Die verkorkste Dopingdiskussion
1. Jeder Dopingfall ist einer zu viel. Vor allem in Ausdauersportarten wie Radfahren, „meinem“ Laufsport und Schwimmen gehört noch viel mehr kontrolliert. Angesichts der schwierigen Nachweisbarkeit der saugefährlichen Zuführung von Kohlenmonoxid zwecks mehr roter Blutkörperchen müssen die organisatorischen Strukturen und finanziellen Mittel für Dopingtests vervielfacht werden.
2. Dasselbe gilt für die Verwendung des Krebsmedikaments AICAR. Von 166 AICAR-ähnlichen Präparaten stehen laut Dopingexperten nur vier auf der Verbotsliste. Das geht nicht. Ganz und gar nicht. Punkt und aus? Leider nein. Ich bin mit der Dopingdebatte extrem unglücklich. Es dominieren Emotionen statt Sachlichkeit.
Wer behauptet, er lege seine Hände ins Feuer, dass im modernen Radsport sicher nicht gedopt würde, dem ist seine körperliche Unversehrtheit nichts wert.
3. Wenn ich beim Giro d’Italia auf Instagram & Co Jonas Vingegaard und den großartigen Österreicher Felix Gall bewundere, herrscht dort häufig die Ansicht, dass das lauter Giftler wären, die sowieso allesamt hackedicht gedopt wären. Oder es wird gepostet, jeder Hinweis auf Doping wäre Nestbeschmutzung, alle Kritiker gehörten weggeräumt und Schlimmeres. Beide Meinungen werden mit oberflächlicher Dumpfbackigkeit vorgebracht.
4. Natürlich darf man kein Realitätsverweigerer sein. Obwohl es bei den großen Rundfahrten seit vielen Jahren keinen kapitalen Dopingfall gab: Wer behauptet, er lege seine Hände ins Feuer, dass im modernen Radsport sicher nicht gedopt würde, dem ist seine körperliche Unversehrtheit nichts wert. Das gilt im Ausdauerbereich genauso auch für „meine“ kenianischen Wunderläufer oder etwa chinesische Schwimmer.
5. Manche Anhänger des Radsports fühlen sich beim Wort Doping böswillig verfolgt, als hätte es nie Fälle wie Lance Armstrong, Jan Ullrich und Marco Pantani gegeben. Sie verdrängen total, dass es – abgesehen vom Staatsdoping wie in der Sowjetunion und Russland – kaum jemals Sportarten gegeben hat, in denen nachweislich so systematisch quer durch ganze Mannschaften gedopt wurde.
6. Immer noch wird bei den Radlern in Verdachtsfällen so langsam ermittelt, dass Verjährung eintritt. In mehr als zwei Dritteln der World-Tour-Teams des internationalen Radsports arbeiten mit Dopingvorwürfen schwer belastete oder überführte Personen. Weniger als die Hälfte der Teams sind Mitglied der „Mouvement Pour un Cyclisme Crédible“ (MPCC), also der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport.
7. Besonders obskur war ein Posting auf meiner Facebook-Seite, in dem sich einer beschwerte, dass a) das mit dem Doping eh schon jeder wisse, es b) quasi als Naturgesetz ständig Doper geben würde und man das demzufolge c) ruhig hinnehmen soll, statt ihn mit einer Berichterstattung darüber zu nerven. Ich hätte daher die Schnauze zu halten.
8. Dieser Typ könnte genauso schreiben, wir wissen, dass es a) Verbrechen gibt und b) immer Steuerbetrüger und Räuber unter uns sein werden, und demzufolge hätte man c) das gefälligst brav zu akzeptieren und niemand dürfe darüber reden. Was für ein Unsinn. Und der GAU als größter anzunehmender Unsinn sind Pauschalurteile.
9. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der eine Schuld nicht im konkreten Fall nachgewiesen werden muss, sondern irgendwer im Internet pauschal verkündet, wer Krimineller oder dopender Radsportler ist. Das Urteil muss ein unabhängiges Gericht – beim Radsport eine nicht beeinflussbare Dopingbehörde – fällen. Nicht der Volksmund. Schon gar nicht sollen sich in sozialen Medien die lautesten Schreier gegenseitig befeuern, um mit gemeingefährlichem Halbwissen Menschengruppen an den Pranger zu stellen.
10. Wer pauschal gegen angeblich dopende Radfahrer hetzt, sollte das gedanklich für den jeweils eigenen Beruf durchspielen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ich Ihnen vor meinen Zehntausenden Followern auf Instagram, Facebook oder Bluesky unterstelle, Sie wären in ihrem Job korrupt und drogensüchtig? Weil mir gerade danach ist. Wenn Sie das nicht wollen, sollten Sie das anderen wie den Radsportlern ebenfalls nicht nur mal so vorwerfen. Ich freue mich daher über die sensationellen Leistungen von Felix Gall beim Giro d’Italia!