Bayern, Bamberg: Auf der Eingangstür eines Geschäfts ist ein Schild mit der Aufschrift «Leider Geschlossen» angebracht.

© APA/dpa/Nicolas Armer

profil-Morgenpost
08/03/2022

Die Nacht der lebenden Toten

Den heimischen Zombie-Unternehmen geht es an den Kragen. Das hat auch sein Gutes.

von Christina Hiptmayr

Eigentlich bräuchte ich an dieser Stelle den Kollegen Stefan Grissemann, der Ihnen hier allerhand Kluges über das Wesen des Zombiefilms erzählen könnte. Doch der profil-Filmkritiker ist aktuell anderweitig beschäftigt und ich selbst scheitere daran (wohl aufgrund eines verdrängten Kindheitstraumas), mir für dieses filmische Subgenre nennenswerte Expertise aufzubauen. Und so muss dieser Text nun ohne launige Einleitung und humorige Metaphern auskommen. Kurz gesagt: es geht um Zombie-Unternehmen. Also jene Betriebe, die mehr tot als lebendig durch die Wirtschaftswelt wanken. Sie erwirtschaften zwar genug, um ihre laufenden Ausgaben zu decken, können aber die Zinskosten für ihre Schulden nicht mehr bedienen. Sie benötigen laufend Frischfleisch, sprich frisches Geld, um sich über Wasser halten zu können.

Als meine Kollegen vom profil-Wirtschaftsressort und ich im März 2020 nach der ersten Lockdown-Woche Kleinunternehmer und Selbständige besuchten, um zu erfahren, wie sie mit der neuen Situation umgingen, trafen wir auf eine Welt im Ausnahmezustand und eine Wirtschaft im Stillstand: Vom Friseur über die Konditorin, vom Fahrradhändler über den Automechaniker bis hin zur Taxiunternehmerin - sie alle trieb die Angst vor einer unsicheren ökonomischen Zukunft um. Einer unserer Gesprächspartner prognostizierte eine Pleitewelle binnen eines halben Jahres: „Die Insolvenzverwalter werden sich in sechs Monaten dumm und dämlich verdienen“, prophezeite er.

Nun, er sollte sich irren. In den vergangen zwei Jahren war die Zahl der Firmenpleiten auf einem Rekordtief. Doch nun holen sie auf. Das zeigen die Zahlen der Insolvenzstatistik für das erste Halbjahr 2022, die der Gläubigerschutzverband Creditreform am Montag veröffentlichte. Diesem zufolge sind die Firmeninsolvenzen so stark wie nie zuvor, nämlich um 121 Prozent auf 2.429 Verfahren, angestiegen und erreichen damit annähernd Vorkrisen-Niveau. Die mangels Vermögen abgewiesenen Insolvenzen haben sich gar um 164 Prozent auf 1.001 erhöht.

Aus Untoten werden Tote

Damit geht es jetzt auch den Zombie-Unternehmen an den Kragen. Sie wurden durch die massive staatliche Unterstützung durch die Corona-Krise getragen. Aber auch die Notenbanken trugen ihren Teil dazu bei, die in den vergangenen Jahren den Markt mit billigem Geld fluteten. Doch die meisten Corona-Hilfen laufen jetzt aus, und damit die Inflation nicht völlig außer Kontrolle gerät, heben die Zentralbanken die Zinsen an. Damit wird vielen Unternehmen die Kapitalbeschaffung zu teuer werden. Und aus den Untoten werden Tote.

Das ist zweifelsohne schlimm für die Betroffenen, schließlich stehen hier Existenzen dahinter. Doch volkswirtschaftlich betrachtet hat das Sterben dieser Unternehmen auch sein Gutes: Zombies binden wichtige Ressourcen, wie Kapital, Arbeitskräfte und Expertise. Weil sie kaum operative Gewinne einfahren, zahlen sie auch kaum Steuern. Außerdem fehlen ihnen meist die Mittel für Investitionen in neue Produkte und Innovationen. Wenn zu viele dieser Unternehmen über­leben, führt das längerfristig zu einem Verlust an Produktivität, heißt es auch in einer Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Die von profil im ersten Lockdown besuchten Unternehmen haben die Krise bis dato übrigens allesamt überstanden. Von Zombies ist hier weit und breit nichts zu sehen. Wenn Ihnen aber doch noch nach ein bisschen Grusel ist, darf ich auf unsere kommende Ausgabe hinweisen. Stefan Grissemann porträtiert darin den US-Regisseur und Schauspieler Jordan Peele, dessen Horrorfilm „Nope“ demnächst in den heimischen Kinos startet.

Einen sorgenfreien Mittwoch wünscht

Christina Hiptmayr