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Achtung! Die Fußball-WM kann Ihr Weltbild neu zeichnen

Falls jemand glaubt, Afrika sei ein verlorener Kontinent, soll er sich die Fußball-WM ansehen.

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Unser Weltbild benötigt gelegentlich ein Update. Jetzt ist ein guter Moment dafür, denn die derzeit stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft versammelt immerhin 48 Nationen zur weitgehend friedlichen Rasenschlacht. Und, Überraschung!, die Kräfteverhältnisse gestalten sich anders, als man erwartet hätte. Unter den 32 Mannschaften, die es in die K.-o.-Phase schafften, sind 17 aus dem Globalen Norden, also der Gruppe der westlichen Industrienationen, und 14 aus dem Globalen Süden, darunter nicht weniger als neun Nationen aus Afrika. (Ein Land, nämlich Mexiko, wird üblicherweise weder eindeutig dem Globalen Norden noch dem Globalen Süden zugerechnet.)

Nun ist Toreschießen weder gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Aufschwung noch mit einem Fortschritt im Human Development Index. Aber Erfolg in einem weltweit professionell betriebenen Sport zu haben, ist zumindest ein Indiz dafür, dass in einem Land etwas gut laufen könnte. Was ergibt ein Faktencheck? Ein paar Daten aus den Nationen, die in der K.-o.-Runde mitspielten:

Ägypten verzeichnete im Jahr 2003 ausländische Direktinvestitionen im Wert von weniger als 250 Millionen US-Dollar. 2024 waren es mehr als 46 Milliarden.

Im Senegal lag die Lebenserwartung 1970 bei knapp unter 41 Jahren, 2024 bereits bei über 68, in der Elfenbeinküste stieg sie im selben Zeitraum von 44 auf 62 Jahre.

In Kap Verde hatten im Jahr 2000 weniger als 60 Prozent der Bevölkerung Zugang zu elektrischem Strom, seit 2023 sind es über 98 Prozent.

Marokko produzierte im Jahr 2000 knapp sechs Prozent an erneuerbarer Energie (gemessen an der Gesamtproduktion), 2021 waren es beinahe 20 Prozent.

In Ghana hat sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Jahren 2000 bis 2025 von rund 1000 US-Dollar auf mehr als 2200 US-Dollar inflationsbereinigt mehr als verdoppelt.

In Südafrika sank die Kindersterblichkeit pro 1000 Lebendgeburten von 132 im Jahr 1974 auf 35 im Jahr 2024.

Algerien stieg 2024 nach Berechnungen der Weltbank wieder in die wirtschaftliche Kategorie des oberen Mittels auf.

Das Potenzial des Globalen Südens arrogant zu unterschätzen, ist ein Fehler. Nicht nur im Fußball.

Kurz: Es gibt mit Ausnahme der von Kriegen und Krisen geplagten Demokratischen Republik Kongo aus allen Ländern gute Nachrichten. Zudem wächst vielerorts in Afrika die Wirtschaft – wenn auch von einem vergleichsweise niedrigen Niveau kommend – in einem Ausmaß, das Österreichs Finanzminister Markus Marterbauer feiern würde wie einen Sieg im WM-Finale. Vor dem Irankrieg rechneten Ökonomen mit dem größten Wirtschaftswachstum Afrikas der vergangenen zehn Jahre.

Afrika entwickelt sich zu einem stabilen Wirtschaftsraum. Die Armut sinkt, die Geburtenraten ebenfalls, die Globalisierung hat, spät, aber doch, auch den lange im Abseits stehenden Kontinent nach oben gepusht. Einen Staat zu entwickeln, ist zwar nicht dasselbe wie Tore zu schießen, aber es scheint eine gewisse Korrelation zu geben. Leistungsbereitschaft, Ressourcen und ein Plan spielen hier wie da eine Rolle.

Jahrzehntelang schimpften Populisten, dass jegliche Unterstützung von Wirtschaft und Entwicklung in Afrika sinnlos vergeudetes Geld sei. „Afrika, der verlorene Kontinent“, betitelte etwa im Jahr 2017 FPÖ-Politiker Harald Vilimsky seine heftige Kritik an der Afrika-Strategie der EU.

Doch das Geld war nicht umsonst. Es war bestimmt nicht der einzige Grund für die Aufwärtsentwicklung des Globalen Südens, aber einer von vielen. Außerdem half es dabei, stabile Beziehungen zu den Staaten zu knüpfen, die mittlerweile zu wichtigen Wirtschaftspartnern heranwachsen.

Das Potenzial des Globalen Südens arrogant zu unterschätzen, ist ein Fehler. Nicht nur im Fußball. Immer noch sehen engstirnige Populisten nichts als eine Migrationsgefahr, wenn sie den Blick nach Süden werfen. Das grenzt an Blindheit. Österreichische Unternehmen wie voestalpine, Andritz und viele andere sind längst sehr erfolgreich in Afrika tätig.

Der Titel dieses Leitartikels, eine Verballhornung des Titels der Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ von Peter Handke, ist nicht ernst gemeint. Natürlich braucht der Globale Norden keine Angst vor dem Globalen Süden zu haben. Weder beim Fußball noch in der Wirtschaft. Die Leistungen von Marokko, Ghana, Kap Verde, Paraguay und Co sollten die ganze Welt begeistern.

Robert Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.