Sich fürchten, wegducken, auf den Weltuntergang warten. Ist das die Lösung in all der Unsicherheit?

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Es ist kein Wunder, wenn man gegen Ohnmachtsgefühle kämpft oder mutlos wird in dieser Zeit. Die alten Gewissheiten sind futsch, die Selbstverständlichkeiten haben sich aufgelöst. Unsere Informationsquellen sprudeln über mit beunruhigenden und verwirrenden Botschaften. Was stimmt, was stimmt nicht, wo wird man manipuliert, wo kennt man sich schlicht nicht aus? Was muss jetzt entschieden werden, was hat Zeit? Gefühlt ist man rund um die Uhr damit beschäftigt, die tägliche Problemwelle zu sichten und zu bewältigen. Im schlimmsten Fall endet man beim Studium einer digitalen oder analogen Gebrauchsanweisung. Samt Instant-Erschöpfungsdepression.

Die Zukunftsforscher meinen, vor lauter permanentem Krisenmanagement verschwinde die Zukunft. In der allgemeinen Rastlosigkeit gäbe es keine Aufmerksamkeit mehr für längerfristige Vorhaben, Konzepte, Strategien. Der Raum des Gestaltbaren schrumpft. Und damit auch unser Wille zum Gestalten. Wir werden verführbarer, gefügiger, apathischer. Leichte Beute für die US-Techno-Manipulatoren, Russlands Wirklichkeitsverdrehungen und die Propaganda ihrer willfährigen Hilfsarbeiter in vielen europäischen Ländern.

Und doch: Die Realität gibt auch ganz andere Lebenszeichen. Immer mehr Menschen engagieren sich. Meist still und leise. Das Gewebe der Zivilgesellschaft wird dichter. Während staatliche und öffentliche Institutionen es oft nicht schaffen, ihre Schwerfälligkeit abzuschütteln, blühen die kleinen privaten Mutmacher-Initiativen bei Jung und Alt. Die einen setzen sich ein für Bewusstseinsarbeit gegen Desinformation, die anderen organisieren Nachbarschaftshilfe auf Gemeindeebene. Es gibt solche, die ihre Türen öffnen für Geflüchtete oder Demokratie-Dialoge. Und jene, die neue Netzwerke zur Bekämpfung von Antisemitismus oder grenzüberschreitende Kulturereignisse aufgleisen. Manche schreiben Bücher, die ihre sicherheitspolitisch träge gewordenen Mitbürger aufrütteln sollen, andere bemühen sich, in öffentlichen Debatten verfestigte Denk-blasen einen Spalt weit zu öffnen. Während die klassischen Medien unter Druck kommen, entstehen neue faktentreue investigative Formate, die den öffentlichen Diskurs mit spannenden Erzählformen anreichern.

Jammern und Weltuntergang war gestern. Heute nimmt man die Dinge in die Hand, arbeitet gemeinsam mit Partnern an Lösungen, freut sich auf morgen. 

Dazu sprießen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst Start-ups wie Schwammerln aus dem Boden. Mit Blick auf die europäische Wettbewerbsfähigkeit – zwei aktuelle Beispiele, wie Spitzenforschung in nachhaltige wirtschaftliche Wertschöpfung umgesetzt werden soll: In Villach ruft Silicon Austria Labs Chefin Christina Hirschl das CHAMP-ION-Konsortium zu seiner internationalen Eröffnungsveranstaltung zusammen. Führende Interessenvertreter aus dem europäischen Ökosystem der Quantentechnologien sollen eine vollständige europäische Wertschöpfungskette für Ionenfallen-Chips entwickeln.

Zweites Beispiel: In der Pariser Nationalversammlung erklärt Arthur Mensch, der Chef von Mistral AI (Artificial Intelligence), die Partnerschaft mit dem Linzer Deep- Tech-Start-up EMMI AI als wichtigen Schritt zu größerer europäischer AI-Eigenständigkeit in der Industrie. Gemeinsames Ziel ist ein führender AI-Stack für das Design und den Bau der nächsten Generation von Flugzeugen, Fahrzeugen und Halbleitern. Johannes Brandstetter, Co-Gründer von EMMI, übernimmt bei Mistral die Verantwortung für den Bereich KI für wissenschaftliche und industrielle Anwendungen. Linz wird ein offizieller Mistral-Standort wie Paris, London, Amsterdam, München, San Francisco und Singapur.

Wer die Augen aufmacht, sieht Bewegung allenthalben. Die Europäer sind nicht nur aufgewacht, sie legen sich auch ordentlich ins Zeug. Jammern und Weltuntergang war gestern. Heute nimmt man die Dinge in die Hand, arbeitet gemeinsam mit Partnern an Lösungen, freut sich auf morgen. Und lässt sich die Schneid nicht abkaufen.

Die Europäer sind Baumeister, immer schon, und Weltmeister in praktischen Anwendungen. Bodennähe schafft Zukunft. Den finsteren Dystopien ihrer amerikanischen Verwandten und dem blutgetränkten russischen Imperialismus setzen sie ein praxistaugliches Prinzip entgegen: gnadenlose Konstruktivität.

Ursula  Plassnik

Ursula Plassnik

Ursula Plassnik war österreichische Außen- und Europaministerin von 2004 bis 2008.