Militärintervention in Venezuela, Übernahmedrohungen gegen Grönland, Kuba, Kolumbien. Rückzug aus 66 internationalen Organisationen. ICE erschießt Mutter. Eingreifen der USA im Iran? Hypnotischer Nachrichtensog in den Abgrund der wachsenden Weltunordnung.Was sind Deutungsmuster und vor allem: Was nun?

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„Weihnachten. Raum für Aufmerksamkeit füreinander. Wir leben in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit die knappste Ressource ist.“ So hatte ich meine Weihnachtskolumne eingeleitet. Falschgelegen. Nachrichten checken vor dem Aufstehen. Social-Media-Newsfeed als Begleitmusik des Tages. Vor dem Schlafengehen noch schnell CNN. „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat ein einzelner Mensch so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen“, schreibt Bernd Ulrich in der „Zeit“.

In Analysen internationaler Medien dominieren die strategischen Bewertungen: Folgen der unverhohlenen Abwrackung des Völkerrechts, die exponierte Zukunft der NATO, die beschleunigte Aushebelung der Kontrollinstanzen in den USA, die Frage nach der Strategie der Make-America-Great-Again-Bewegung angesichts absehbarer Verluste und bröckelnder Loyalität in der Republikanischen Partei (oder dem, was von ihr übrig ist).

Und dann gibt es eine andere, personenzentrierte Dimension. „Von wegen Öl. Die Ressource, um die es Trump wirklich geht, steckt nicht im Boden, sondern in unseren Köpfen: Aufmerksamkeit“, formuliert Ulrich. Trumps größte Fähigkeit war immer die Dominanz der öffentlichen Wahrnehmung, das Bestimmen des Nachrichtenzyklus. Die Strategien machen und exekutieren andere im Windschatten. Aber wo die Musik spielt, bin ich, nur ich, und wo ich bin, spielt die Musik. Spot on … me.

Wir sehen einen Mann in seiner Großartigkeitstrance, dessen Kräfte persönlich und politisch sichtbar schwinden. Die Zeit rinnt, der Zenit ist überschritten. „Make America Great Again“ war Kampfruf und Versprechen, Bewegung und völlige Unterwerfung einer Partei. (Sidestep: Auch in Europa gibt es Beispiele, wo konservative Parteien von rechtspopulistischen Bewegungen ersetzt wurden – auch hier nicht zum Wohle unserer Demokratie.)

Trump folgt keiner konsistenten Ideologie. Es scheint mehr ein archaischer Impuls: Geld bringt Macht, Macht bringt Geld. Beides bringt Aufmerksamkeit.

Doch wo ist Greatness für die Geschichtsbücher? Ein Wurmfortsatz am Schild des Kennedy-Centers, ein cäsarischer Triumphbogen, der größte Ballsaal in Gold? Eine „Big Beautiful Bill“ als legislatives Erbe? Oder kommt noch mehr? Ein 51. Bundesstaat, Grönland, mit Aussicht auf Bodenschätze für die Old-Industry-Geldgeber, Kuba als Upgrade zur Seniorenresidenz Florida mit Entwicklungspotenzial für die Immobilienbuddies? Alles mit kassenklingelnder Begleitmusik für das eigene Familienbusiness? Die Uhr tickt jedenfalls für den Stein in der Krone des nationalen Gedächtnisses.

Trump folgt keiner konsistenten Ideologie. Es scheint mehr ein archaischer Impuls: Geld bringt Macht, Macht bringt Geld. Beides bringt Aufmerksamkeit. Wer die Regeln bestimmt und vor allem täglich die Regeln bricht, hat absolute Aufmerksamkeit. Und wo Kaufen nicht reicht: „Grab it“ – und johlend heim in die Höhle.

Wir erleben das dynamische Hochkochen eines wilden Mischmaschs von Leadership aus der Steinzeit und Ideologien des 19. Jahrhunderts, systematisch angetrieben von Thinktanks und Oligarchen, die von Rechtlosigkeit und konkurrierenden Kleinstaaten profitieren.

Manche Entwicklungen der letzten Wochen sind irreversibel. Was noch kommt in diesem entscheidenden Jahr 2026? Offen. Was nun?

Wir müssen uns jedenfalls lösen von der hypnotischen Anziehungskraft des Nabels der Weltunordnung. Unser Europa wird ein anderes werden müssen. Es war und ist erfolgreich, aber nicht resilient und zu langsam. Wer sind wir morgen, und wer wollen wir im internationalen Powerplay übermorgen sein? Europa wird vom organisch wachsenden Integrationsprojekt zum demokratisch kontrollierten Machtprojekt werden müssen.

Das verlangt andere Entscheidungsabläufe und die Bereitschaft, politische Preise im eigenen Land zu zahlen und bei der Bevölkerung darum zu werben. Österreich hat hier einen besonders weiten Weg. Unsere Lieblingsrolle in der EU ist jene des Trittbrettfahrers im Kommentarmodus, meist unterm Tisch, wenn es heikel wird. Das Freihandelsabkommen Mercosur war wieder ein wunderbares Beispiel. Es hat sich ereignet, kam über uns wie das Weihnachtswunder. Das reicht nicht mehr für Österreich in Europa und unser Europa in der Weltunordnung.

Stefan Wallner

Stefan Wallner

war Generalsekretär der Caritas Österreich und von 2009 bis 2016 Generalsekretär der Grünen. Danach war er bis 2020 Head of Brand Management and Company Transformation bei der Erste Group. Heute ist er Geschäftsführer des Bündnis für Gemeinnützigkeit – der 2022 gegründeten Interessenvertretung des gemeinnützigen Sektors und der Freiwilligenorganisationen.