#brodnig: Algorithmische Grausamkeit

#brodnig: Algorithmische Grausamkeit

Warum nur sind diese Maschinen so unhöflich?

Manchmal fehlt Facebook das nötige Taktgefühl. Zum Beispiel wenn es einen freudig daran erinnern will, dass vor zwei Jahren ein Terroranschlag stattfand – einem Freund von mir ist das passiert. Er öffnete am 7. Jänner die App, Facebook berichtete ihm dort: "Hallo David, es ist schön, Erinnerungen wachzuhalten. Wir können uns vorstellen, dass du gern an diesen Beitrag von vor 2 Jahren zurückdenkst." Unter dem Hinweis war Davids alter Beitrag zu sehen, bei dem er den Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" betrauert hatte. "Tja Facebook, so kann man sich irren", meinte David.

Es gibt noch schlimmere Beispiele, in denen Facebooks Algorithmus danebenlag – jene Software, die aussucht, welche Information Nutzer zu sehen bekommen. Der Amerikaner Eric Meyer erfand den Begriff der "unabsichtlichen algorithmischen Grausamkeit". Meyers sechsjährige Tochter war 2014 an einer Krankheit gestorben. Ein paar Monate später blendete Facebook ihm einen Jahresrückblick ein, der Freude verbreiten sollte. Die Plattform zeigte tanzende Comic-Figuren und Luftballons an. In der Mitte des Jahresrückblicks war Meyers Tochter zu sehen.

"Ja, mein Jahr sah so aus. Das stimmt schon. Aber es war trotzdem grausam, dass Facebook mich noch einmal so nachdrücklich daran erinnerte", schrieb Meyer auf seinem Blog.

Das Problem ist nicht, dass Software für uns Menschen Information sortiert. Unbehaglich wird dies erst, wenn Programmierer solcher Algorithmen nicht die Folgen bedenken: Der einzelne Facebook-Mitarbeiter findet es vielleicht eine Spitzenidee, dass ihm am Jahresende einige Postings noch einmal angezeigt werden. Ganz offensichtlich wurde aber nicht bedacht, dass manche Menschen ein furchtbares Jahr hatten oder einzelne Beiträge einfach traurig sind. Die Technik muss Einfühlsamkeit lernen – was in erster Linie heißt: Den Menschen, die diese Algorithmen programmieren, muss Feingefühl auch ein Anliegen sein.

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