Müssen wir übers Skifahren streiten?

Es ist wieder so weit. Im Winter wird das Skifahren zum heiligen Gral der heimischen Sportberichterstattung. Die Meinungen dazu schwanken zwischen Verherrlichung und Verteufelung. Sachdebatten sind leider Fehlanzeige.

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1. Ich sitze an Sonntagen mit leuchtenden Augen vor dem Fernseher. Sehe ich da die ORF-„Pressestunde“? Nein. So viel Enthusiasmus habe ich bei Politikerauftritten nicht. Ich bin vielmehr ein Skisportfan. In meinem Umfeld ist das aber gesellschaftlich nur bedingt anerkannt. Wenn Daniel Tschofenig, Jan Hörl und Stefan Kraft aus 134 Meter Turmhöhe vom Berg Isel – Kopf voran und mit Blick auf den Innsbrucker Friedhof – springen, wird das bewundert.

2. Schaue ich jedoch alpinen Skiläufern zu, gehen die Wogen hoch. Berechtigte Kritikpunkte sind hohe Preise und die Umwelt. Zeiten wie jene von Albertville 1992 sollten Geschichte sein. Damals wurde für die Olympischen Spiele eine Abfahrtsstrecke in den Berg gesprengt, obwohl es ganz nahe in Val-d’Isère eine bewährte Weltcupstrecke gab.

3. Doch warum gilt man in Wien schon als Intellektueller, sobald man salonfähig über Skifahrer meckert? Verfehlt ist jedenfalls der einem Pawlowschen Reflex gleichende Hinweis, dass bloß eine Handvoll Nationen das Skifahren professionell betreiben. Na und? Es ist schlau, sich als Kleinstaat für Sportsiege auf etwas zu spezialisieren, wo man nicht wie beim Fußball oder in der Leichtathletik mit über 200 Ländern konkurriert.

4. Auf den Fidschi-Inseln konzentriert man sich auf Rugby und gewann olympisches Gold. Sollen die Insulaner stattdessen versuchen, die besten Abfahrer zu haben? Müssen die Holländer aufhören, sich im Winter auf das Eisschnelllaufen zu fokussieren, um mit Marcel Hirscher Schneehänge hinabzujagen? Der höchste Berg im Land misst 322 Meter, das wird also nichts. So wie für Österreich in anderen Bereichen der Sportwelt.

Warum gilt man in Wien schon als Intellektueller, sobald man salonfähig über Skifahrer meckert?

5. In der Volkswirtschaftslehre empfehlen Klassiker von Adam Smith und David Ricardo, Länder sollen sich auf ihre absolute oder relative Bestproduktion spezialisieren. Das Gegenargument: Eine Bananenrepublik bleibt immer eine solche, wenn sie immer nur Bananen herstellt. Doch ist weder das Skilaufen eine Banane noch sind im Umkehrschluss sonstige Sportarten Hightech-Produkte.

6. Linksliberale Städter fragen trotzdem: „Wer braucht überhaupt noch Skisport?“ Mit provokantem Unterton, dass das kein Schwein interessieren würde. Das ist objektiv falsch. In der Vorwoche machten die Marktanteile der TV-Übertragung des Slaloms in Gurgl bis zu 53 Prozent aus. Mehr als die Hälfte der fernsehenden Menschen in Österreich wollten das Rennen sehen. Das waren mehr als 600.000. Obwohl ohne Heimsieg und bei Schönwetter zwischen 11 und 14 Uhr.

7. Das „Nightrace“ in Schladming verfolgen vor dem Bildschirm sogar zwei Millionen. Kitzbühel ist sowieso ein Publikumserfolg, obwohl Otto Normalverbraucher dort selten seinen Skiurlaub verbringt. Kritiker des Skisports machen es sich daher zu einfach, dass dieser bloß eine Sache für alte und reiche Nostalgiker wäre.

8. Die Wirtschaftskammer mag aktuell nicht die glaubwürdigste Quelle sein, doch beim Sport hat sie einen Punkt: Der Wintersport führt zu einem Bruttoumsatz von 11,2 Milliarden Euro – bei den Seilbahnen und Hotels, in der Gastronomie, im Sporthandel und für Transportunternehmen. Arbeitsplätze inklusive, welche freilich bessere Qualität haben könnten.

9. Unbestritten ist hingegen, dass es im Skisport Schneemänner mit einem Frauenbild aus dem vorigen Jahrhundert gibt. Weltmeisterin Stephanie Venier trat wegen der autoritären Kommunikation ihres Cheftrainers zurück. Der Ex-Präsident des Österreichischen Skiverbands, Peter Schröcksnadel, schwadronierte einst im Konflikt mit Olympiasiegerin Anna Fenninger über die „Sprache der Frau“, deren Empfindlichkeit und weitere sexistische Klischees.

10. Vor Kurzem meinte Schröcksnadel, dass man über den toten Skihelden Toni Sailer nur Gutes oder gar nichts sagen dürfe. Obwohl dem späteren Trainer Sailer eine Vergewaltigung vorgeworfen wird. Die betroffene Frau müsste laut Schröcksnadel für immer schweigen. Doch ist seit mehr als vier Jahren mit Roswitha Stadlober eine emanzipierte Frau Verbandspräsidentin, und das Skifahren sollte nicht wegen ein paar Ewiggestriger populistisch verteufelt werden.

Peter Filzmaier

Peter Filzmaier

ist Politikwissenschafter … und Sportfan! Seine Doktorarbeit verfasste er zu den politischen Aspekten der Olympischen Spiele, außerdem schrieb er mehrere Sportbücher, gestaltete einen Sport-Podcast und betreibt das Sportblog atemlos.at