© Udo Titz

Satire
07/17/2021

Rainer Nikowitz: Assessment-Center

Es ist überhaupt keine Schande, in Zeiten wie diesen seinen Job zu verlieren. Und auch nicht, wenn man trotz aller Qualifikationen vielleicht nicht sofort einen neuen findet. 

von Rainer Nikowitz

Berater: Hmm … Okay. Also, Sie sind Akademikerin, das ist ja schon einmal sehr gut. Und wie steht es denn mit Ihren bisherigen beruflichen Erfahrungen? 

Bewerberin: Nun, ich habe sowohl Erfahrung in der Führung eines Großunternehmens als auch eines mittelständischen Betriebs.

Berater: Das heißt also, sie haben mit dem kleineren angefangen und sich dann hochgearbeitet.

Bewerberin: Nun ja … Eigentlich habe ich mehr ein Großunternehmen übernommen und es dann zu einem mittelständischen umgeformt.

Berater: Oh. Das klingt aber nicht unbedingt nach einer Erfolgsgeschichte.

Bewerberin: Doch, absolut! Das war nämlich ein absolut notwendiger Prozess des Gesundschrumpfens. Die Firma hatte vorher zwar vielleicht mehr Kunden, aber … irgendwie nicht die richtigen. Ich habe sie aber jetzt so positioniert, dass sie nur mehr total angenehme Kunden hat. Mit den richtigen Wohnadressen und den richtigen Ansichten. 

Berater: Verstehe. Nun, so eine Transformation ist bestimmt auch nicht leicht zu bewerkstelligen. Hoffentlich hatten Sie da genug Unterstützung von Ihren Mitarbeitern.

Bewerberin: Um ehrlich zu sein: Nicht so viel, wie ich mir gewünscht hätte. Deshalb musste ich sie eigentlich im Wesentlichen allein durchziehen. Eigentlich sogar mehr als das: Ich musste mich auch noch gegen Widerstände aus der einen oder anderen Abteilung durchsetzen.

Berater: Und das haben Sie geschafft.

Bewerberin: Nun … im Endeffekt dann leider nicht. Sonst wäre ich ja nicht hier. 

Berater: Verstehe. Und Ihr Nachfolger setzt jetzt Ihren erfolgreichen Weg fort?

Bewerberin: Das … kann man leider nicht so sagen. Aber die Firma wird schon schauen, wo sie mit ihm bleibt. Die werden mir noch eine Menge Tränen nachweinen, so viel ist sicher. 

Berater: Nun, wie auch immer. Jetzt heißt es ohnehin den Blick nach vorn richten. Und diesbezüglich möchte ich Sie einmal fragen: Was wäre denn in Ihrem neuen Job für Sie am wichtigsten?

Bewerberin: Eindeutig das Arbeitsklima. Es ist furchtbar, wenn man gemobbt wird. Wenn zum Beispiel alles, was man entscheidet, sofort angezweifelt wird. Und das nur, weil eine Mehrheit in der Firma vielleicht anderer Meinung ist. 

Berater: Also so was!

Bewerberin: Na ja, und ansonsten kommt natürlich nur ein Job mit Viertagewoche infrage.

Berater: Ich bin mir nicht sicher, ob wir viele Arbeitgeber finden, die Ihnen so ein Angebot machen.

Bewerberin: Und genau da liegt der Hund begraben! Es gibt nun einmal keinen wirksameren Jobmotor als Arbeitszeitverkürzung. Bei vollem Lohnausgleich natürlich. Das weiß doch jeder! Bis auf die reaktionären Arbeitgeber wieder einmal. 

Berater: Äh …

Bewerberin: Und eine Quote muss es dort selbstverständlich auch geben, sonst setze ich keinen Fuß über die Schwelle.

Berater: Eine Quote wofür? 

Bewerberin: Selbstverständlich nur für die suprigen Spitzenjobs. Nicht für irgendwelche Dreckshacken, da bin ich nicht so. Aber Sie wissen ja: Wir brauchen die Quote unbedingt, sonst ändert sich nie etwas. Und Jobs werden noch ewig weiter nach Leistung vergeben statt nach Geschlecht. Wo bliebe denn da der Fortschritt?

Berater: Ich kann nicht garantieren, dass ich da sofort etwas finde, das Ihren Vorstellungen entspricht …

Bewerberin: Sehen Sie, und das ist ja wieder einmal typisch. Vor allem als selbstbewusste Arbeitnehmerin, die genau weiß, was sie will, ist man den Launen dieser Herrschaften mittlerweile komplett ausgeliefert! Höchste Zeit, dass die Zumutbarkeitsbestimmungen gesenkt werden. 

Berater: Für Arbeitnehmer?

Bewerberin: Erstens haben Sie jetzt auf das Gendern vergessen. Und zweitens: Nein! Für Arbeitgeber!

Berater: Jetzt haben Sie aber auch nicht gegendert.

Bewerberin: Ausbeuterische Raubtierkapitalisten sind selbstverständlich immer männlich. 

Berater: Gut. Aber wir verzetteln uns …

Bewerberin: Nein, ganz im Gegenteil! Endlich reden wir über die wirklich wichtigen Dinge! 

Berater: Hören Sie, es tut mir wirklich leid. Aber unter diesen Umständen habe ich im Moment nichts, was ich Ihnen anbieten könnte. 

Bewerberin: Okay, wissen Sie was? Dann mache ich jetzt einfach, was schon viele meiner Kolleginnen vor mir gemacht haben.

Berater: Und das wäre?

Bewerberin: Ich werde Spitzenmanagerin bei Siemens!

Berater: Öh … und Sie glauben, die nehmen Sie einfach so?

Bewerberin: Da bin ich mir absolut sicher.

Berater: Wie Sie meinen, Frau Rendi-Wagner.

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