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Kultur
03/15/2021

Zehn Oscar-Nominierungen für Netflix-Film "Mank"

David Fincher dramatisiert in "Mank" die Entstehungsgeschichte des Drehbuchs, aus dem Orson Welles' "Citizen Kane" entstand.

von Stefan Grissemann

Diese Geschichte erschien im profil Nr. 49 / 2020 vom 29.11.2020.

Jean-Paul Sartre hasste den Film. Zu viele Rückblenden, schrieb er 1945 verächtlich in dem Pariser Filmmagazin "L'Écran français", zu viel Nostalgie, zu viel Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das Kino sei für die Gegenwart da, proklamierte Sartre, müsse also im Präsens erzählen, nicht im Präteritum. Sartres argentinischer Kollege Jorge Luis Borges hatte den Film schon vier Jahre davor als "pedantisch, ermüdend und ohne Intelligenz" bezeichnet. Die Geschichte sollte ihnen nicht recht geben.

Auf "Citizen Kane", die Story eines Zeitungsmagnaten, deutlich an der Biografie des konservativen US-Tycoons William Randolph Hearst orientiert, hat sich inzwischen die ganze Welt geeinigt. Das Kinodebüt des frühreifen Regisseurs Orson Welles ("Boy Wonder" wurde der 24-jährige Theater- und Radio-Jungstar in den Branchenmagazinen der späten 1930er-Jahre genannt) gehört - trotz der sehr gemischten Kritiken und des Kassenflops, den der Film nach seiner Premiere 1941 hinlegte-zweifellos zu den bedeutendsten und einflussreichsten Filmen aller Zeiten; in fast sämtlichen westlichen Kinokanon-Listen ist "Citizen Kane" (neben Hitchcocks "Vertigo", Ozus "Tokyo Story" und Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin") auf den Spitzenplätzen zu finden. "Citizen Kane" war seiner Zeit voraus: Die labyrinthische Erzählstruktur, in der die Zeitebenen ineinanderfließen, konnte ebenso wie die tiefenscharfe Kameraarbeit Gregg Tolands, die komplizierte, "offene" Bilder produzierte, erst ab den späten 1950er-Jahren breiter gewürdigt werden. "Ahnungslosigkeit", hat Welles gesagt, sei die wichtigste Zutat gewesen, die er als Filmneuling damals eingebracht hatte.

Der für spektakuläre Projekte bekannte Regisseur David Fincher ("Fight Club"; "Zodiac"; "Mindhunter") hat sich für den Streaming-Riesen Netflix nun ein Script seines 2003 verstorbenen Vaters vorgenommen, das schon in den 1990er-Jahren entstanden ist. "Mank" kreist um den Entstehungsmythos des Drehbuchs zu "Citizen Kane",somit nicht um Orson Welles, sondern um den Autor Herman J. Mankiewicz (1897-1953),der 1939 unter starkem Zeitdruck beauftragt wurde, die Vorlage zu verfassen. Mankiewicz, der ältere Bruder des Regisseurs Joseph L. Mankiewcz ("All About Eve"), war eine flamboyante Figur: ein wortgewaltiger Nonkonformist, bekennender Alkoholiker und geistreicher Berufsschreiber in Hollywoods Tretmühlen. "Mank" soll übrigens trotz der baldigen Verfügbarkeit auf Netflix-wo der Film ab 4. Dezember zu sehen sein wird-auch Österreichs Kinos erreichen, wann immer diese wieder aufsperren mögen.
 

"Mank" ist eine Zeitreise, den Texturen eines verflossenen Kinos verpflichtet. Schon der Vorspann des Films rollt, wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, schräg über den schwarzweißen Himmel, ohne jede Ähnlichkeit mit anderen Netflix-Aktualitäten. Auf den ersten Blick. Denn das Bildformat ist mit 16:9 dann doch den Flatscreens angepasst, und auch die Musik, das synthetische Orchester, das die Nine-Inch-Nails-Rocker Trent Reznor und Atticus Ross entfesseln, scheint nicht recht zu passen. Und während Fincher Bildkompositionen aus "Citizen Kane" digital nachstellt, wird etwas offensichtlich: Das Unterfangen, via Flashback-Serien und Rückprojektionen eine stilistisch möglichst weitreichende Hommage an Welles' Klassiker herzustellen, ist unter Netflix-Bedingungen paradox. Wer über "Citizen Kane" in dessen Stil und Formen sprechen will, produziert einen verspiegelten Irrgarten, aus dem kaum wieder herauszufinden ist.

Mimikry betreibt "Mank" auch in anderer Hinsicht. Jack Finchers Drehbuch folgt der mehr als umstrittenen Position, die von der angriffslustigen Filmkritikerin Pauline Kael in ihrem Buch "Raising Kane" 1971 eingenommen wurde: Der narzisstische Welles, so der Tenor ihres Essays, habe sich zeitlebens zum Mastermind hinter "Citizen Kane" erklärt; in Wahrheit aber sei die entscheidende Vorarbeit allein Mankiewicz' Verdienst gewesen. Kaels Schrift verteidigte den sprichwörtlichen "genius of the system" gegen die neue, aus Frankreich importierte Autorentheorie: Hollywoods legendäre Filme seien im Teamwork entstanden, nicht durch die Kunst gottgleicher Einzelkämpfer. So korrekt diese Diagnose an sich ist, so verfehlt war die (von Kael kaum recherchierte) These, dass Welles an Drehbuch und Erfolg seines Films kaum beteiligt gewesen sei. "Mank" folgt ihr dennoch sklavisch. Es ist trotzdem eine Freude, den vielen Ideen und großen Szenen zu folgen, die Fincher (und sein Team) hier realisieren. 

Mank, wie der Drehbuchautor genannt wird, ist ein abgeklärter, vielfach lädierter Antiheld: Wegen eines Beinbruchs bettlägerig, diktiert der Alkoholkranke das entstehende Buch einer Sekretärin, die jeden Geistesblitz augenblicklich notiert. Der Brite Gary Oldman, 62, spielt den in vielen Rückblenden erst 37-Jährigen als vor der Zeit Gealterten mit einer Virtuosität und Vielschichtigkeit, die allein schon die Auseinandersetzung mit diesem Film lohnen. Wie der Extrem-Comedian W.C. Fields schießt Mankiewicz seine Wortspiele und Pointen ab, während die Erzählung zurück in die mittleren 1930er-Jahre schweift, dabei illustrative Einblicke ins Innere des Hollywoodgetriebes gewährt, in die Writers' Rooms, Dinnerpartys und Schlangengruben einer in die Depression geratenen Illusionsindustrie. Fincher zeigt die nervöse Studioatmosphäre, während er en passant legendäre Zeitgenossen, etwa den Autor Ben Hecht, die Produzenten David O. Selznick und Irving Thalberg sowie den MGM-Boss Louis B. Mayer, auftreten lässt. Sie alle werden als Strategen und Zyniker nachgezeichnet, als Ideologen und Profitgeier. Und das zunächst fast liebevolle Verhältnis, das der Medienzar Hearst (Charles Dance) und dessen Langzeitgeliebte, die Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried) zu Mank unterhalten, wandelt sich in eine Story enttäuschter Freundschaft, eine Parabel von Rache und Verrat.
 

Fincher zeigt, wie trivial (im Gegensatz zu dem "persönlichen" Projekt "Citizen Kane")die Herstellungsprozesse im Unterhaltungskino jener Zeit waren und blickt doch wehmütig darauf zurück. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre wirft einen langen, in die Gegenwart reichenden Schatten: Die Kinos sind bedroht, die Banken geschlossen, die Ökonomie ist am Ende. Der Schriftsteller Upton Sinclair tritt im Kampf um den Gouverneursposten in Kalifornien 1934 als "kommunistisches" Schreckgespenst gegen den Republikaner Frank Merriam an. In Hollywood sieht man schon den sozialistischen Umsturz kommen, zieht mit Propagandafilmen, mit fake news fast im Trump'schen Sinne, erfolgreich gegen ihn ins Feld. Von alldem erzählt "Mank" auch.

Am Ende gibt es ein 327 Seiten starkes Buch, das die Branche spaltet-und dem Titelhelden einen Oscar beschert. Sollte Jack Fincher für "Mank" im kommenden Frühling posthum eine Trophäe in der Kategorie "Bestes Originaldrehbuch" erhalten, so würde in dem Spiegelkabinett, das Fincher hier, dann doch im Geiste Welles", errichtet hat, jedenfalls ein zusätzlicher Widerschein aufleuchten. Tradition verpflichtet. 

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