Diktator der Herzen
„Jeder Neunte könnte sich mit Diktatur anfreunden“, titelte kürzlich der „Standard“. Die Schlagzeile fasste das Ergebnis einer Umfrage zusammen, die von der Zeitung beim Linzer Market-Institut in Auftrag gegeben worden war.
Konkret hatte die Aussage, der die Befragten zustimmen oder widersprechen sollten, so gelautet: „Im nationalen Interesse ist unter Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.“ Drei Prozent fanden das ohne Wenn und Aber gut, weitere acht Prozent stimmten „eher“ zu, elf Prozent waren teils/teils dafür, und 15 Prozent stimmten „eher“, aber nicht eindeutig dagegen.
„Wir sollten einen Führer haben, der Österreich zum Wohle aller mit starker Hand regiert“, lautete eine weitere Aussage. Sieben Prozent stimmten völlig, weitere neun Prozent „eher“ zu.
Man kann das optimistisch eh keine so großen Zahlen finden und sich damit beruhigen, dass sich immerhin 56 Prozent gegen eine Diktatur als die unter Umständen bessere Staatsform aussprachen. Aber bedenklich bleibt es doch. Und man wüsste gern, wie sich die Befürworter:innen des Führerprinzips ihren Diktator des Herzens so vorstellen. Als strengen Patriarchen? Als großen Bruder, der ihren persönlichen Vorteil zum nationalen Interesse erklärt, ihre Feinde mit eiserner Hand niederhält und extra für sie reservierte Wohltaten in seiner Agenda speichert?
Haben sich die Ergebnisse des Reality Checks noch immer nicht durchgesprochen? Dass jeder Diktator zuerst edle Absichten verkündet und dann Not und Tod verbreitet – noch nie bemerkt?
Mit derlei kindischen Erwartungen wird in Diktatorenkreisen durchaus gerechnet, nicht ohne Grund wurde Stalin als „Väterchen Stalin“ vermarktet, wurde albanischen Schulkindern Enver Hoxha als „Onkel Enver“ präsentiert, heißt Orwells Big Brother genau so.
Wie der Reality-Check ausfiel, weiß man auch. Haben sich seine Ergebnisse noch immer nicht durchgesprochen? Dass jeder Diktator zuerst edle Absichten verkündet und dann Not und Tod verbreitet – noch nie bemerkt?
Na ja, wer aufs Gemeinwohl pfeift und bereit ist, den jeweils angesagten Stiefel zu lecken, der kann es schon zu was bringen in einer Diktatur. Mag sein, dass sie sich das vorstellen, die Liebhaber:innen autokratischer Systeme: ein sicheres persönliches Nest um den Preis von entsorgter Nächstenliebe, aufgegebener Menschenwürde und demoliertem Anstand. Was sie nicht bedenken, ist die fehlende Garantie für die Sicherheit des Nests. Auch Stiefellecker:innen können in Ungnade fallen, Opportunismus schützt nicht vor Willkür. Wer sich einem totalitären System andient, steht zudem in Konkurrenz mit anderen Stiefellecker:innen, die keine Skrupel kennen, wenn sie um das Wohlwollen des Machthabers buhlen. Der Absturz aus den Höhen der Privilegierten kann schnell passieren, denn unter Diktatoren lebt es sich riskant. Das müsste einem doch klar sein, wenn man ein bisschen um sich schaut oder ab und zu in ein Geschichtsbuch. Nein?
Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie wir anderen uns fühlen sollen bei der Überlegung, dass jeder neunte Mitmensch bereit wäre, unsere Rechte, unsere Meinungs- und Redefreiheit, unseren Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung aufheben oder zumindest einschränken zu lassen, sobald ein Diktator daherkommt und das zum nationalen Interesse erklärt. Ganz schön unbehaglich, diese Erkenntnis.
Am wenigsten Bedenken gegen eine Diktatur haben übrigens die Jüngsten. Drei Prozent volle Zustimmung bei den 16- bis 29-Jährigen. Und 18 Prozent in derselben Altersgruppe, die Diktaturen „eher“ gut finden, wenn ihre Errichtung dem nationalen Interesse dient, was immer sie sich darunter vorstellen. Ablehnung: 66 Prozent bei den über 50-Jährigen, aber nur 43 Prozent bei den Jungen.
Wirft kein gutes Licht auf Erziehung und politische Bildung der Jugend, vielleicht aber auch nur ein schlechtes Licht auf den Zeitgeist, der gerade überall, in allen Teilen der Welt, rechte Autokraten auf den Plan treten lässt, die ohne die geringste Scham Völker- und Menschenrecht mit Füßen treten und der lernwilligen Jugend suggerieren, dass Mitmachen die angesagte Option ist. Wer holt uns da wieder raus?