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Meinung
03/20/2020

Christian Rainer: Iden des März

Es ist der Ernstfall und doch nur die Warnung vor dem Ernstfall. Corona inmitten friedlicher Zeiten.

Corona. Klima. Krieg. So lassen sich die Bedrohungen der Menschheit in drei Worten steigern. Klima und Krieg können wir in der Abfolge auch tauschen, ohne dabei Unvergleichbares zu vergleichen, zumal die beiden Szenarien einander kausal bedingen würden. Die aktuelle Krise erinnert uns daran, in welch glücklichen Zeiten wir in Mitteleuropa nach 1945 gelebt haben und wie zerbrechlich dieses Glück ist. Mit einem Quäntchen von einem anderen Stück Glück wird uns Corona einen Weg weisen, den wir sonst niemals gesucht und gefunden hätten – falls das Trauma, das wir derzeit alle erfahren, nachhaltig genug ist, um einer mächtigen Weisheit Bahn zu brechen.

Wir Journalisten berichten in diesen Wochen ausführlich über den Stand der nicht mehr standhaften Dinge. Das müssen wir auch. Die Wahrheit ist zumutbar und wird in all ihren Facetten mit dieser Ausgabe von profil ausgeleuchtet, auch permanent im Netz von der vereinten Print- und Onlineredaktion. (Die E-Paper der vorigen und dieser Nummer, also die elektronische Version der Druckprodukte, sind kostenfrei abrufbar.)

Die Kolleginnen und Kollegen in den Medien verlegerischer Herkunft leisten wie immer in außergewöhnlichen Situationen Außergewöhnliches.

Wie immer? Auch unter Einrechnung meines fortschreitenden Alters, das mehr und mehr die Vorsicht in den Vordergrund treten lässt, und auch unter Beachtung des Verblassens von Gefühlen und Erinnerungen zu vergangenen Ereignissen: Die gegenwärtige Mischung aus gewogenem Wissen und Unwägbarkeiten auf der einen Seite und den schwergewichtigen lokalen und globalen Maßnahmen der Regierenden auf der anderen, diese Mischung ist nicht mit Tschernobyl und nicht mit 9/11 vergleichbar. Und der Showdown zwischen den USA und der Sowjetunion in der Kuba-Krise war für die Menschheit fraglos gefährlicher als Covid-19 – bis hin zur möglichen Gesamtvernichtung. Aber die fatalen Konsequenzen blieben aus: Es wurde nuklear auf- und nicht abgerüstet.

Die Corona-Krise ist nicht im Entferntesten das Ende von allem. Trotzdem spüren wir die Disruption des Lebens, die wir derzeit erfahren, mit enormer Wucht.

Also: Wir beschreiben, dass diese Regierung fast alles richtig macht, dass selbst ein Übertreiben wegen des unmessbaren Risikos gerechtfertigt sein kann und wohl ist (ein komplexer Zusammenhang, den Eva Linsinger und ich in einem Podcast mit „dennoch notwendig“ charakterisiert hatten). Wir warnen in diesem Heft auch davor, dass man bereits jetzt angesichts der beispiellos rigorosen Gesetze und Verordnungen, die schnell durchgewinkt werden, an Konsequenzen für Demokratie und Rechtsstaat zu denken hat. Und wir versuchen, diese Legistik an den wissenschaftlichen Tatsachen zu messen.

Aber mich gemahnt diese Gemengelage dann doch immer wieder an das, was ich an dieser Stelle im Lauf der Jahre regelmäßig geschrieben habe. Wie oft wurde darauf hingewiesen, dass die längste Periode ohne Krieg in Europa seit Menschengedenken eine gewaltige Gefahr in sich birgt! 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind die sich Erinnernden bald zur Gänze verschwunden – Menschen, die uns vor Augen halten, wie schnell sich alles ändern kann, Demokratie und Frieden verloren gehen. Gerade im Zusammenhang mit der Europäischen Union haben wir wieder und wieder den Gründungsgedanken dieser Gemeinschaft beschworen: Feindseligkeiten unter den Nachbarn auf immer zu verhindern. Im Brexit, zwischen den Migrationsströmen, in der weit klaffenden Unterschiedlichkeit von West und Ost, in den Nationalismen und Egoismen ist die Erzählung von der furchtbaren Geschichte verloren gegangen.

Die Corona-Krise fällt in friedliche Zeiten. Doch sie zeigt uns, wie plötzlich, unerwartet, im Konkreten auch unvorhersehbar sich das Gestern vom Heute spaltet.

Anders und dennoch ähnlich verhält es sich mit der Klimakatastrophe. Sie bedroht uns nicht mit exponentieller Kraft wie das Coronavirus, sondern schleichend. Das macht sie noch gefährlicher: Kein Politiker muss reagieren, um zu regieren. Immer wieder wurde hier und anderswo in diesem Magazin darauf hingewiesen, dass die Erderwärmung das Ende von allem bedeuten wird, wenn wir nicht radikal gegensteuern.

Die Corona-Krise ist nicht im Entferntesten das Ende von allem. Trotzdem spüren wir die Disruption des Lebens, die wir derzeit erfahren, mit enormer Wucht. Corona ist der Ernstfall und doch nur die Warnung vor dem Ernstfall. Wir werden sehen, ob das Trauma dieser Wochen und Monate zu einem neuen Umgang mit den ungleich größeren Katastrophen führen kann.

[email protected] Twitter: @chr_rai

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