Alle vier Jahre wieder
1. Aktuell sollen die USA wegen ihres Militäreinsatzes in Venezuela von den Olympischen Winterspielen ausgeschlossen werden. Schließlich dürften ja Russlands Athleten infolge der Sanktionen seit dem Angriffskrieg in der Ukraine auch nur unter neutraler Fahne und nicht in Mannschaften antreten. Doch ist bereits die Quellenangabe zu den Ausschlussforderungen kurios.
2. Deutschsprachige Medienberichte gehen offenbar auf Meldungen der deutschen sowie der österreichischen Presseagentur zurück. Was da bei dpa und APA seltsam ist? Es ist nur von „vereinzelten Rufen“ eines Ausschlusses der USA zu lesen, ohne Ross und Reiter zu nennen. Von der Beantwortung der journalistischen W-Fragen – also wer hat das wann, wo und wie gesagt – keine Spur.
3. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte mit der Ablehnung eines Ausschlusses, den vielleicht irgendwer irgendwann irgendwo in den sozialen Medien verlangt hat. Der Vergleich mit Russlands Überfall, Truppeneinmarsch und Kriegsverbrechen gegen die Ukraine hinkt zudem gewaltig.
4. Unabhängig davon widerspricht Donald Trumps Verhalten natürlich trotzdem und überhaupt – nicht nur bei der Entführung eines korrupten Diktators für Öl und Geld – gleichermaßen dem Völkerrecht wie auch den Regeln aller Sportverbände. Das Problem des IOC liegt auf der Hand: Fängt man an, kriegerische Handlungen setzende Staaten und Nichtdemokratien auszuschließen, wären rund 100 und somit die Hälfte der weltweit denkbaren Teilnehmerländer aus der Olympiabewegung raus.
5. Vor allem jedoch hat sich das IOC nie für die allergrößte Schandtat seiner Geschichte entschuldigt. 1936 wurden in Berlin sehenden Auges Olympische Sommerspiele abgehalten, die nichts anderes waren als das Propagandaspektakel eines Massen- und Völkermörders. Kaum waren 1933 Adolf Hitler und seine Nazis an die Macht gekommen, bekannte sich das IOC einstimmig zu den Berliner Spielen.
Nichts veranschaulicht das Elend von olympischen Ausschluss- und Boykottdiskussionen besser als die Historie. Von sportbegeisterten Medien über auch Österreichs Sportszene bis hin zum IOC wird nicht einmal aufgearbeitet, was man früher alles falsch gemacht hat.
6. Später schaffte es deren Verschiebung oder Verlegung nicht einmal mehr als Thema auf die olympische Tagesordnung. Obwohl es vor den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen im Februar 1936 Schilder wie „Vorsicht! Scharfe Kurve! Juden 100 Stundenkilometer!“ gab. Nur seitens der USA wurde eine Einmann-Kommission nach Berlin entsandt.
7. Der Kommissar hieß Avery Brundage und wurde später IOC-Präsident. Davor hatte er Boykottdrohungen der American Athletic Union (AAU) abgelehnt und sah die Berliner Spiele als Förderung „internationaler Freundschaft und des Verständnisses der Menschheit“. Juden würde – Brundage zufolge – in Deutschland kein Unrecht geschehen, sein eigener Verein in Chicago nehme schließlich auch keine Juden oder Schwarze auf. Brundage verwendete das N-Wort.
8. Die Kommission namens Brundage war für die Spiele in Berlin, nachdem man in einem Berliner Luxushotel mit hohen NSDAP-Beamten und von diesen vorgeführten Gesprächspartnern konferiert hatte. Der deutschen Sprache war der gute Avery nicht mächtig. Am Ende gab es dennoch einen Ausschluss: Der deutschstämmige US-Amerikaner Ernest Lee Jahncke, der in zwei offenen Briefen einen Boykott der Spiele befürwortet hatte, wurde 1936 aus dem IOC ausgeschlossen.
9. Ohne Gegenstimme. Jahnckes Briefworte über die „Liebe zu einem früheren Deutschland“ und seine „Ergebenheit für einen demokratischen Sportsgeist“ lösten im IOC offiziell „Empörung über den Verrat der Interessen des Komitees und über den Verstoß gegen die guten Sitten“ aus. Nachfolger Jahnckes im IOC wurde – Avery Brundage.
10. Sie kannten diese Geschichte bisher nicht? Nichts veranschaulicht das Elend von olympischen Ausschluss- und Boykottdiskussionen besser als die Historie. Von sportbegeisterten Medien über auch Österreichs Sportszene bis hin zum IOC wird nicht einmal aufgearbeitet, was man früher alles falsch gemacht hat. Folgerichtig wird auch in der Gegenwart keine vernünftige Sachdiskussion über das Verhältnis von Sport und Politik stattfinden.