Andreas Babler beim Shooting für ein SPÖ-Wahlplakat: Szene aus Harald Friedls Dokumentarfilm
Was in der umstrittenen Babler-Doku wirklich zu sehen ist
„Freundschaft!“ Die alte sozialdemokratische Grußformel wird in der Parteizentrale der SPÖ gern und auch ein wenig inflationär genutzt. In dem neuen Dokumentarfilm „Wahlkampf“ erklingt das Wort an jeder Ecke. Es steckt so etwas wie bittere Ironie in dem Umstand, dass dem Werk nun von rechten Medien und der FPÖ unterstellt wird, es sei ein bloßer Freundschaftsdienst an SPÖ-Chef Andreas Babler.
Vor vier Tagen wurde „Wahlkampf“ beim Grazer Austro-Kinofestival Diagonale uraufgeführt. Gute anderthalb Stunden lang reihen Regisseur Harald Friedl („24 Stunden“; „Aus der Zeit“) und sein Editor Dieter Pichler, beides verdiente Kräfte des österreichischen Dokumentarfilms, darin Szenen aus zwei Jahren, Beobachtungen aus dem Wahlkampf der SPÖ zur Nationalratswahl 2024 hintereinander, beleuchten die tägliche politische Arbeit von Parteichef Andreas Babler. Auf Gegenwind mussten die Filmemacher und Babler selbst nicht lange warten. Damit hätte man rechnen müssen.
Denn ein Filmprojekt wie dieses ist natürlich per se heikel: Allein die Idee, einen politischen Mitbewerber zu privilegieren, indem man ihn porträtiert, setzt sich dem Verdacht aus, dies aus ideologischen Gründen zu tun. Auf einen Triumph läuft der Film allerdings nicht hinaus: Die SPÖ fuhr bekanntlich, mit Verlusten in der Gunst der Wählerinnen und Wähler, Ende September 2024 ein enttäuschendes Ergebnis ein. Das am Ende dennoch dazu führte, dass Andreas Babler als Vizekanzler angelobt wurde.
Aber Friedl lässt sich – wie Boulevardmedien und die FPÖ es dieser Tage tun – nicht einfach unterstellen, er habe sich von Babler vor dessen Karren spannen lassen. Denn der Film ist sehr unaufgeregt, im beobachtenden Stil des Direct Cinema gehalten, ohne einordnende Kommentare und Interviews. Nicht einmal die handelnden Personen identifiziert Friedl, blendet weder Namen noch Funktionen ein, überlässt den Blick auf das Geschehen seinem Publikum – „aus ästhetischen Gründen“, wie Friedl auf profil-Nachfrage sagt.
„Ich habe diesen Film im April 2023 begonnen, als Porträt des Traiskirchner Bürgermeisters. Ich habe gedacht, dass Babler niemals Parteichef werden könnte, das hab‘ ich ihm damals auch gesagt; das passierte dem Film einfach, aber so ist das in Dokumentarfilmen eben.“
Skandalisierung von rechts
„Babler-Doku mit hunderttausenden Euro Steuergeld finanziert“, titelte das Boulevard-Portal oe24 vorgestern, nur „exxpress“ fand mit „SPÖ-Skandal enthüllt: Babler-Doku aus Steuermitteln finanziert“ noch spekulativere Worte. Tatsächlich war die Filmförderung in völlig branchenüblichem Rahmen von der verflossenen schwarz-grünen Bundesregierung unter dem damaligen Kulturminister Werner Kogler abgesegnet worden – mit Geldern aus dem Österreichischen Filminstitut (ÖFI), dem Filmfonds Wien (FFW) und dem Land Niederösterreich. Der Vorwurf, „Wahlkampf“ sei mit über einer halben Million Euro an Filmförderung, also viel Steuergeld bedacht worden, übersieht, dass lediglich rund 240.000 Euro von Subventionsgremien vergeben wurden, der Rest sind automatische Förderungen wie Referenzmittel aus früheren Erfolgsproduktionen oder der Green-Filming-Bonus.
Dennoch sieht Wiens FPÖ-Klubobmann Maximilian Krauss in „Wahlkampf“ – sicherlich ohne den Film überhaupt gesehen zu haben – einen „politischen Skandal ersten Ranges“, ein „Werbevideo“ für Babler und „dreisten Fördergeldmissbrauch für Eigen-PR“.
Ein Problem des Films liegt in dessen Natur, denn ein solches Werk kann man nur „embedded“ machen, also eingebunden in die Organisation, die man dokumentiert. Und das Fehlen konfrontativer oder schlecht gelaunter Augenblicke macht ihn angreifbar. Selbstverständlich hätte Friedl, sagt er, cholerische Ausbrüche oder entnervte Momente in seinen Film genommen, aber „erstens neigt Andreas Babler, soweit ich das beurteilen kann, nicht zum Impulskontrollverlust, und zweitens haben sich solche Szenen eben nicht ergeben. Die Kamera im Raum verändert die Wirklichkeit; sie mag auch einen zivilisierenden Effekt haben, denn wer gefilmt wird, bemüht sich in der Regel auch darum, nicht aus der Rolle zu fallen.“
Im Regen stehen: Babler an der öffentlichen Überzeugungsarbeit in Friedls "Wahlkampf"
Andreas Babler hatte keinerlei Mitspracherecht an der Gestaltung des Films, wie er sicherheitshalber nun auch auf der SPÖ-Homepage festhält – und keinen Einfluss auf die Subventionsentscheidungen genommen. In Graz gab Patricia Huber, die damalige Kommunikationschefin der SPÖ, bei der Premiere coram publico an, dass sie „gern ein paar Szenen aus dem Film herausreklamiert hätte“.
„Nicht immer die beste Figur“
Er und sein Umfeld, findet Harald Friedl, „machen darin auch nicht immer die beste Figur: Als etwa zur Unzeit die Brucknerhaus-Affäre um den Linzer Bürgermeister Klaus Luger ausbricht, merkt man, wie sehr die Nerven in der SPÖ-Spitze auch blank liegen, wie beinhart dieser Job ist. Da wirken auch Babler und sein Team plötzlich sehr angestrengt.“
Ob Friedl andere Menschen aus der Politik ebenfalls dokumentieren würde? „Die Wut als Motiv interessiert mich nicht, insofern käme ich als Regisseur eines Films über Herbert Kickls Arbeit nicht in Frage, aber den Bundeskanzler würde ich beispielsweise sehr gerne porträtieren – unter der Voraussetzung völliger Gestaltungsfreiheit.“ Er bearbeite jedoch derzeit „schon wieder ganz andere, der Tagespolitik fernere Themen“.
„Wahlkampf“ wird am 24. April österreichweit in die Kinos kommen, spätestens dann werden sich Freunde und Feinde ein Bild davon machen können. Beim renommierten Münchner DOK.fest läuft der Film am 8. Mai, auch dies durchaus ein Zeichen, dass durch „Wahlkampf“ – bei aller Besonnenheit der Gestaltung – nicht so sehr sozialdemokratischer Weihrauch, als der Geruch der politischen Sachlichkeit weht.