profil-Redakteurin Edith Meinhart

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© Walter Wobrazek

Meinung
07/17/2021

Edith Meinhart: Das große Versagen im Fall Leonie

Der profil vorliegende Ermittlungsakt im Fall Leonie lässt für Edith Meinhart nur den einen, hoffnungslosen Schluss zu: Mit weiteren, ähnlichen Verbrechen ist zu rechnen.

von Edith Meinhart

26. Juni, es ist 2.03 Uhr, als Leonie mit drei Burschen die U-Bahn-Station Wien-Kagran verlässt. Eine Überwachungskamera filmt sie. Fünf Stunden später wird ihr lebloser Körper auf einer Grünfläche gefunden. Was passierte dazwischen? Und kann es wieder passieren? Junge Afghanen sollen die 13-Jährige unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben. Drei Verdächtige sind in Haft, der Älteste ist auf der Flucht. Die Vernehmungsprotokolle sind schwer zu ertragen, so roh, brutal und verächtlich ist der Tonfall. Ein Mitwisser berichtet, „Ramis“ habe zu „Zubai“ und „Haji“ – alle drei sind Beschuldigte – gesagt, sie sollten das Mädchen „auch ficken. Sie wäre sowieso eine Schlampe und nicht seine fixe Freundin.“ Und an anderer Stelle: „Es ist egal, dass sie gestorben ist.“ 

Das Verbrechen ereignete sich in einer Gemeindewohnung, in welcher der 18-jährige „Haji“ offiziell allein lebte, die er in Wirklichkeit aber mit dem 22-jährigen Zubai teilte. Drogen seien gehandelt worden, es sei „schlimmer als in einem Puff“ zugegangen, so eine Zeugin. Wo waren das Jugendamt, Bewährungshelfer, Wiener Wohnen, Polizei? Schuldzuweisungen machen Leonie nicht mehr lebendig. Sie verhindern auch nicht weitere Verbrechen. Dennoch: Wer dem gewaltsamen Ende einer 13-Jährigen einen Funken Sinn abtrotzen will, muss genau hinschauen und Lehren daraus ziehen.

Leonie war ein Mädchen, das sich ritzte, aus dem Fenster kletterte, Drogen konsumierte und in Wien in kleinkriminelle Kreise geriet. Ihre Geschichte gleicht jener vieler Jugendlicher in großen Schwierigkeiten, deren einziges „Glück“ darin besteht, dass sie nicht so grausam enden. Wo werden sie aufgefangen? Angelika Hager sprach für die profil-Titelgeschichte vor drei Wochen mit Kinder- und Jugendpsychiatern, die um Hilfe schreien, weil Ambulanzen und Tageskliniken überquellen. Es gibt Wartelisten für Krisenbewältigung jeder Art, als ließe sich die Not einfach aufschieben. Die Pandemie riss letzte Anker weg. Burschenarbeit: geschlossen. Mobile Jugendarbeit, Parkbetreuung, Streetworker: nicht da. Schulsozialarbeit: überlastet. 

Im öffentlichen Raum blieben Kinder mit problematischem Konsumverhalten sich ebenso selbst überlassen wie „Kleinkriminellen-Kapos“ wie der 22-jährige Zubai. Sie scharen Jüngere um sich, wie den 16-jährigen Ramis, die so hart und cool sein wollen wie die „Gangleader“ mit ihren Armyhosen, Springmessern und einer, was Männlichkeit angeht, unglaublich schädlichen kulturellen Prägung. In diesem Vakuum beobachten Jugendsozialarbeiter neue Dynamiken und Kontakte. Burschen, die nie gelernt haben, allein zu leben, halten sich an ältere, witzige Typen, die mit Geldbündeln, Drogen, Waffen und Mädchen protzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet, kämpfen IS-Rekruten, Kleinkriminelle und Jugendsozialarbeiter um dieselbe junge Klientel. Und die Polizei? 

„Kapos“ aus den Gruppen zu holen, erfordert penible kriminalpolizeiliche Arbeit. Sie ist anspruchsvoller und personalintensiver als das Abstrafen von Masken- und Abstandssündern. Dafür braucht es Mittel. Dazu kommt: Wird ein junger Straftäter gefasst, dauert es „ewig“, bis er die staatliche Reaktion zu spüren bekommt. Raubverdächtige lassen sich als „Szeneheros“ feiern, weil ein Haftrichter sie freigelassen hat. Das Erwachen kommt, wenn Monate später das Strafverfahren beginnt. Gewalt, Drogen, Waffen, Sex üben den Reiz des Verbotenen aus. „Machen“ Jugendliche mit Überfällen oder Drogen ein Vielfaches dessen, was sie als Hilfsarbeiter bekämen, kommen sie kaum mehr davon los. „Jung, männlich, perspektivenlos“, fassen Kriminalsoziologen das Risiko für Delinquenz zusammen. Der Großteil der Gewaltakte passiert zwischen 14 und 25. 

Anti-Gewalt-Trainings gab es schon vor Corona zu wenig. Das gilt erst recht für die Auseinandersetzung mit sexuell übergriffigen Jugendlichen. Sieht man von Initiativen wie  „Limes“ ab, herrscht auf diesem Feld bedrohliche Leere. In achtstündigen Wertekursen bringt man Afghanen sicher nicht bei, was Gleichheit der Geschlechter bedeutet und Verantwortung zu übernehmen. Es gehört zu den grauenhaftesten Passagen im Ermittlungsakt, dass ein mit Drogen vollgepumptes Mädchen nach Hajis Hand gegriffen haben soll, während es von dessen Kumpel vergewaltigt worden sein soll. Auf die Frage, warum er nicht geholfen habe, sagt Haji: „Das geht mich nichts an, es war nicht meine Freundin. Ich hatte Angst vor Zubai und wollte keinen Streit mit ihm.“ 

Selbst dort, wo scheinbare Erfolge gelingen, offenbart sich staatliches Versagen. Der tatverdächtige Drogendealer war 2015 als Flüchtling gekommen, saß wegen Körperverletzung, schwerer und geschlechtlicher Nötigung im Gefängnis und wurde vor wenigen Monaten – in ein Leben „ohne fixe Bleibe“ – entlassen. Das spielte sich vor allem auf der Donauinsel ab, wo afghanische Dealer Marihuana und Ecstasy im Gebüsch bunkern, oft schlechtes Zeug, mit Liquid Ecstasy gestreckt, auf das man „extrem offen“ wird, wie eine Zeugin erzählt: „Somit bringt man junge Mädchen besser ins Bett.“ Auch der 18-jährige „Haji“ war in Haft. Er aber fiel danach nicht etwa in ein Loch, sondern hatte Mindestsicherung, eine Gemeindewohnung, eine Bewährungshelferin, Jugendhilfe.

Doch schaffte er es, alle hinters Licht zu führen. Das erinnert an den Terror-Attentäter vom 2. November. Was heißt das wiederum?

Die Betreuung von Intensivtätern und Gefährdern muss engmaschiger werden. Das Wissen ist vorhanden. Es fehlt am politischen Willen. Scheitern staatliche Institutionen, die Stadt Wien, Jugendhilfe, Streetworker, Polizei, Gefängnisse, Bewährungshelfer, Schulen, Anti-Gewalt-Trainer, Traumatherapeuten an der Aufgabe, Jugendliche über die Klippen der Adoleszenz zu bringen, weil sie nicht ausreichend ausgestattet werden, ist der Preis unbezahlbar: Ein Scheitern kostet weitere Leben. Es erlaubt sich schlicht nicht. 

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