Klimaanlagen-Blockade: Der Amtsschimmel schwitzt halt nicht
Haben Sie die letzte Hitzewelle in einem gut gekühlten Büro oder im klimatisierten Wohnzimmer mit heruntergelassener Außenjalousie verbracht? Dann gratuliere zu diesem Privileg. Für unsere Kellner, Gärtnerinnen und Bauarbeiter, die im Freien arbeiten, für unsere Kinder, die stundenlang bei 35 Grad Celsius Raumtemperatur in der Klasse saßen, für Studentinnen, die schwitzend die letzten Prüfungen vor den Sommerferien geschrieben haben, für ältere Menschen in vielen Pflegeheimen und für unzählige Mieterinnen und Stadtbewohner ohne Kühlgerät war es eine unerträgliche Woche.
Die nächste Hitzewelle wird genauso unerträglich. Sie kommt bestimmt und bestimmt sehr bald, es ist erst Anfang Juli. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass unsere Sommer heißer werden, und uns am besten so schnell wie möglich daran anpassen. Denn Hitze gefährdet nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unseren Wohlstand und unsere Produktivität. Die „International Labour Organisation“ der Vereinten Nationen rechnet mit einem hitzebedingten, weltweiten Rückgang der Arbeitsstunden von 2,2 Prozent bis 2030. Das sind immerhin 80 Millionen Vollzeitjobs, die wegen der brütenden Hitze verlorengehen. Wenn an ohnehin heißen Tagen die Temperatur um ein weiteres Grad Celsius steigt, sinkt die Produktivität in Industriebetrieben um zwei bis vier Prozent, rechnete die Weltbank 2024 vor. Dabei muss man nicht einmal am Stahlofen stehen. Es reicht, wenn man zu Hause wegen der Hitze kaum schlafen konnte.
Auf Temperaturen nahe der 40-Grad-Marke sind wir nicht vorbereitet. Die empirische Evidenz dafür liefert jeder Spaziergang durch jede österreichische Stadt: viel zu wenig Bäume und unversiegelte Grasflächen. Keine Jalousien oder Rollläden vor den Fenstern. Keine Klimageräte an den Hausfassaden. Und das wird noch länger so bleiben.
Wer eine leistungsstarke Klimaanlage mit Außengerät in einem Mehrparteienhaus in der Stadt installieren möchte, braucht die Zustimmung seines Vermieters und aller anderen Wohnhausbewohner. Bei baulichen Änderungen – vor allem an der Fassade – muss auch noch die Baubehörde zustimmen. Und die tut das ganz oft nicht, wenn das Gerät das Straßenbild stört oder gar an einer Fassade aufgehängt wird. Wenn auch nur ein Nachbar keine Klimaanlage drei Stockwerke weiter oben haben will, sitzt man wieder bestenfalls vor der heißen Brise des Ventilators. Außenjalousien stören aus Sicht der Bewilligungsbehörden auch ganz oft das Straßenbild oder die denkmalgeschützte Fassade.
An Tagen und Nächten jenseits der 30 Grad in den Wohn- und Schlafräumen wird es den Hausbewohnern sehr bald egal sein, ob eine Klimaanlage das Straßenbild oder die Hausfassade verschandelt. Dem Bauamt sollte das langsam auch egal werden.
An den gleichen Hürden scheiterten schon unzählige Bewohner von Mehrparteienhäusern, die am Höhepunkt der Energiekrise versucht haben, Wärmepumpen, Solarpaneele oder Balkonkraftwerke zu installieren. Es ist streng genommen nicht einmal erlaubt, einer Schulklasse einen Ventilator zu schenken. Den Kindern ist es nämlich zuzumuten, stundenlang in geschlossenen Räumen jenseits der 30 Grad zu sitzen, aber nicht, ein „schulfremdes“ Gerät aufzustellen.
Wie unkooperativ unsere Bürokratie sein kann, zeigt auch der Wiener Gemeindebau. Wiener Wohnen ist für die Verwaltung und Vermietung der 220.000 Gemeindewohnungen in den 1.800 Gemeindebauten der Stadt Wien zuständig. Eine profil-Recherche aus dem Vorjahr ergab: Von 2020 bis 2025 wurden gerade einmal 100 Klimageräte genehmigt, aus gesundheitlichen Gründen. Sechs von sieben Anträgen wurden abgeschmettert. Unserer Bürokratie ist der Klimawandel egal.
Der für Wohnagenden zuständige Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hat nun wegen der extremen Hitze „Anpassungen des Mietrechtsgesetzes und des Wohnungseigentumsgesetzes“ versprochen. Bevor die nächste Reform im zähen Bürokratie-Dickicht zerrieben wird, sollte eines klar sein: An Tagen und Nächten jenseits der 30 Grad in den Wohn- und Schlafräumen wird es den Hausbewohnern sehr bald egal sein, ob eine Klimaanlage das Straßenbild oder die Hausfassade verschandelt. Dem Bauamt sollte das langsam auch egal werden.