Paare sind maximal so lange gleichberechtigt, bis sie ein Kind bekommen. Warum viel mehr Väter in Karenz gehen sollten – und alle davon profitieren würden.

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Wir erzählen uns gern die Geschichte vom Fortschritt in der Gleichberechtigung. Von Frauen, die längst die Universitäten dominieren, Unternehmen führen und – zu langsam, aber doch – in politische Machtpositionen drängen. Wir sprechen von einer Gesellschaft, in der Frauen heute alle Chancen offenstehen. Das meiste davon ist richtig.

Doch dann bekommen Paare ein Kind. Und plötzlich sieht vieles wieder erstaunlich vertraut aus. Vertraut wie im vorigen Jahrhundert.

Kaum irgendwo halten sich traditionelle Rollenbilder so hartnäckig wie bei der Frage, wer für die Betreuung der Kinder verantwortlich ist. Und kaum irgendwo profitieren Männer so sehr von diesem Traditionalismus.

Neun Tage. So lange bleibt der durchschnittliche Vater in Österreich bei seinem ersten Kind in Karenz. Neun Tage. Das ist bitter für die Kinder, gefährlich für die Frauen und peinlich für die Männer.

Währenddessen pausieren Mütter im Schnitt 418 Tage. Sie reduzieren Stunden, verschieben Karrieren, verlieren Einkommen und bezahlen das später mit niedrigeren Pensionen. Was müsste sich eine Mutter anhören, bliebe sie nach der Geburt nicht daheim? Beim Vater geht man noch immer großmütig davon aus, dass seine Aufgabe anderswo liegt.

Das gängigste Argument lautet: Männer verdienen eben mehr. Also sei es nur vernünftig, wenn sie weiterarbeiten.

Die wichtigere Frage wäre eine andere: Was verdient das Kind? Zwei Elternteile, die da sind. „Da sein“ bedeutet mehr, als Rechnungen zu begleichen. Das muss selbstverständlich jemand tun – aber zwei, drei oder auch sechs Monate Karenz halten heute niemanden dauerhaft von einer beruflichen Laufbahn ab. Und sie sind in vielen Familien finanziell zu bewältigen.

Freilich müssen auch die Betriebe mitspielen. Gerade in männerdominierten Branchen berichten Väter immer wieder von subtilen Signalen, dass eine Karenz der Karriere nicht unbedingt zuträglich sei. Wer sich dennoch dafür entscheidet, kann sich im Zweifel immerhin auf seinen Rechtsanspruch berufen.

Das hier soll keine Wutschrift gegen Drückeberger sein, sondern ein Mutmacher für Männer, die bald Väter werden.

Denn Papas sind heute präsenter als früher. Man sieht sie auf Spielplätzen, in Kindergärten und als Fahrtservice zu den Freizeitaktivitäten ihrer Kinder. Sie können das offensichtlich gut. Umso erstaunlicher ist, wie selten sie selbst ein paar Karenzmonate übernehmen.

Dabei liegen die Vorteile von Väterkarenzen auf der Hand: eine engere Bindung zum Kind, eine partnerschaftlichere Aufteilung der Verantwortung und für die Mutter die Chance, schneller beruflich wieder Tritt zu fassen – was übrigens mittelfristig auch dem Haushaltseinkommen zugutekommt. Schließlich verdienen Frauen selbst zwölf Jahre nach der Geburt ihres Kindes im Schnitt weniger als davor. Ganz egoistisch könnten Väter die Karenz auch als kurze berufliche Auszeit sehen – nicht minder fordernd, aber unendlich bereichernd.

Noch nie war die gesellschaftliche Akzeptanz für Väterkarenzen größer. Noch nie standen Eltern so viele Modelle offen wie heute. Und auch wenn das Angebot an Kinderbetreuung regional noch immer ausbaufähig ist, gab es noch nie so viele Möglichkeiten für einen früheren Wiedereinstieg in den Beruf. Insbesondere in Städten.

Und dennoch rührt sich die Statistik über die tatsächliche Beteiligung der Männer kaum.

Vielleicht reicht es nicht, nur zu appellieren. Viele nordische Länder, in denen Väter besonders lange in Karenz gehen, setzen auf sogenannte Use-it-or-lose-it-Modelle: Für beide Elternteile sind eigene, bezahlte Karenzmonate reserviert. Werden sie nicht genutzt, verfallen sie.

Österreich kennt ein solches Prinzip bereits – allerdings nur in sehr abgeschwächter Form. Wenn Väter nicht in Karenz gehen, verlieren Familien derzeit lediglich zwei Monate Anspruch. Der finanzielle Druck, die Karenz tatsächlich aufzuteilen, bleibt daher überschaubar.

Mit politischem Willen ließe sich das ändern, sollte die Entwicklung weiter stagnieren. Doch wir wissen alle, welcher Einwand gegen Vorschläge wie diese vorgebracht wird: Das steht nicht im Regierungsprogramm. Stimmt natürlich.

Vorerst bleibt daher nur ein Hebel für Veränderung: ein Umdenken der Männer.

Schaffen wir das?

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.