Pleiten, Mundart und Pannen: Sollen Richter Dialekt sprechen?
Eines musste klar sein: Wenn der Niederösterreicher Beran A. am Landesgericht Wiener Neustadt erstmals vor Gericht erscheint, wird das internationale Medienecho groß sein. Immerhin plante der Islamist aus Ternitz vor zwei Jahren einen Anschlag auf ein Konzert des US-Superstars Taylor Swift in Wien. 200.000 „Swifties“ aus halb Europa waren nach Wien angereist. Der Anschlagsplan flog kurz vor der großen Party auf.
Der Popstar sagte erstmals nach zehn Jahren wieder ein Konzert ab – damals war ein Militärputsch in Thailand der Grund. Der internationalen Tragweite des Prozesses nicht genug, wälzten Beran A. und Konsorten auch Terrorpläne in Istanbul, Mekka und Dubai – in Mekka stach der beste Freund des Angeklagten vor der heiligsten Moschee des Islam tatsächlich zu. Auch das war CNN-tauglich.
Zurück nach Wiener Neustadt: Dort wird Beran am Dienstag, 9 Uhr, von vermummten Justizwachebeamten in den Schwurgerichtssaal geführt. Der Prozess beginnt mit dem Plädoyer des Staatsanwalts. Er will seine Anklagepunkte auf einen großen Bildschirm projizieren, der an der Wand neben der Richterbank hängt. Doch diesen hat im Vorfeld wohl niemand getestet. Kein Signal. Etliche Versuche scheitern. Der Prozess wird für eine halbe Stunde unterbrochen. Beim zweiten Anlauf ist die Präsentation des Staatsanwaltes lesbar. Doch das Gebrechen wird zum unpassendsten Zeitpunkt wiederkehren. Die Richterin lässt ein IS-Video vorspielen, das Beran A. mit seinen Freunden teilte. Ohne Trigger- oder Traumawarnung, aber gut. Das Video zeigt türkische Soldaten, die gefesselt auf dem Boden liegen und brennen, angezündet vom IS. Das Video bleibt immer wieder stecken. Der Alptraum verlängert sich durch Standbilder verzerrter, angesengter Gesichter.
Verstehen die Geschworenen alles?
Nach den Eröffnungsplädoyers von Staatsanwalt und Verteidigung ist die Richterin am Wort. Sie verfällt immer wieder in den regionalen Dialekt. „Wor des, wo da Papa goabeit hot?“ – „Wos hom S’ daun gmocht?“ – „Reden S’ laut, longsom und deitlich, wir san drei ötere Damen.“ Eine der Kolleginnen auf der Richterbank neigt ebenfalls zur Mundart, die zweite nicht. Man hofft, dass alle Geschworenen aus der Gegend sind und den Zungenschlag verstehen. Denn sie müssen dem Prozess folgen können.
Der Angeklagte mit albanischen Wurzeln, der 20 Kilometer von Wiener Neustadt entfernt in Ternitz aufwuchs, tut sich sichtlich schwer damit. „Wie bitte?“, fragt er wiederholt. Er selbst spricht keinen Dialekt, eher Bundesdeutsch. Wer streckenweise sicher nur Bahnhof versteht, sind deutsche Medienkollegen von jenseits des bayerischen Raums.
Verfahren bleibt der Prozess auch, wenn es um Fachbegriffe aus der Welt der Islamisten geht. Scharia, Da’wa, Dschinn oder Daesh. Die Richterin fragt immer wieder nach. Einmal will sie „Spongebob“ verstanden haben. Der Angeklagte erläutert. Das Fachsimpeln kann helfen, um auch die Geschworenen besser in die Thematik einzuführen. Aber auch Zeitabläufe zwischen Anschlagsplänen und Chats geraten durcheinander. Der Prozess wirkt sprunghaft, gerät immer wieder auf Nebengleise.
Österreich ist ein Land mit ausgewachsener Islamisten-Szene, aber auch strengen Anti-Terror-Gesetzen. Hunderte Islamisten wurden bereits verurteilt. Sollten nicht gerade bei einem Prozess mit dieser Tragweite die fachkundigsten Richterinnen und Richter am Werk sein? Egal ob über den Beschuldigten in Wien, Wiener Neustadt oder Linz Gericht gehalten wird?
Auch über Richterinnen und Richter soll man nicht vorzeitig urteilen. Vielleicht fühlen sich die Geschworenen am Ende des Prozesses bestens betreut – gerade wegen der lockeren Mundart. Aber so viel steht fest: Ruhmesblatt ist der Prozess bisher keines für die heimische Justiz.