„Wien hält Geflüchtete künstlich in der Arbeitslosigkeit“
Ich war als Hotelière in Wien eine begeisterte Arbeitgeberin für geflüchtete Menschen aus Syrien und Afghanistan – und wir waren immer stolz auf unser diverses, engagiertes Team. Gerne erinnere ich mich an drei unserer Lehrlinge aus Afghanistan, Marokko und dem Iran.
Weil diese Zusammenarbeit – nicht nur bei uns – so gut funktionierte, haben wir gemeinsam mit dem damaligen, mittlerweile leider verstorbenen Sozialminister Rudi Hundstorfer nach der Flüchtlingswelle 2015 Wege gesucht, Geflüchtete aus Wien in die westösterreichische Ferienhotellerie zu vermitteln. Er wusste: Da gibt es Bedarf an Arbeitskräften, dort viele Arbeitslose – ein „perfect match“. Was haben wir uns geirrt. Zehn Jahre lang versuchte das AMS Wien, Menschen zu bewegen – erst von Wien in den Westen, und dann dazu, eine Stelle dort anzunehmen.
Klar, Wintersaison ist nicht nur Ski, Natur und Jagatee, sie bedeutet auch harte Arbeit und tolle Leistungen. Aber nicht die Arbeit im Westen war oder ist das Problem. Sondern die Art, wie Wien mit Flüchtlingen umging und umgeht.
Natürlich hängt auch vieles an der Community. Bis Netzwerke wachsen, dauert es. Es muss sich erst herumsprechen, dass der Verdienst in der Saisonhotellerie viel besser ist als in anderen Unternehmen für vergleichbare Positionen (selbst wenn man die meist kostenlose oder äußerst günstige Unterkunft und Verpflegung zum Mitarbeitertarif nicht berücksichtigt).
Aber die großzügigen Sozialleistungen in Wien spielten eine noch größere Rolle. Sie waren bisher nicht nur höher als in den anderen Bundesländern. Sie waren auch so hoch, dass die Aufnahme einer Arbeit (außer mit guter Ausbildung) unattraktiv war. So hält man Geflüchtete künstlich in Arbeitslosigkeit. Ob sich das durch die jüngsten Kürzungen in Wien ändert? Es wäre zu hoffen. Weil sonst alle Bemühungen in der Vergangenheit umsonst waren.
Das Wiener Eldorado hat all unsere Bemühungen abgeschossen.
Zehn Jahre lange haben wir gemeinsam mit dem AMS so viel versucht, um die Arbeit im Westen schmackhaft zu machen. Aber das Wiener Eldorado hat diese Bemühungen abgeschossen.
So sind zehn Jahre verloren gegangen. Zehn Jahre, in denen Gastronomie- und Hotelbetriebe kaum arbeitswillige Kräfte fanden oder langwierige Ersatzkräfteverfahren durchführen mussten.
Zehn Jahre versäumter Integration samt Einstellung einiger Verhandler, die Arbeit im Westen für zu hart halten und meinen: „Menschen in Skiorten bräuchten psychosoziale Betreuung“ (Originalzitat!) haben unsere Bemühungen mit dem AMS wieder und wieder zurück an den Start geworfen.
Die aktuelle Regierung hat verstanden, dass pragmatische Lösungen – wie die erleichterte Beschäftigung von Arbeitskräften aus Bosnien – zielführender sind. Sie hat die Wirtschaft erhört und erkannt, dass leere Versprechungen wie „Wir versuchen alles, um sie aus Wien hinaus und zu den Betrieben zu bekommen“ oder „Vielleicht können wir ganze Gruppen zum Beispiel im Zillertal ansiedeln“, weder Germknödel servieren noch sauber machen. Es braucht Menschen, die das wirklich umsetzen wollen, und die anderen, die arbeiten wollen.
Diesen Betrieben nun auszurichten, die Regierung hätte mit dem erweiterten Balkan-Saisonkontingent das Projekt zerstört, Flüchtlinge in den Westen zu vermitteln, ist zynisch.
Sie hat endlich eine Lösung für den Tourismus, Österreichs zweitwichtigsten Wirtschaftszweig, gefunden, um den Zustrom an Gästen bewältigen zu können. Denn bis genug Arbeitswillige aus Wien den Weg in den Westen als Saisonarbeiter antreten, wird es noch dauern: Das wurde in den vergangen zehn Jahren gründlich vermasselt.
Michaela Reitterer, langjährige Präsidentin der Hoteliervereinigung (2013 bis 2022), repliziert in ihrem Gastkommentar auf diesen Artikel von Clemens Neuhold. Er beschreibt, dass es in Wien 30.000 arbeitslose Flüchtlinge gibt, während in den westlichen Bundesländern der Tourismus händeringend Arbeitskräfte sucht. Und er stellt die Frage, warum die Regierung neuerdings Tausende Saisonniers vom Balkan ins Land holt, anstatt Flüchtlinge aus Wien in den Westen zu vermitteln.