?“ Ich war ihm nicht böse, weil er so hilflos war.

profil: Ab wann besserte sich die Situation für Frauen an den westlichen Theatern?
Badora: Als ich 1996 in Düsseldorf als Generalintendantin anfing, war ich die einzige Frau an einem Theater dieser Größenordnung. Ich weiß noch genau, als mich eine Journalistin fragte, wie ich mich als Frau auf Gustaf Gründgens’ Thron fühlte. Im Theater dachte man damals in patriarchalen Mustern: der Intendant als Übervaterfigur, der Regisseur als glühender Liebhaber. Für Frauen waren keine solchen Muster vorgesehen. Es gab keine Vorbilder. Die mussten wir erst selber schaffen.

profil: Das klingt so, als sei Theater eine Art Psychotherapie.
Badora: Mit Männern, die potenzielle Liebespartner hätten sein können, hatte ich als Regisseurin große Probleme. Diese Männer rebellierten, wenn sie Regieanweisungen bekamen. Von einer Frau wollten sie sich nichts sagen lassen. Ich bekam bald den Eindruck, wenn man als Frau nicht besonders nett ist und gewissermaßen mit weiblichen Mitteln arbeitet, bocken Männer.

profil: Die Generation rund um Claus Peymann war nicht dafür bekannt, Schauspieler mit Samthandschuhen anzufassen.
Badora: Im Gegenteil. Man erwartete, dass sich diese Männer wie Tyrannen gebärden. Ich war Assistentin bei Peter Zadek. Wir fochten ständig unerträgliche Kämpfe aus. Er forderte unglaublich viel. Er konnte in jedem Menschen etwas wachrütteln, ihn weit über seine Grenzen hinausführen. Am Ende wollte man dem entsprechen, was er suchte.

profil: Man war also in Geiselhaft und hat sich mit dem Aggressor identifiziert: eine Art Stockholm-Syndrom?
Badora: Ja, vielleicht, aber auch eine Fata Morgana, der man vergeblich hinterherrannte. Zadek hatte ein starkes Verlangen nach der Realisierung seiner Visionen. Das war natürlich auch ansteckend und toll.

profil: Sind diese Theaterdinosaurier inzwischen ausgestorben?
Badora: Es hat sich stark verändert. Ich merkte das spätestens in Graz, als meine junge Regiekollegin in der Probenpause ihre Brust auspackte und das Baby öffentlich stillte. Da musste ich daran denken, wie ich meine eigene Schwangerschaft versteckten musste, um Regieaufträge nicht zu verlieren. Diesen neuen Zeitgeist bemerke ich besonders, wenn ich als Vizepräsidentin an Generalversammlungen der Europäischen Theaterunion teilnehme. Früher saßen da Männer wie Giorgio Strehler, die von ihrem Genie überzeugt waren und lange Monologe hielten. Frauen durften zuhören, aber nichts sagen. So lange ist es nicht her, als eine von mir geschätzte Kollegin aus Helsinki das Wort ergriff. Sie wurde von den Dinosauriern angeschaut, als ob plötzlich ein Hund reden könnte.

profil: Beobachten Sie eine Aufbruchsstimmung?
Badora: Etliche Frauen, die einen kollegialeren Führungsstil pflegen, leiten mittlerweile große Häuser. Ich bin froh, dass Karin Bergmann am Burgtheater meine Kollegin ist. Ich habe mit ihr nur gute Erfahrungen gemacht.

Zur Person
Anna Badora, 63, wurde in Polen geboren. Sie studierte als erste Frau Regie am Wiener Max Reinhardt Seminar und war danach Assistentin bei Peter Zadek und Klaus Michael Grüber, bevor sie ­erste eigene Regie­arbeiten realisierte. 1991 bis 1996 war sie Schauspieldirektorin am Staatstheater Mainz; von 1996 bis 2006 leitete sie das Düsseldorfer Schauspielhaus, wo sie das radikale Regie-Alterswerk von Jürgen Gosch ermöglichte. Seit 2006 leitet sie das Schauspielhaus Graz und entdeckte unter anderem den ungarischen Regisseur Viktor Bodó für den deutschsprachigen Raum. Kommenden Herbst löst Badora Michael Schottenberg an der Spitze des Wiener Volkstheaters ab.

Foto: Monika Saulich für profil