Ingrid Brodnig: Ausgelöscht

Ingrid Brodnig: Ausgelöscht

Es nützt nichts, auf der Facebook-Fansite von Heinz-Christian Strache mit einer Gegenposition zu diskutieren. Das stärkt die Freiheitlichen skurrilerweise sogar.

Was gegen Hass im Netz tun? Viele Bürger versuchen derzeit, digitale Zivilcourage zu zeigen. Sie suchen düstere Orte auf Facebook auf. Einer davon ist die Fanpage von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Was dort an Wiederbetätigung, Verhetzung und übler Nachrede von Usern verbreitet wurde, könnte ganze Gerichtssäle füllen. Die FPÖ lässt viele der hasstriefenden Kommentare stundenlang stehen, darunter etwa:

  • „Hoffentlich ist er tot“
  • „ist er ums leben gekommen?? wenn nicht schade“
  • „DIREKT KOPFSCHUSS ALTER“

Das ist ein Auszug der Kommentare, die sich neulich auf der Strache-Site auf einen jungen Syrer bezogen, der versucht hatte, sich im 10. Wiener Gemeindebezirk von einer Straßenbahn überrollen zu lassen. Oder in die Strom-Oberleitung zu greifen. Der Mann ist mittlerweile in psychiatrischer Betreuung.

Strache teilte das Video des Vorfalls mit dem eigenartigen Kommentar: „Fassungslos!“ Viele seiner Fans schienen nicht über die Verzweiflungstat erschüttert – sondern darüber, dass sie scheiterte: „einfach drüber fahren, den vermisst eh keiner haha :D.“

Dagegen wollten einige Poster antreten und auf der Strache-Site für Empathie plädieren – ein nobles Anliegen, aber leider kontraproduktiv. Widerspruch macht die FPÖ online nur größer, was an der Funktionsweise von Facebook liegt. Ein Algorithmus, also ein
kluges Computerprogramm, entscheidet, welche Postings Menschen eingeblendet
bekommen. Je mehr Nutzer einen Beitrag auf Facebook kommentieren, desto mehr Personen wird dieses Posting in Folge gezeigt. Jede Antwort auf Strache macht dessen
Beitrag noch prominenter im Netzwerk.


Ausgerechnet jene Partei, die sich selbst gerne als Opfer einer „Meinungsdiktatur“ inszeniert, löscht andere Meinungen.

Die FPÖ ist auch deswegen online so erfolgreich, weil sie dieses Feedback geschickt provoziert: Für angriffige Postings oder kontroverse Links erhält die Partei zuerst die „Likes“ und den Jubel der Anhänger, und als Bonus gibt es den Widerspruch der Kritiker. Beides heizt den Facebook-Algorithmus an. Die Nutzer unterschätzen dabei ihre Macht: Denn jede einzelne Wortmeldung hilft der Fanpage der Freiheitlichen. Auch dank des Widerspruchs hat Strache nun schon 420.000 Fans und eine enorme Reichweite. Allein im vergangenen Halbjahr hat er fast 100.000 Fans eingesammelt. Zum Vergleich: Sebastian Kurz, der stärkste Nicht-FPÖ-Politiker, hat 330.000 digitale Anhänger.

Vom ständigen Streit profitiert die FPÖ – es gibt aber noch ein zweites Argument, auf ihrer Seite nicht das Wort zu greifen. Dort ist man dem Gutdünken der Partei ausgeliefert.

Dass die freiheitlichen Moderatoren an keiner ausgewogenen Debatte interessiert sind, sah man im Fall des jungen Syrers. Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner postete zum Beispiel: „Was ist eigentlich los mit euch? Mit den Menschen, die diese Seite betreuen und mit all den Menschen, die hier zu Gewalt aufrufen oder bedauern, dass dieser Mensch nicht getötet wurde. Was ist los? Woher kommt all euer Hass? Warum schreiben Menschen über einen anderen Menschen, den sie nicht einmal persönlich kennen, solche Dinge. Der Mann ist krank. Euer Hass ist es auch.“

Das Posting des Caritas-Generalsekretärs verschwand schnell, während viele harte Wortmeldungen über den Syrer lange stehenblieben. Die FPÖ erklärte dazu im „Kurier“: „Die Facebook-Seite von HC Strache ist keine Darstellungsplattform für Kritiker.“
Wie drollig: Ausgerechnet jene Partei, die sich selbst gerne als Opfer einer „Meinungsdiktatur“ inszeniert, löscht andere Meinungen. Juristisch gesehen ist das erlaubt: Die FPÖ hat das Recht, jegliche Kritik von der eigenen Site zu entfernen. Nicht erlaubt ist allerdings, gemeldete strafbare Inhalte auf der eigenen Fanpage stehen zu lassen. Viele Hasspostings gegen den jungen Syrer löschten die Freiheitlichen erst am nächsten Tag.


Demokratiefähigkeit bedeutet, selbst mit Andersdenkenden diskutieren zu können.

Und auch Facebook versagte. Das Posting „DIREKT KOPFSCHUSS ALTER“ stufte die Plattform zum Beispiel nicht als „Verherrlichung drastischer Gewalt“ ein. In solchen Momenten fragt man sich: Wie drastisch muss eine Aussage werden, damit sie rasch gelöscht wird? Die Staatsanwaltschaft Wien prüft nun auf eigene Inititative viele Postings von Strache-Fans – etwa ob sie Verhetzung begingen. Gleichzeitig haben 15.000 Bürger eine Onlinepetition auf aufstehn.at unterschrieben und fordern ein strengeres Vorgehen des Justizministeriums.
Der Hass im Netz scheint zu wachsen – jedoch auch der Widerstand dagegen. Es ist richtig, weiterhin das Gespräch mit aufgebrachten FPÖ-Sympathisanten zu suchen.

Demokratiefähigkeit bedeutet, selbst mit Andersdenkenden diskutieren zu können. Allerdings ist die Fanpage von Heinz-Christian Strache kein Ort, wo diese Demokratiefähigkeit hochgehalten wird.