Der nächste Tag
Im Gegensatz zu Videospielen haben Kriege keinen Escape-Button. Selbst wenn der Angreifer einen Krieg für beendet erklärt, ist er deswegen noch lange nicht vorbei. Gewalt und Zerstörung gehen weiter. Die USA haben in Tatgemeinschaft mit Israel den Iran angegriffen. Es ist Trumps Krieg der Wahl: politisch plan- und ziellos, höchst kostspielig, ohne Exit-Strategie. Es wird Trumps Niederlage werden. Die MAGA-Basis will keinen neuen Nahost-Krieg, keine toten US-Soldaten, keine Energiekrise. Wer wählt schon im November bei den US-Midterm-Wahlen einen Verlierer?
Dem Iran ist es gelungen, den Konflikt militärisch auf die Golf-Nachbarn und durch die Hormus-Sperre auf die Weltwirtschaft auszudehnen. Wer auf fossile Energie setzt, hat das Nachsehen. Die Golfstaaten fürchten um ihr Geschäftsmodell. Selbst die USA, die weltgrößte Militärmacht, können die über Jahrzehnte mit Gewalt und Korruption verfestigten Strukturen der Islamischen Republik nicht einfach wegbomben. An Zynismus kaum zu überbieten ist die Aufforderung an die blutig unterdrückte iranische Bevölkerung, „den Rest zu erledigen“, also mitten im US–Bombenhagel ihr Regime zu stürzen.
Israel hingegen verfolgt eine klare Strategie. Schritt für Schritt wird jegliche vom Iran ausgehende Gefahr – Atomprogramm, Raketen, regionale Stellvertreter - systematisch zerstört. Gezielte Tötungen und Bomben im Iran und im Libanon. Eine Million vertriebene Libanesen. Die schleichende Annexion der Westbank. Die Vernichtung der Hamas-Führung, im Gazastreifen 80.000 Tote, aber kein Zukunftsplan. Es bleibt bittere Wahrheit, dass der israelische Staat am 7. Oktober 2023 seine Bürger nicht schützen konnte vor den bestialischen Terrorattacken aus dem Gazastreifen. Zwei Jahre hat Israel bei vollständiger Lufthoheit gebraucht, um den Gazastreifen unter Kontrolle zu bringen. Der Iran ist 4600 Mal so groß, topografisch hoch kompliziert und liegt nicht vor der Haustür.
Im ersten US-Bombenhagel wurde nicht nur der oberste geistliche Führer des Iran getötet, sondern auch mehr als 160 Schulmädchen.
Auf den ersten Blick sehen die israelisch-amerikanischen Luftschläge faszinierend präzise aus. Sind sie das wirklich? Im ersten US–Bombenhagel wurde nicht nur der oberste geistliche Führer des Iran getötet, sondern auch mehr als 160 Schulmädchen. Ja, die gewalttätigen Teheraner Theokraten sind „die Bösen“. Aber macht das ihre Angreifer automatisch zu „Guten“? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Gibt es einen gerechten Krieg? Eine Rechtfertigung für Tyrannenmord? Es sind uralte Fragen der Menschheitsgeschichte, die hier aufkommen und mit den Waffen des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden.
Am lautesten und schnellsten verurteilt hat den Angriff der Kriegsverbrecher Putin, der selbst seit mehr als vier Jahren einen mörderischen Angriffskrieg gegen den Nachbarn Ukraine führt. Mit mehr als 1,5 Millionen Opfern. Keines seiner Kriegsziele hat er erreicht, weder die „Entnazifizierung“ der Ukraine noch die Tötung ihrer politischen Führung oder die Zerstörung ihrer staatlichen Existenz. Putin steckt fest in einem Krieg seiner Wahl. Jetzt coacht er die iranische Führung im Krieg gegen die USA und Israel. Und wird – welcher Hohn - durch emporschnellende Ölpreise, ausgesetzte US-Sanktionen und die Umverteilung von Luftabwehrraketen zum multiplen Kriegsgewinnler.
Trotzdem: Für Trump hätten die kapitalen Fehleinschätzungen seines russischen Imperialisten-Kollegen eine Warnung sein sollen. Wenn er schon die verlorenen US-Kriege im Irak und Afghanistan nicht als Lehrmaterial versteht. Auch Trump hat bisher keines seiner Kriegsziele erreicht. Dafür aber eine weltweite Ölkrise ausgelöst, die Sicherheit seiner Golffreunde kompromittiert und die eigene Machtbasis zerrüttet.
Die Stärke des Westens sei seine konstruktive Lernfähigkeit bei der Umsetzung seiner Werte, so Heinrich August Winkler, der große deutsche Historiker. Europa tut gut daran, sich nicht unter amerikanischem Druck vor den Karren des Iran-Krieges spannen zu lassen und ihn so zum „Krieg des Westens“ zu machen. Zusammenwirken nur dort, wo es unmittelbar um die Verteidigung europäischer Interessen geht, und auch dann nur gemeinsam, etwa in der EU-Mission „Aspides“ zum Schutz des Schiffsverkehrs im Roten Meer und im Golf von Aden.
Als Treuhänder der westlichen Werte darf sich Europa nicht beirren lassen. Verhandlungslösungen sind besser als Gewalt. Berechenbarkeit wichtiger als Zügellosigkeit. Ordnung und Recht kein liberaler Luxus, sondern Voraussetzung für dauerhaft faire und erfolgreiche Gesellschaften.