Michael Nikbakhsh: Tagebuch eines Sparers

Michael Nikbakhsh: Tagebuch eines Sparers

Aus dem Leben eines altmodischen Sparers.

5. Juni
Liebes Sparbuch. Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen
mit Wirkung vom 11. Juni von nullkommawenig auf nullkommanochweniger gesenkt. Frage mich, wie die systemrelevante Bank ­meines Vertrauens reagieren wird. Sie hat mir eine Online-Sparkarte verkauft, welche den Begriff „Erfolg“ im Produktnamen trägt. Echt ­keine Übertreibung. Bei den 0,125 Prozent (täglich fälliges und also variabel verzinstes Geld; man weiß ja nicht, wann man’s braucht, wenn man’s braucht), die ich derzeit per annum bekomme, kann ich bereits erfolgreich den Boden sehen.

11. Juni
Bekomme noch immer 0,125 Prozent. Bin überrascht. Habe
eine ­Rechnung angestellt. Bin nicht überrascht. Würde ich jetzt zum Beispiel 1000 Euro geradeaus anlegen, liefen mir am Ende eines ­Jahres 1,25 Euro an Zinsen zu. Vor 25 Prozent Kapitalertragsteuer. ­Danach wären es (zu meinen Gunsten gerundete) 94 Cent. Weil ich – altmodisch, wie ich bin – quartalsweise Sparkartenkontopost bekomme, verrechnet mir die ­systemrelevante Hausbank ein Mal im Jahr „Porto“. Derzeit 2,17 Euro (2011 waren es übrigens nur 1,08 Euro; Portopreissteigerung seither also 101 Prozent). Zinsen minus KESt minus Porto ergibt ein effektives Minus von 1,23 Euro. Aus 1000 Euro würden damit 998,77 Euro. Vor Inflation. ­Danach blieben (ausgehend von nicht ganz zwei Prozent) real überhaupt nur etwa 981 Euro.

12. Juni
Liebes Sparbuch. Habe mir jetzt auch ausgerechnet, was ich bei – noch – 0,125 Prozent ein Jahr lang einlegen müsste, nur um die Portokosten zu verdienen. Komme auf etwa 2350 Euro.

13. Juni
Postweg ist erst einmal gestrichen.

michael.nikbakhsh@profil.at