Arbeitskräftemangel im Tourismus: Saisoniers vom Balkan statt arbeitslose Flüchtlinge aus Wien
Einen Germknödel auf Tisch 7, Abräumen und Aufdecken auf Tisch 12, dazwischen Fachbegriffe und Hygiene-Regeln pauken. In Übungshotels des Arbeitsmarktservice (AMS) bekommen Arbeitslose einen mehrwöchigen Crash-Kurs für die Tourismus-Saison. Sie wären wichtige Drehscheiben für die überregionale Vermittlung von Wien in den Westen. Denn während in Wien die meisten Arbeitslosen leben, darunter 30.000 Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte, suchen Tourismus-Betriebe in Westösterreich händeringend nach Mitarbeitern.
Die neue Balkanroute für Saisoniers
Saison-Kellner oder Hilfsköche brauchen weder eine lange Ausbildung noch perfekte Deutschkenntnisse. Alm, Natur und sicheres Geld statt AMS oder Foodora-Fahren in Favoriten, das wäre integrationspolitisch ein Volltreffer. Vor allem für junge Syrer, Afghanen, Iraker oder Somalier, die familiär noch ungebunden sind.
Doch der Ost-West-Transfer von heimischen Arbeitslosen klappte schon bisher nur in bescheidenem Ausmaß. Nun scheint vollends die Luft draußen zu sein. Indiz dafür ist die Saisonier-Verordnung. Ab heuer dürfen Tourismusbetriebe deutlich mehr Saisoniers aus Drittländern holen.
Über das sogenannte „West-Balkan-Kontingent“ kommen 2500 neue Arbeitskräfte ins Land. Damit steigt die Saisonier-Quote für den Tourismus auf 8000, nach 5000 im Jahr 2025 und 1260 im Jahr 2019. Mittlerweile stammen 60 Prozent der Arbeitskräfte, die im Tourismus arbeiten, aus anderen EU-Ländern oder Drittstaaten, und das bei aktuell 400.000 Arbeitslosen im eigenen Land.
Wenn der Balkan näher liegt als Wien
„Wir vermitteln seit Jahren Wiener Arbeitslose in die Tourismus-Gebiete in Westösterreich“, sagt der Chef des AMS Wien, Winfried Göschl. „Durch das erhöhte Saisonier-Kontingent werden diese Bemühungen deutlich erschwert.“ Denn dadurch hätten die Betriebe mehr Alternativen.
„Tourismus-Arbeitskräfte vom Westbalkan haben nicht selten bereits Praxis in Nachbarländern wie Kroatien gesammelt – passable Deutschkenntnisse inklusive“, sagt Göschl. Außerdem würden sie von Netzwerken zu Landsleuten profitieren, die bereits in Österreich arbeiten.
Stellt man ihnen nun Syrer oder Afghanen gegenüber, die neu im Tourismus sind und weder Schnee noch Hüttenzauber kennen, scheint es nachvollziehbar, dass sich Betriebe tendenziell aus der ersten Gruppe bedienen. Es gebe im Westen zum Teil auch kulturelle Bedenken, „weil die Medien oft ein negatives Bild von muslimischen Flüchtlingen zeichnen“, weiß Göschl aus der Praxis.
Neuer Bedarf für gescheitertes Projekt
Es stellt sich die Frage, ob sich der große Aufwand für die überregionale Vermittlung noch lohnt. Flüchtlinge vom fremden Tourismus-Job überzeugen, vorbereiten, mit Unternehmern in Kontakt bringen, damit diese dann sagen: „Ich nehme lieber den jungen, erfahrenen Hilfskoch aus Bosnien“?
Während die Regierung die Balkanroute für Saison-Arbeitskräfte immer weiter öffnet, steigt in Wien der Druck, eine Gruppe rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die einst über diese Route nach Österreich flüchtete: 10.000 subsidiär Schutzberechtigte. Im Unterschied zu anerkannten Flüchtlingen bekommen sie in Wien ab heuer nur noch 400 Euro statt 1200 Euro Sozialhilfe. In Tirol winken als Hilfskellner 2000 Euro brutto plus Trinkgeld.
Das könnte ein Anreiz sein. Doch mit ihren Saison-Kontingenten macht die Regierung einen Strich durch ihre eigene Rechnung. Sollte die Kürzung der Sozialhilfe nicht die Bereitschaft erhöhen, eine Arbeit aufzunehmen? Selbst oben in den Bergen?