Wer fürchtet sich vorm Antichrist? Niemand.
Die Wiener Festwochen haben Peter Thiel eingeladen. Der Deutsch-Amerikaner, der auch die neuseeländische Staatsbürgerschaft besitzt, ist einer der sogenannten Tech Bros, einer losen Gruppe von Erfindern und Betreibern der weltgrößten Daten- und Social-Media-Unternehmen. Thiel soll im Rahmen der Festwochen an einem öffentlichen Gespräch zum Thema „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ teilnehmen. Das hat einen Skandal ausgelöst, denn Thiel vertritt unter anderem antidemokratische Ideen, und sein Unternehmen Palantir beliefert die umstrittene US-Einwanderungsbehörde ICE mit Datenanalyse-Software.
Am Freitag, noch ehe diese profil-Ausgabe erscheint, findet deshalb eine Diskussion der Wiener Festwochen statt, bei der besprochen wird, ob die Veranstaltung mit Thiel stattfinden soll oder wieder abgesagt wird.
Die erbosten Gegner von Thiels geplantem Auftritt argumentieren, der Multimilliardär sei gefährlich und solle deshalb nicht gehört werden. In einem 2009 veröffentlichten Essay mit dem Titel „Die Erziehung eines Libertären“ schrieb Thiel, er glaube nicht mehr daran, dass „Freiheit und Demokratie noch länger vereinbar“ seien – und er gab der Freiheit den Vorzug. Um der politischen Ordnung zu entkommen, sah er drei Fluchtwege: den Cyberspace, den Weltraum und künstliche Inseln auf dem Meer, die jeder staatlichen Gewalt entzogen sind.
Was Thiel heute antreibt, ist die Angst vor einem weltweiten Totalitarismus, der in seinen Augen dadurch entstehe, dass Menschen (und Staaten) zur Abwehr von Gefahren wie Atomwaffen, Klimawandel und künstlicher Intelligenz einer Weltregierung die Macht übertragen. Eine solche globale Institution, basierend auf Werten der liberalen Demokratie, werde von ihren Anhängern als heilsbringend empfunden, sei aber in Wahrheit „der Antichrist“, so Thiel, dessen Weltbild stark von religiösen Bildern und Ideen geprägt ist.
Um diese Gefahr eines Antichristen zu bannen, unterstützte Thiel etwa schon 2016 die Kandidatur von Donald Trump, denn der beschädigt verlässlich alle internationalen Institutionen, die ihm in die Quere kommen.
Die Tech Bros totschweigen zu wollen, ist ein lächerliches Unterfangen. Kleinmut ist zudem unangebracht. Freiheit und Demokratie vertragen sich prächtig, und Thiels Apokalypse-Fimmel hält dem Realitycheck keine Sekunde stand.
Stellt also Peter Thiel eine Gefahr für die liberale Demokratie dar? Angesichts seiner Ideologie, in Kombination mit den technologischen Ressourcen seines Unternehmens und sehr, sehr viel Geld, kann man ihn jedenfalls als einen ihrer relevanten Gegner bezeichnen. Aber ist das ein Grund, ihn von den Wiener Festwochen auszuladen?
Nein.
Die Wiener Festwochen verstehen sich unter der Leitung von Milo Rau als Raum für politische Debatten, und man kann sich nicht aussuchen, welche Ideen gerade von Bedeutung sind – derzeit sind es eben oft ziemlich fragwürdige. Peter Thiel kann man alles Mögliche absprechen, nicht aber Relevanz. Die „New York Times“ schrieb, es spreche „vieles dafür, dass er der einflussreichste rechte Intellektuelle der letzten 20 Jahre“ sei.
Ein kritisches Gespräch von Thiel mit den beiden klugen Köpfen Milo Rau und Wolfgang Palaver, einem links-intellektuellen Theologen, wäre ein exzellentes Setting. Meine Vermutung: Das Publikum wird danach nicht mit Thiel auf eine künstliche Insel ziehen wollen.
Warum also sorgen sich manche wegen eines Auftritts von Thiel? Seine Ideen sind längst im Umlauf, er selbst eine Person des öffentlichen Interesses. Die Tech Bros totschweigen zu wollen, ist ein lächerliches Unterfangen. Kleinmut ist zudem unangebracht. Freiheit und Demokratie vertragen sich prächtig, und Thiels Apokalypse-Fimmel hält dem Realitycheck keine Sekunde stand. Welche sollen denn seiner Ansicht nach die drohenden totalitären Institutionen sein? Die UN-Klimakonferenz, bei der jeder Staat seine Ziele selbst einmelden kann? Der Atomwaffensperrvertrag? Die Welthandelsorganisation?
Oder andersrum: Wie toll läuft denn Trumps disruptiver Abschied vom Globalismus? Sorgt der Zoll-Irrsinn für die ersehnte ökonomische Freiheit? Ist Trumps „Friedensrat“, der bisher 0 Euro (in Worten: null Euro) eingesammelt hat, effizienter als die UNO? Handelt es sich um die versprochene grenzenlose Meinungsfreiheit, wenn Leute in den USA wegen harmloser Palästina-Kommentare des Landes verwiesen werden?
Peter Thiel wieder auszuladen, wäre eine Niederlage. Es würde den Eindruck erwecken, die Anhänger der liberalen Demokratie zitterten vor der Macht von Thiels Gedanken. Das ist nicht der Fall.
Wer fürchtet sich vorm Antichrist? Niemand.