Intellektuelle Größe: Der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver, 67, portrtiert von Wolfgang Paterno
Er sollte Peter Thiel herausfordern: Wolfgang Palaver über eine verpasste Chance
Verstehen Sie den Eklat um die geplante Festwochen-Debatte, die Sie mit Peter Thiel hätten führen sollen?
Wolfgang Palaver
Nicht ganz. Ich komme gerade aus Mainz, von einem Studiennachmittag zu Katholizismus und US-Politik. Alle, mit denen ich dort geredet habe, meinten, es sei doch interessant, die Chance zu haben, mit Thiel öffentlich über seine An- und Absichten zu diskutieren. Aber das wird skandalisiert: Hat das mit Sebastian Kurz zu tun? Thiel war ja in Österreich lange nur wenigen bekannt, erst als Kurz für ihn nach dem Regierungsfiasko zu arbeiten begann, gab es plötzlich Artikel über ihn. Und inzwischen wird in den Medien sehr assoziativ und mit ganz breiten Etiketten gearbeitet, Begriffe wie Faschismus werden fast inflationär verwendet.
Als Demokratie-Feind muss man Thiel wohl mindestens bezeichnen, oder?
Palaver
Thiel ist zuallererst ein Libertärer, und in den libertären Grundtexten von 1996, zum Beispiel in John Perry Barlows „Declaration of Independence of Cyberspace“ steht sinngemäß: Der Staat ist vorbei, Grenzziehungen sind vorbei, wir machen das alles anders, haben die Schnauze voll von bevormundender Souveränität. (Der 2018 verstorbene Bürgerrechtler und Songtexter Barlow schrieb ab 1971 auch 25 Jahre lang Lieder für die US-Rockband Grateful Dead, Anm.) Das ist der tiefere Hintergrund – nicht meine Position, aber es gibt viele Menschen, auch weniger betuchte, die letztlich libertär denken, für individuelle Freiheit und Einkommensmaximierung plädieren. Das wollen in unserer Gesellschaft leider zu viele.
Thiel geht schon merklich weiter, er möchte den Staat gänzlich abschaffen, fürchtet eine Weltregierung. Hatten Sie über seine antidemokratischen Ideen Diskussionen mit ihm?
Palaver
Direkt habe ich mit ihm über Demokratie nur selten diskutiert, weil wir meist über Theologie und den französischen Religionswissenschaftler René Girard geredet haben. Nach der die AfD unterstützende Münchner Rede von JD Vance im Februar 2025 habe ich Thiel eine E-Mail geschrieben und gegen den heuchlerischen Hinweis auf Johannes Paul II. protestiert, der sich im Gegensatz zu Vance klar gegen den Populismus ausgesprochen hatte. Thiels extremer Libertarismus ist hochproblematisch. Die erste Autorin, die ich immer erwähne, wenn es um libertäres Denken geht, ist Ayn Rand. Sie wendet sich vehement gegen die katholische Soziallehre, die sie als Abgesang an die Menschheit verstand; dabei war sie gegen den Vietnamkrieg und gegen die Wehrpflicht – die Libertären opponieren alle Formen des Kollektiven, auch des Kriegerischen. In Sachen Wehrpflicht etwa wäre mir der Libertarismus lieber als die heute sich ausbreitende Normalisierung des Krieges.
Die Libertären gründen dann eben ihre eigenen Armeen.
Palaver
Ayn Rand hatte das wohl nicht im Sinn. Natürlich: Der radikale Individualismus ist nicht lebensfähig und anthropologisch falsch, weil wir ohne Beziehung zu anderen ja alle krepieren würden. Nur werden die falschen Kurzschlüsse gezogen: Der Nazi Carl Schmitt und Peter Thiel, das ist eben nicht dasselbe; Ayn Rand kritisiert alles Kollektive, sie sagt, Kirche, Religion, Staat würden das Individuum für ihre Interessen opfern, ohne mit der Wimper zu zucken. Und Thiel ist in dieser Frage näher bei Ayn Rand als bei Schmitt, der die mangelnde Opferfähigkeit des Liberalismus kritisiert. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben dann die radikale Staatskritik der Libertären infrage gestellt, weil man gesehen hat, dass die globale Kommunikation und Mobilität auch ausgenützt werden können, wie das die islamistischen Terroristen gemacht haben. So entstand Palantir, ein Unternehmen, das viel staatliches Geld verdient. Einer wie Thiel begann als Libertärer, wollte mit PayPal ursprünglich staatliche Steuersysteme unterlaufen. Das gelang ihm nicht. Und nach dem 9/11-Terror sah er dann auch, dass es ganz ohne Staat nicht geht. Daher ist seine Position heute, dass es ein bisschen Staat braucht, um Sicherheit zu gewährleisten.
Er versucht diesen Staat aber in seinem Sinn zu beeinflussen, indem er Leute wie JD Vance mit Millionenspenden fördert.
Palaver
Ich glaube nicht, dass Thiel sich in einem neo-integralistisch-katholischen Staat, wie ihn manche im Umfeld von Vance fordern, wohlfühlen würde. Insofern muss man sich fragen, wie geht das zusammen? Seine Unterstützung für Trump und JD Vance will internationale Regulierungen verhindern.
Sie kennen Thiel seit 30 Jahren?
Palaver
Genau, seit 1996. Manche schreiben, ich hätte ihn 1991 oder 1992 in Stanford kennengelernt, aber das stimmt nicht. Ich war 1996 bei einer Girard-Konferenz in Stanford und habe dort über Carl Schmitt kritisch referiert. Da saß Thiel im Publikum, das war noch vor seiner Paypal-Gründung. Nach meinem Vortrag kam er auf mich zu, dann haben wir lang diskutiert. Der nächste Kontakt war eine E-Mail im Dezember 2002, ich weiß das nur, weil ich sie unlängst wieder gefunden habe. 2004 trafen wir einander bei einem Stanford-Seminar, im Jänner 2016 kamen wir beim Requiem für René Girard, unseren gemeinsamen Bezugspunkt, in Stanford noch einmal kurz zusammen. Thiel fragte mich damals – weil ich mich ja lange dafür engagiert habe, Girards Theorie für den Islam zu öffnen –, ob ich mich immer noch für den Islam interessierte. Im Oktober 2016 begann er dann völlig überraschend, Trump zu unterstützen. Erst 2023 traf ich ihn wieder, bei einer Konferenz in Paris, wo er als Keynote-Speaker auftrat, dort habe ich ihm in einer Sache widersprochen. Weil er unsere Konversation weiterführen wollte, lud er mich 2024 nach Los Angeles ein, zu sich nach Hause.
Wie oft haben Sie Thiel seit 1996 ungefähr getroffen?
Palaver
Vielleicht zehn Mal.
Sind Sie befreundet mit Thiel?
Palaver
Nein, es ist eine Bekanntschaft. Mein bester Freund im Silicon Valley, mit dem ich 1991 ein Büro geteilt habe, ist ein presbyterianischer Theologe, inzwischen pensioniert; in Thiels erstem Buch, „The Diversity Myth“, wird er als negatives Beispiel erwähnt, weil er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit gesagt hat, dass die großen Fragen des Krieges ohne feministische, weibliche Perspektive nicht gelöst werden könnten.
Worüber sprechen Sie mit Thiel in der Regel?
Palaver
Niemand darf über Geld reden mit ihm, das mag er nicht, denn er legt Wert darauf, „inspirierende“ Gespräche zu führen. Bei einem Essen, das Thiel veranstaltete, saß ich dann am weitesten von ihm weg, fast ein bisschen bewusst, weil mir solche Vorschriften auf die Nerven gehen. Aber irgendwann rief mir Thiel über den Tisch die Frage zu, was ich über den Islam denke. Und meine These ist ja, dass der Islam im tiefsten Kern mit dem Christen- und Judentum einiges gemeinsam hat.
Wie hätten Sie Ihr Festwochen-Gespräch mit Thiel denn angelegt?
Palaver
Ich verlasse mich da immer auf mein Gefühl. Thiel hat ja im August 2025 bei uns an der theologischen Fakultät in Innsbruck vier Antichrist-Vorträge gehalten, auf die ich auch ausführlich repliziert habe. Mir war immer wichtig zu prüfen: Wo stimmen wir überein? An welchen Punkten fehlt mir das Verständnis? Und wo bin ich wirklich dagegen? Durch diese Aufwallung in Österreich habe ich nun das Gefühl, ich sollte der Drachentöter sein, aber das bin ich nicht. Ein Gespräch mit jemandem, den man schlicht als Faschisten sieht, muss ich nicht führen. Mir wäre es eher darum gegangen, Widersprüche aufzuzeigen. Ich bin ein Multilateralist, also für die Vereinten Nationen, und Thiel findet das entsetzlich. Da hätte ich angesetzt.
Christliche Nächstenliebe ist Thiels Sache nicht.
Palaver
Ich würde nicht sagen, dass er das völlig ablehnt.
Einerseits inszeniert sich Thiel als gottesfürchtig, aber er stellt sich auch mit Gott gleich, indem er den Tod umgehen will. Ist das nicht eine Sünde?
Palaver
Ja, aber das weiß er. In einem der vielen YouTube-Interviews sagt er selbst, dass er sich dessen bewusst sei. Thiel vertritt keinen Transhumanismus, der die Körperlichkeit aufgibt.
Nein, er hat einen Vertrag abgeschlossen, um nach seinem Tod eingefroren zu werden.
Palaver
Das heißt ja auch, er will dem Körper treu bleiben; er hat in einem Interview gesagt, man müsse weitergehen als die Transhumanisten. Die Idee, bloß das Bewusstsein auf Festplatten zu laden, vertritt er nicht. Und es gibt Momente, in denen er selbst sagt, dass seine Ideen theologisch problematisch seien. Aber wir wollen doch auch nicht zurück in eine Zeit wie vor 100 Jahren, als man mit durchschnittlich 60 starb. Das Problem mit dem Einfrieren ist ja eher, dass es ein Programm für ganz wenige ist. Wenn man ein allgemeines Einfrierprogramm für 20 Euro hätte, würden wir es vielleicht bejubeln. Es wäre nicht akzeptabel, wenn 1000 Leute 150 Jahre alt werden könnten, während der große Rest der Menschheit keine Antibiotika hätte. Ich bin ja auch Gandhi-Forscher. Der indische Vordenker meinte einst, dass die Menschen dazu bestimmt seien, 125 Jahre alt zu werden. Aber er hat dazugesagt: für ein Leben im Dienst. Also nicht 125 Jahre narzisstischer Egoismus, sondern 125 Jahre gesundes Leben im Dienst an den anderen. Irgendwann war ich bei einer Girard-Konferenz in St. Louis eingeladen. Man hat mich, zu meiner Ehre wahrscheinlich, neben Thiel gesetzt. Was ja auch Stress ist, denn offenbar sollte ich eine kluge Konversation mit ihm führen. Also sprach ich ihn auf diese Gandhi-Geschichte an, als Theologe bin ich ja nicht grundsätzlich gegen Longevity (Langlebigkeit). Ich wollte Thiel die soziale Dimension nahebringen, die Gandhi betont hat. Und er hat dann nur gesagt, Gandhi mag ich nicht. Damit beendete er unsere Konversation jäh.